Krebsfälle im Umfeld der Asse weiterhin ungeklärt

Fabian Peters

Zusammenhang zwischen Atommülllager und Krebserkrankungen weiter unklar. Die Befragung von Krebskranken wird im Umfeld der Asse fortgesetzt.

10.03.2011

Die Aufklärung der erhöhten Anzahl von Krebserkrankungen im Umfeld des maroden Atommülllagers Asse konnte noch nicht abgeschlossen werden. Die zuständige Arbeitsgruppe teilte bei ihrer gestrigen Sitzung mit, dass weitere Befragungen nötig seien, um zu belastbaren Aussagen zu kommen.

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Nachdem Ende letzten Jahres das Epidemiologische Krebsregister Niedersachsen (EKN) eine deutliche erhöhte Anzahl von Krebserkrankungen (insbesondere Leukämie bei Männern, Schilddrüsenkrebs bei Frauen) im Umfeld des ehemaligen Salzbergwerkes Asse festgestellt hatte, wurde eine von Bund, Land und Landkreis Wolfenbüttel einberufene Arbeitsgruppe mit der Aufklärung eines möglichen Zusammenhangs zwischen den Krebserkrankungen und dem Atommülllager beauftragt. Bei den entsprechenden Befragungen haben sich jedoch zu wenige der Betroffenen beteiligt, um eine valide Aussage treffen zu können, erklärte die Arbeitsgruppe bei ihrer Sitzung am Mittwoch.

Zusammenhang zwischen Atommülllager und Krebserkrankungen ungeklärt
Die unter anderem aus Vertretern des Sozial- und Umweltministeriums, des Epidemiologischen Krebsregisters Niedersachsen (EKN), des Landesgesundheitsamtes und des Bundesamtes für Strahlenschutz bestehende Arbeitsgruppe leitete eine umfassende Befragung ein, mit der das individuelle Krebsrisiko der Betroffenen sowie ein möglicher Einfluss des Atommülllagers überprüft werden sollte. Jedoch enttäuschte die Vorstellung der Ergebnisse am Mittwoch. Zur Aufklärung der insgesamt 47 Fällen von Leukämie, Lymphom- und Schilddrüsenkrebs in der Samtgemeinde Asse konnten die bisherigen Resultate keinen Beitrag leisten, da sich bisher zu wenige der Betroffenen an der Befragung beteiligt haben, teilte die Arbeitsgruppe gestern mit. Zwar hatten sich 164 Bürger der Samtgemeinde Asse gemeldet und 150 von ihnen die Fragen zum individuellen Krebsrisiko wie beispielsweise zur Arbeitsstelle, dem Wohnort und den familiären Risikofaktoren beantwortet, doch von den 47 Krebskranken nahmen nur 15 an der Befragung teil. „Es sollten sich noch mindestens 20 melden, um eine wissenschaftlich belastbare Aussage machen zu können“, forderte Gabriele Windus vom niedersächsischen Sozialministerium. Die Krebserkrankungen werden vom EKN anonym erfasst, so dass ein direktes Anschreiben an die Betroffenen nicht möglich und die Arbeitsgruppe auf eine freiwillige Beteiligung angewiesen ist.

Landrat fordert betroffene Krebspatienten zur Beteiligung auf
Insbesondere „diejenigen, die in der Samtgemeinde Asse wohnen und an Leukämie oder Lymphom- und Schilddrüsenkrebs erkrankt sind“, seien aufgefordert, sich an der Befragung zu beteiligen, erklärte Landrat Jörg Röhmann (SPD). Da manche der Betroffenen eventuell schon verstorben seien, setzte die Arbeitsgruppe hier auch auf die Unterstützung der Ärzte und werde diese mit einer extra Informationsveranstaltung stärker einbinden, so Röhmann weiter. Auch die Befragung werde weiter fortgesetzt, bis sich ausreichend Leukämie-, Lymphom- und Schilddrüsenkrebs-Patienten gemeldet haben. Angesichts der Tatsache, dass allein im vergangenen Jahr 39 Krebs-Neuerkrankungen in der Samtgemeinde festgestellt wurden, sollte es dabei eigentlich kein besonderes Problem darstellen, ausreichend Betroffene für die Beantwortung der Fragen zu finden. Allerdings hat bereits jetzt fast ein Drittel aller Krebskranken aus der Samtgemeinde Asse an der Umfrage teilgenommen, so dass die Öffentlichkeit zu Recht erste Ergebnisse einfordert.

Erhöhte Krebsrate im Umfeld der Asse Zufall?
Zwar wertet der SPD-Landrat Röhmann die Tatsache, dass es keine räumliche Häufung der Krebsfälle innerhalb der Samtgemeinde Asse gibt, als positiv, doch einen Zusammenhang mit dem maroden Atommülllager konnte auch er nicht ausschließen. Anders die Bundesregierung, die bereits vor der ersten Untersuchung behauptet hatte, ein Zusammenhang der erhöhten Krebsrate mit dem Atommülllager sei ausgeschlossen bzw. das gehäufte Auftreten der Krebserkrankungen in der Samtgemeinde Asse sei ein statistischer Zufall. Das niedersächsische Umweltministerium, mit dem eher als Freund der Atomkraft bekannten Hans-Heinrich Sander an der Spitze, bestätigte hingegen von Anfang an, dass 39 Krebs-Neuerkrankungen im vergangenen Jahr eine ungewöhnliche Häufung im Umfeld des maroden Atommülllagers darstellen. Zu einer eindeutigeren Aussage sind die öffentlichen Institutionen bisher jedoch offenbar nicht bereit. Dass auch die Arbeitsgruppe nach drei Monaten noch keine hilfreichen Ergebnisse vorlegen kann, passt dabei gut ins Bild.

Zusammenhang mit Krebserkrankungen offiziell stets dementiert
Denn immer wenn in der Vergangenheit ein möglicher Zusammenhang wie beispielsweise zwischen Leukämie-Erkrankungen (insbesondere bei Kindern) und Atomkraftwerken diskutiert wurde, war das Ergebnis der offiziellen Untersuchungen am Ende, dass kein Zusammenhang bestehe. Obwohl renommierte Wissenschaftler diesen vorher eindeutig wissenschaftlich belegt hatten. So haben zuletzt Forscher des Deutschen Krebsregisters erwiesen, dass Kinder im Alter bis zu vier Jahren einem umso höheren Leukämie-Risiko unterliegen, je näher ihr Wohnort an einem Atomkraftwerk liegt. Im Zeitraum von 1980 bis 2003 seien im Umkreis von fünf Kilometern um die deutschen Reaktoren insgesamt 37 Kinder an Leukämie erkrankt, wohingegen im statistischen Durchschnitt lediglich 17 Fälle zu erwarten gewesen wären, teilten die Experten damals mit. Konsequenzen zog daraus weder das Bundesamt für Strahlenschutz noch die Politik – im Gegenteil: Heute haben Atomkraftwerke in Deutschland einen weit größeren Rückhalt in der Bundesregierung als noch im Jahr 2007.

Krebs-Patienten sollten zur Aufklärung beitragen
Ob im Umfeld des Atommülllagers Asse ein erhöhtes Krebsrisiko besteht, sollte im Interesse der Bevölkerung eigentlich möglichst zeitnah geklärt werden, damit sich die Bürger der Samtgemeinde nicht unwissentlich täglich der Gefahr einer Krebserkrankung aussetzen. So ist es für die Einwohner äußerst unbefriedigend, dass bisher keine Ergebnisse vorliegen. Doch hier sind auch die Bürger vor Ort dazu aufgefordert, sich verstärkt an der Aufklärung zu beteiligen. Betroffene sollten dringend an der Umfrage teilnehmen, um die 20 zusätzlichen Teilnehmer für eine wissenschaftlich belastbare Aussage zusammen zu kriegen und eventuell zur Klärung des möglichen Zusammenhanges zwischen den Krebserkrankungen und dem maroden Atommülllager beizutragen. (fp)