Immerzu Schmerzen und Zahnverlust: Behandlung bei Parodontitis erfolgt oft deutlich verspätet

Fabian Peters
Barmer GEK: Parodontitis-Therapie wird oftmals zu spät begonnen
Mundgeruch und Zahnfleischbluten sind typische Hinweise auf eine vorliegende Parodontitis. Langfristig drohen Zahnverlust und weitere gesundheitliche Beeinträchtigungen. Bei einer rechtzeitig eingeleiteten Therapie, lässt sich die Parodontitis theoretisch relativ gut behandeln. Dennoch gehen laut dem aktuellen „Barmer Zahnreport 2017“ bei etwa einem Drittel der Erkrankten und damit bei bundesweit 440.000 Personen trotz Therapie die betroffenen Zähne verloren. Die Parodontitis-Therapie verfehle offenbar häufig ihr Ziel, die Zähne zu erhalten, so die Mitteilung der Barmer GEK.

„Die Parodontitis-Therapie scheint für viele Patienten spät oder zu spät zu kommen. Dabei ist sie eigentlich hilfreich“, betont der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Prof. Dr. Christoph Straub. Den Betroffenen sei daher dringend dazu zu raten, frühzeitig zum Zahnarzt zu gehen und dessen Therapie-Empfehlungen auch konsequent umzusetzen. Hier seien regelmäßige Kontrolluntersuchungen angebracht. Wer nicht jährlich zur Kontrolluntersuchung gehe, verdopple sein Risiko, trotz einer Parodontitis-Therapie Zähne zu verlieren, so Prof. Straub. Zudem sei eine regelmäßige Nachsorge wichtig, da Betroffene auch nach der Behandlung „Risikopatienten“ bleiben. Denn bei der Parodontitis handelt es sich um eine chronische Erkrankung.

Wer die Mundhygiene vernachlässigt, riskiert die Entwicklung von Zahnfleischentzündungen und Parodontitis. Letztere wird oftmals zu spät erkannt und hat anschließend häufig einen Zahnverlust zur Folge, so das Ergebnis des aktuellen Zahnreports der Barmer GEK. (Bild: ALDECAstudio/fotolia.com)

Zwei Drittel der Senioren betroffen
Bereits zum fünften Mal hat die Barmer GEK die Studie zur Mundgesundheit der Deutschen durchgeführt und dabei festgestellt, das hierzulande mehr als die Hälfte der Erwachsenen im mittleren Alter von Parodontitis betroffen ist. Viele Betroffene ahnen laut Angaben der Barmer GEK nicht von ihrer Erkrankung. Unter den Senioren seien sogar nahezu zwei Drittel Betroffen, was mehr als fünf Millionen Personen allein in dieser Altersgruppe entspreche. Und nur rund die Hälfte der gesetzlich Versicherten nehme in einem Zweitraum von zwei Jahren mindestens einmal an einer Parodontitis-Untersuchung teil. Eine entsprechende Therapie haben im Jahr 2015 lediglich 1,2 Millionen Männer und Frauen (zwei Prozent der Versicherten) durchlaufen.

Oft führt Parodontitis zum Zahnverlust
„Auch wenn natürlich nicht jeder Betroffene jedes Jahr eine Therapie benötigt, gibt es doch eine deutliche Diskrepanz zwischen den an Parodontitis-Erkrankten und den Behandelten“, betont Studienautor Prof. Dr. Michael Walter, Direktor der Dresdener Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus. Dies sei besonders bedenklich, da der Therapieerfolg immer unsicherer wird, je weiter die Erkrankung vorangeschritten ist. So ist laut Angaben der Barmer GEK bei rund einem Drittel der Erkrankten trotz entsprechender Behandlung ein Zahnverlust innerhalb von vier Jahren festzustellen.

Früherkennung und Nachsorge besonders wichtig
Der jährlich Zahnarztbesuch ist laut Aussage der Experten auch im Sinne der Parodontitis-Prävention wichtig. Allerdings gehen den Zahlen des Barmer Zahnreports zufolge lediglich rund 72 Prozent der Versicherten mindestens einmal im Jahr zum Zahnarzt. So wird eine vorliegende Parodontitis oft erst verspätet entdeckt. Von besonderer Bedeutung seien die Früherkennungs- und Nachsorgeuntersuchungen zu Parodontitis bei Menschen mit Diabetes, berichtet die Barmer GEK weiter. So seien Diabetiker deutlich häufiger von einer Zahnentfernungen nach einer Parodontitis-Therapie betroffen. „Bei jungen Diabetikern ist das Risiko mehr als doppelt so hoch wie bei gleichaltrigen Nicht-Diabetikern“, betont Prof. Straub.

Folge eines Zahnhygieneproblems
Der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK schlägt angesichts des erhöhten Risikos bei Diabetes vor, dass regelmäßige zahnärztliche Kontrollen auf Parodontitis hier Bestandteil der bereits bestehenden strukturierten Behandlungsprogramme für Diabetiker werden sollten. Doch nicht nur Diabetiker, sondern alle Bürger seien gute beraten, wenn sie sich an dem Leitsatz orientieren:„Vorsorge ist das A und O einer guten Zahngesundheit.“ Auch Parodontitis bilde in der Regel die Folge eines Zahnhygieneproblems. Oft ließe sich die Erkrankung daher auf einfache Weise vermeiden. Verkürzt gesagt, „Keine Zahnbeläge, keine Parodontitis“, so der Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK. Hier bilden konsequentes Zähneputzen und eine regelmäßige Inanspruchnahme der Kontrolluntersuchungen die Voraussetzungen für gesunde Zähne.

Zahngesundheit nicht vernachlässigen
Aus gutem Grund wird laut Angaben der Barmer GEK jedes halbe Jahr eine allgemeine Kontrolluntersuchung beim Zahnarzt, einmal im Jahr die Entfernung des Zahnsteines und alle zwei Jahre eine Parodontitis-Untersuchung (Parodontale Screening Index; PSI) von den Krankenkassen bezahlt. Die regelmäßigen Untersuchungen seien gut geeignet, eine heraufziehende Parodontitis zu erkennen und damit frühzeitig weitergehende Behandlungen einzuleiten. Studienautor Prof. Walter appelliert „ausdrücklich an alle Bürger, die Zahngesundheit nicht zu vernachlässigen und schon bei den ersten Warnsignalen wie Zahnfleischbluten sowie geschwollenem und gerötetem Zahnfleisch zum Zahnarzt zu gehen.“ Eine Zahnfleischentzündung oder eine beginnende Parodontitis seien noch leicht und schmerzarm zu behandeln. Allerdings werde es deutlich komplizierter, wenn die Erkrankung schon weit fortgeschritten ist.

Regionale Unterschiede bei den Parodontitis-Therapien
In dem aktuellen Zahnreport der Barmer werden des Weiteren erhebliche regionale Unterschiede im Umgang mit Zahnbetterkrankungen deutlich. Während beispielsweise im Saarland nur 0,9 Prozent der Versicherten eine Therapie erhielten, seien es in Nordrhein-Westfalen mehr als doppelt so viele (2,1 Prozent) gewesen, berichtet die Krankenkasse. Laut Aussage von Prof. Walter sind diese Unterschied schon seit mehreren Jahren zu beobachten, doch die Ursachen seien anhand der Reportdaten nicht aufklärbar.

Was ist eine Parodontitis?
Die Parodontitis oder Zahnbettentzündung ist eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparates, bei der Gewebe und Knochen über einen längeren Zeitraum hinweg zerstört werden. Am Ende droht der Zahnverlust. Auch wurde ein Zusammenhang mit verschiedenen anderen Erkrankungen festgestellt. So kam beispielsweise ein Studie im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass bei Frauen, die nach der Menopause an Parodontitis erkranken, ein erhöhtes Brustkrebsrisiko besteht. Die Parodontitis entsteht durch Beläge auf den Zähnen und in den Zwischenräumen, welche der Körper zunächst durch eine Zahnfleischentzündung, die Gingivitis, abzuwehren versucht. Ohne Behandlung kann die Entzündung in tiefere Gewebe vordringen und eine Parodontitis entstehen.

Parodontitis für Laien schwer erkennbar
Besonders gefährdet sind laut Angaben der Barmer GEK „Raucher, Diabetiker, Menschen mit einem geschwächten Immunsystem und viel Stress.“ Für Laien sei es jedoch kaum zu erkennen, ob nur eine Zahnfleischentzündung oder schon eine Parodontitis vorliegt. „Daher ist es wichtig, bei ersten Warnsignalen professionelle Hilfe zu suchen“, betonen die Experten. Solche Warnsignale bilden zum Beispiel Zahnfleischbluten, Schwellungen, Rötungen und Mundgeruch. (fp)