Mammographie erkennt zahlreiche Tumore nicht

Sebastian

Mammographie kann bei dichtem Brustgewebe oft Tumore nicht aufspüren

16.09.2012

Die Mammographie dient dazu, bösartige Tumore in der Brust der Frau festzustellen. In der Vergangenheit hatte sich jedoch gezeigt, dass die Aussagekraft der Bilder mindestens eingeschränkt ist, wenn das Brustgewebe der Frauen sehr dicht ist. Vor allem bei noch jungen Frauen ist die Brustdichte sehr hoch. Erst im Alter lässt die Dichte nach. In den USA sollen daher weitere Verfahren zum Einsatz kommen, wenn Frauen das wünschen. In Deutschland ist ein solches Verfahren im Rahmen des Screening-Programms der Krankenkassen nicht vorgesehen.

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Jedes Jahr erkranken allein in Deutschland rund 60.000 Frauen neu an Brustkrebs. Etwa 17.000 Patientinnen erliegen pro Jahr dem Krebsleiden. „Ab dem 50. Lebensjahr steigt das Risiko an einem Mammakarzinom zu erkranken“, wie die Deutsche Krebshilfe berichtet. Stellt ein Gynäkologe während einer sogenannten Tastuntersuchung Auffälligkeiten fest, folgt meist eine Mammographie. Mit der Röntgenuntersuchung soll die Krebserkrankung so früh wie möglich, auch in regulären Vorsorgeuntersuchungen, erkannt werden, um die Heilungschancen der Patientinnen zu erhöhen. Während bei älteren Frauen die diagnostische Genauigkeit sehr groß ist, stößt das Verfahren bei jüngeren Frauen an seine Grenzen.

Grund dafür ist die Dichte des Brustgewebes, denn dann verliert das erstellte Röntgenbild an Aussagekraft. Im Zuge dessen ist in den USA ein Debatte entbrannt, ob Frauen nach einer Mammographie über ihre Brustdichte seitens des Arztes aufgeklärt werden sollten. Einige US-Bundesstaaten setzen sich für eine zusätzliche Aufklärung ein, um im Bedarfsfall weitere Untersuchungen wie das Ultraschallverfahren durchführen zu können. Mittlerweile haben einige Staaten wie Texas, Connecticut,Virginia und aktuell New York die erweiterte Diagnostik und Aufklärung verbindlich eingeführt.

Hohe Brustdichte erhöht das Brustkrebsrisiko
Der Grund: Verfügen Frauen über eine hohe Brustdichte, also weniger Fettgewebe, dafür aber mehr Drüsen- und Bindegewebe, liegt nach einigen Studien ein erhöhtes Brustkrebsrisiko vor. Auf der anderen Seiten lassen sich Mammakarzinome aufgrund der Beschaffenheit der Brust auf dem Bild nicht eindeutig identifizieren und können demnach leicht übersehen werden. Das bestätigt auch die Initiative „Mamazone“ (Frauen und Forschung gegen Brustkrebs e. V.) in Augsburg. Laut des Vereins ist „das Screening-Programm bei rund 30 Prozent der Frauen eher blind“. In etwa dem Anteil verfügen Frauen über eine hohe Brustdichte. „Zwar können bei der Mammographie kleine Kalkablagerungen gefunden werden, die möglicherweise eine Krebsvorstufe darstellen. Doch bei hoher Brustdichte ist die Röntgenaufnahme der Brust weniger erfolgreich bei der Entdeckung von Tumorgewebe“.

In der Regel nimmt die Dichte der Brust mit Fortschreiten des Alters ab. Die meisten Frauen verfügen über ein eher durchmischtes Brustgewebe. Etwa zehn Prozent der Frauen verfügen laut des Amerikanischen Radiologie-Kollegs ein beinahe vollständiges Fettgewebe. Bei weiteren zehn Prozent der Frauen in den Staaten läge ein „extrem dichtes Gewebe“ vor, berichten die Radiologen.

Zahlreiche Krebstumore durch Mammographie nicht erkannt
Viele Krebspatientinnen hatten sich in der Vergangenheit darüber empört, dass ihnen von Seiten des Arztes nicht gesagt wurde, dass bei einer hohen Brustdichte Krebstumore eher verborgen bleiben und daher die Diagnostik der Mammographie fälschlicherweise von einem unauffälligen Befund ausgeht. Doch was soll geschehen, wenn die Brustdichte erhöht ist und eine Screening nicht ausreicht? Können weitere Untersuchungen wie Ultraschall bessere Ergebnisse liefern?

Die US-Amerikanische Krebsgesellschaft sieht die Forderung nach einer Ultraschall-Untersuchung nicht unkritisch. Diese sind „nicht standardisiert und lösen in einigen Fällen Fehlalarm aus“, wie Otis Brawley berichtet. Die Folge: Es werden im Anschluss möglicherweise eigentlich unnötige Biopsien durchgeführt. Daher bewegen „wir uns dabei in einem Graubereich“, so der Experte. Sowieso sind die Ergebnisse häufig falsch.

Experten fordern zusätzliche Ultraschalluntersuchung bei hoher Brustdichte
Prof. Dr. Ingrid Schreer, vom Mammazentrum des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein erklärte, dass insgesamt die Lage in Deutschland unbefriedigend sei. Jede Frau habe ein Recht darauf Informationen über eine höhere Brustdichte zu erhalten. Der untersuchende Arzt sollte dann eine ergänzende Ultraschalluntersuchung sowie ein Abtasten empfehlen. Allerdings unterliegen erweiterte Diagnoseverfahren derzeit keiner Qualitätssicherung. Betroffene wüssten vielmals nicht, wie erfahren und spezialisiert der Mediziner hierbei sei. „Viel besser wäre es, den Frauen mit hoher Gewebe-Dichte im Rahmen des deutschen Mammographie-Screenings eine ergänzende Sonographie anzubieten“, sagte die Spezialistin gegenüber der „Welt“. Diese Vorgehensweise werden laut Schreer von der Kooperationsgemeinschaft Mamographie-Screening in Deutschland abgelehnt.

„Bei der Ultraschalluntersuchung können die Schallwellen von Tumorgewebe anders reflektiert werden, als gesundes Gewebe“, mahnt „Mamazone“. Allerdings, wie auch bei der Mammographie, kann die Ultraschall-Diagnostik keine „eindeutige Aussage zur Frage der Bösartigkeit bei zahlreichen Tumoren“ stellen. Das kann nur durch eine Biopsie belegen. Allerdings geben „Form, Ausrichtung, Begrenzung sowie weitere Parameter erste Hinweise“.

Das Screening-Programm in Deutschland, dass von den gesetzlichen Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen initiiert ist, schlägt allerdings nur Frauen zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr alle zwei Jahre eine kostenfreie Mammographie zur Krebsfrüherkennung vor. Die Brustkrebs-Selbsthilfe-Gruppe „Mamazone“ bemängelt seit Jahren das Mammographie-Screening-Programm. Eine zusätzliche Ultraschall-Untersuchung sei „absolut notwendig, damit sich Frauen mit hoher Gewebedichte nicht in falscher Sicherheit wiegen“. Doch das Programm lehnt eine zusätzliche Aufklärung über die Brustdichte ab. Es werde befürchtet, dass Frauen damit mehr verunsichert werden, als dass sie dadurch nützliche Details erfahren.

Studie zur verbesserten Diagnostik bei hoher Gewebe-Dichte
Die US-Expertin Karla Kerlikowske von der Universität von Kalifornien beschäftigt seit Jahren mit dem Kontext zwischen Brustdichte und Brustkrebs. Die weltweit anerkannte Forscherin unternimmt derzeit mit einem Wissenschaftsteam eine größere Studie zu diesem Thema. Die Forschungsarbeit soll ermitteln, welche Diagnoseverfahren für Frauen mit einer hohen Gewebe-Dichte am besten sind, um Tumore rechtzeitig zu erkennen. „In einem oder zwei Jahren könnten wir vernünftige Empfehlungen vorlegen“, hofft die Wissenschaftlerin.

Eine gute Nachricht hat die Medizinerin an Frauen mit einer hohen Brustdichte. Zwar werden die Tumore möglicherweise später entdeckt, offenbar sind diese „weniger aggressiv oder schwerer behandelbar, als bei weichem Gewebe“. Zu diesem Ergebnis gelangte kürzlich eine Studie, die im Fachmagazin „Journal of the National Cancer Institute“ veröffentlicht wurde, an der die Expertin mit forschte. (sb)