Gehirn: Wo moralische Entscheidungen entstehen

Astrid Goldmayer

Keine spezielle Region für moralische Entscheidungen im Gehirn zuständig

18.04.2012

Deutsche Wissenschaftler haben erstmals analysiert, welche Hirnregionen für moralische Entscheidungen zuständig sind. Dabei haben sie herausgefunden, dass keine spezielle Hirnregion diese Aufgabe übernimmt. Vielmehr handele es sich um rationale Verarbeitungsprozesse, auf deren Grundlage moralische Urteile gefällt würden.

Mehr zum Thema:

Moralische Werte sind unerlässlich im Zusammenleben
Moralische Werte sind unerlässlich im Zusammenleben von Menschen. Wo genau moralische Entscheidungen im Gehirn getroffen werden, haben jüngst zwei deutsche Wissenschaftler untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die Hirnareale für moralische Entscheidung fast vollständig mit denjenigen übereinstimmen, die für das Nachvollziehen von Gedanken oder von Emotionen anderer Menschen zuständig sind. „Der Befund spricht gegen die Existenz einer speziell moralischen Hirnregion und für die Entwicklung komplexer sozialer Leistungen wie moralischen Entscheidungen aus entwicklungsgeschichtlich älteren Hirnfunktionen“, erklärt der Medizinstudent Danilo Bzdok, der im Rahmen des Internationalen DFG-Graduiertenkollegs „Schizophrenie und Autismus“ an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Aachener Universitätsklinikum forscht. „Große Teile des medialen präfrontalen Kortex, des Präkuneus, der temporo-parietalen Junktion als auch die Amygdala und der posteriore zinguläre Kortex waren sowohl bei diesen Prozessen als auch bei moralischen Entscheidungen beteiligt.“ Bzdok ist zudem gemeinsam mit Professor Simon Eickhoff von der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf am Institut für Neurowissenschaften am Forschungszentrum Jülich tätig.

Mit der sogenannten „Activation Likelihood Estimation Meta-Analyse“, einem neuen Verfahren zur statistischen Zusammenfassung von funktionellen Bildgebungsbefunden, untersuchten Eickhoff und Bzdok hunderte von Studiendaten auf statistische Gemeinsamkeiten. Die beiden Wissenschaftler konnten so einen Vergleich zwischen den Hirnregionen aufstellen, die bei moralischen, rationalen und gefühlsbasierten Entscheidungen besonders aktiv sind.

Moralische Entscheidungen basieren auf rationalen Verarbeitungsprozessen im Gehirn
Die Analyse der funktionellen Bildgebungsbefunde ergab zudem, dass moralische Entscheidungen maßgeblich auf der Grundlage von rationale Verarbeitungsprozesse im Gehirn getroffen werden. „Diese Entscheidungsprozesse finden in den sogenannten ‚default mode‘ Regionen statt, die für die Verarbeitung unterschiedlichster abstrakter sozialkognitiver Überlegungen zuständig sind“, erklärt Eickhoff.

Moralisches Denken ist demnach in erster Linie ein rationaler Prozess, der durch das empathische Mitfühlen von Emotionen in zwischenmenschliche Beziehung einbezogen wird. „Dieses Bild menschlicher Moral deckt sich sehr gut mit klinischen Beobachtungen an Psychopathen, die bei theoretischen moralischen Fragestellungen überdurchschnittlich gut abschneiden, sich jedoch aus Mangel an Empathie im täglichen Leben unmoralisch verhalten“, fügt Eickhoff hinzu.

Frauen und Männer zeigen unterschiedliche moralische Emotionen
Dass Frauen und Männer unterschiedlich denken und fühlen, ist bereits seit langem bekannt. Forscher von der Universidad Nacional Autonoma de Mexico in Queretaro haben im letzten Jahr per Hirnscanner untersucht, wie sich die sogenannte moralische Emotion von Frauen und Männern im Gehirn zeigt. Das Team um Fernando Barrios beobachtete die Aktivität verschiedener Hirnregionen, während sich die Studienteilnehmer Bilder ansahen und bei Mitgefühl, zum Beispiel bei der Betrachtung von Fotos hungernder Kinder, Fingerzeichen gaben.

Zwar äußerten Männer und Frauen beim ansehen der Bilder etwa gleich häufig Mitgefühl, die korrespondierenden Aufnahmen des Hirnscans zeigten jedoch sehr unterschiedliche Messergebnisse. Barrios berichtet, dass die Aufnahmen der weiblichen Gehirne auf den ersten Blick reicher und komplexer aussahen. Die Männergehirne hätten nur an wenigen, fokussierten Stellen Aktivität gezeigt.

Frauen, die gerade Mitgefühl empfinden, aktivieren demnach den „Gyrus cinguli“, der wichtiges Integrationszentrum für die Empathie darstellt, da dort emotional Relevantes aus unterschiedlichen Regionen des Gehirns für Handlungsentscheidungen zusammenführt wird. Bei Männern ist diese Region zwar nicht aktiv, dafür aber der Scheitellappen, in dem eher eine Analyse verschiedener Umweltbeobachtungen stattfindet. (ag)

Lesen Sie zum Thema:
Psychologie: Ekelgefühle sind überlebenswichtig