Heillose Zustände in der Medizin

Sebastian

"Heillose Zustände": Wie die Gesundheitsindustrie Krankheiten für den Profit erfindet

02.10.2012

Für sehr viel Aufsehen sorgt derzeit das neue Buch des Medizinjournalisten Dr. med. Werner Bartens. In seinem Machwerk "Heillose Zustände" prangert er die Unfähigkeit der Ärzte an, sich eine differenzierte Meinung anzueignen. Vielmehr vertrauen viele Mediziner den Lobbyisten der Pharmaindustrie und gehen selbst nach dem Grundsatz des Profits. Bartens geht in seinem Buch sogar soweit und behauptet, einige Krankheiten gebe es überhaupt nicht und wurden nur erfunden, um Gewinnmaximierung zu erreichen. „Wäre das deutsche Gesundheitswesen ein Patient, würde er wohl auf der Intensivstation liegen“.

„Heillose Zustände“ herrschen in Deutschland: Der Medizinjournalist, Arzt und Autor des „Ärztehasser-Buches“ Werner Bartens hat ein neues Buch geschrieben. In diesem prangert er die Gesundheitsindustrie in Deutschland an. Riskante Brustimplantate, eine übermäßige Krebsvorsorge und teure Arzneimittel ohne Mehrwert seien einige Beispiele, die zeigen, wie nicht mehr der Patient, sondern das Geld im Vordergrund steht.

Mehr Profit lieben alle im Kapitalismus. „Wenn aber die Gesundheitsindustrie wachsen soll, müssen mehr Menschen krank sein“, schreibt der Autor im Vorwort. Damit der Gewinn gesteigert werden kann, werden kurzerhand überflüssige Medikamente konzipiert und sogar neue Krankheiten erfunden. Zudem hängen oft aufwendige Untersuchungen nicht vom Krankheitsverlauf ab, sondern von der Verfügbarkeit und vom Abschreibebedarf der teuer angeschafften Praxisgeräte. „Klar ist: ein gutes Gesundheitssystem gibt es nicht zum Schnäppchenpreis, aber wer räumt da eigentlich mal auf in diesem Selbstbedienungsladen der Lobbygruppen? Und wo ist die Lobbygruppe der Patienten?“ fragte sich auch unlänsgt Frank Plasberg in der ARD-Sendung „Hart aber Fair“.

Laut Bartens werde die Medizin in Deutschland vor allem als eine profitorientierte Wachstumsbranche angesehen. Damit diese wachse, brauche man immer wieder neue Angebote. So entstehe automatisch eine neue Nachfrage. Und ausreichende Kontrollen und Regulierungen in Praxen und Kliniken existieren kaum.

Aus Trauer wird Depression, aus erhöhtem Bludruck Hypertonie
Bartens kann als studierter Arzt auch gleich reihenweise mit Beispielen aufwarten. Die Medizin lasse die natürlichen Wechseljahre der Frau als eine Art Erkrankung erscheinen. Eine normale Trauer werde schnell zur „Depression, zur Krankheit gemacht." Leicht erhöhte Blutfettwerte oder grenzwertiger Blutdruck würden immer weiter gesenkt und rund 80 Prozent der Röntgenaufnahmen bei Rückenschmerzen seien ebenfalls fragwürdig. Ebenso würden nach Ansicht des Medizinjournalisten Kniegelenke viel zu gespiegelt, als es tatsächlich notwendig wäre.

Erfundene Krankheiten für den Profit
Es geht Bartens nicht nur um unnötige Diagnostika, überflüssige Arzneien und übertriebene Behandlungen. Der Autor behauptet sogar, dass viele Krankheiten schlicht und ergreifend erfunden seien. Das ABC der erfundenen Krankheiten sehe so aus: "Alzheimer, Burnout, Cellulite." Besonders Kinder würden einer übertriebenen Überwachung ausgesetzt sein. So seien selbst Schreiambulanzen, Experten für Durchschlafprobleme oder Teilleistungsschwächen eigentlich oft überflüssig und würden nur das Leben der Eltern schwer machen. Diese wüssten nicht, dass Lärm, Streit und Durcheinanderreden für Kinder ganz normal ist.

Seiner Meinung nach würden Ärzte oft das machen, was auch Profit bringt. Einen medizinischen Nutzen für den Patienten hätten sie dabei nicht immer vor Augen. „Setzt das System finanzielle Anreize, die auf teure Behandlungen und lukrative Patienten setzt, wird der Arzt zum Verkäufer. Zeit für Zuwendung bleibt auf der Strecke.“ Vielfach seien die Ärzte auch nicht auf dem neusten Stand, weil sie sich zu wenig informieren. "80 Prozent der Ärzte in Deutschland lesen keine englischsprachigen Fachzeitschriften“, bemängelt der Autor. Vielmehr würden sie sich auf die regionalen Meinungsführer verlassen, die nicht selten von der Pharmaindustrie bezahlt werden.

Pharmaindustrie manipulierte manche Studie
Die Aussagen belegt der Medizinjournalist zum Beispiel mit Studien, die die Pharmaindustrie in ihrem Sinne manipuliert hat und sich dabei der mangelnden Transparenz im Gesundheitssystem zunutze macht. Zudem widmet sich der Autor dem Lobbyismus der Medizin- und Pharmaindustrie und der Unfähigkeit der Gesundheitspolitiker die für zu laxe Bestimmungen im Gesundheitswesen sorgen. So müssten zum Beispiel neue medizinische Hightech-Geräte keinen wirklichen Nutzen nachweisen, um später zugelassen zu werden. Es reiche aus, dass sie funktionieren.

Nach dem Lesen des Fünf Kapitel langen Buches bleiben Patienten mitunter ratlos zurück. Denn eine schnelle Änderung des Systems scheint nicht in Sichtweite zu sein. Trotzdem kann „Heillose Zustände“ Experten und Laien zum Nachdenken anregen und damit einen kleinen Beitrag zur Besserung beitragen. Denn das, was Bartens schreibt, hat Hand und Fuß, wenn es um die Offenlegung der dubiosen Machenschaften der „profitgierigen Akteure im Gesundheitssystem“ geht. Wenn die Kritik lauter wird, kostengünstige Behandlungen der Naturheilkunde mehr Anklang finden und sich auch Ärzte von der Gier lossagen, kann sich einiges ändern. Schließlich hat ein Umdenken auch dazu geführt, dass Menschen in Sachen Ernährung sehr viel kritischer geworden sind und immer öfter „Bio“ statt „Billig“ bevorzugen. Ein guter Arzt und ein kritischer Patient, das sind die ersten Schritte in die richtige Richtung. Prädikat lebenswert. (sb)

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