Nach Tschernobyl: 600 Millionen Menschen betroffen

Fabian Peters

600 Millionen Menschen in Europa durch Tschernobyl Supergau gesundheitlich betroffen

11.04.2011

Am 25. April liegt die Tschernobyl-Katastrophe genau 25 Jahre zurück, die gesundheitlichen Konsequenzen des damaligen Reaktorunfalls wirken jedoch bis heute nach, mahnte der IPPNW Deutschland. So nahmen aufgrund der freigesetzten Strahlung „Nicht-Krebserkrankungen und genetische Schäden (…) erschreckende Ausmaße“ an, erklärte die atomkritische Ärzteorganisation. Die Experten des IPPNW Deutschland und der Gesellschaft für Strahlenschutz werteten im Rahmen einer aktualisierten Studie weltweit zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zu den Folgen der damaligen Atomreaktorkatastrophe aus.

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Erhebliche Langzeitfolgen der radioaktiven Verstrahlung
Die Langzeitfolgen der Tschernobylkatastrophe vor 25 Jahren sind den Ergebnissen der aktuellen Studie nach bis heute gravierend, erklärte der IPPNW. So habe die aktualisierte Untersuchung ergeben, dass ein Großteil der gesundheitlichen Folgen des Reaktorunfalls erst nach Jahren zum tragen kommt, häufig sogar erst in den nächsten Generationen. Bei niedrigen Strahlenbelastungen, wie sie nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in Europa gemessen wurden, ist den Experten des IPPNW zufolge oft lediglich die Latenzperiode bis zum sichtbaren Auftreten der Krankheiten länger. Akute radioaktive Verstrahlungen, wie sie die sogenannten Liquidatoren (Aufräumarbeiter/-innen) erfahren haben, zeigen ihre gesundheitliche Folgen indes sehr viel früher. So sind den Ergebnissen der aktuellen Studie zufolge von den etwa 830.000 Liquidatoren bis heute über 112.000 bereits verstorben, rund 90 Prozent sind an den Folge der radioaktiven Strahlung erkrankt. Dabei bilden neben den dominierenden Krebserkrankungen auch hirnorganische Schäden, Bluthochdruck und Magen-Darm-Erkrankungen ein relativ häufiges Krankheitsbild.

240.000 zusätzliche Krebserkrankungen durch Tschernobyl?
Auch bei geringen Strahlendosen sammeln sich aufgrund der sogenannten Kumulationseffekte radioaktive Stoffe in bestimmten Organen oder Zellen an, was laut IPPNW in den vergangenen 25 Jahren zum Beispiel zu einem deutlichen Anstieg der Schilddrüsenkrebs-Fälle bei Kindern geführt hat. So gehe eine Prognose der Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, dass in dem belorussischen Gebiet Gomel mehr als 50.000 Kinder im Laufe ihres Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken. Europaweit seien auf Basis der aktuellen Studienergebnisse bis 2056 knapp 240.000 zusätzliche Krebsfälle als Folge der Tschernobylkatastrophe zu erwarten, erklärte der IPPNW. Die Experten gehen davon aus, dass bis heute bereits über 600 Millionen Menschen in ganz Europa durch die Tschernobylkatastrophe gesundheitlich betroffen sind. Allerdings bilden dabei laut IPPNW die Nicht-Krebserkrankungen das größte gesundheitliche Risiko. So kommt zum Beispiel die Organisation UNSCEAR (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation) zum dem Ergebnis, dass weltweit aufgrund der in Tschernobyl freigesetzten Strahlung zwischen 30.000 und 207.500 Kinder mit Genschäden geboren wurden.

Totgeburten und Fehlbildungen durch radioaktive Strahlung
Nach der Atom-Katastrophe von Tschernobyl ist laut Angaben des IPPNW auch die Zahl der Totgeburten und Fehlbildungen deutlich angestiegen. So hätten Wissenschaftler belegt, dass nach 1986 in Europa rund 800.000 Kinder weniger geboren wurden, als normalerweise zu erwarten waren, erklärte der IPPNW. Dabei hat sich nach Aussage der Experten auch das Geschlechterverhältnis veränderte und nach Tschernobyl kamen signifikant weniger Mädchen zur Welt. Selbst die als eher unkritisch geltende „Internationale Atomenergieorganisation IAEO“ , habe festgestellt, dass in West-Europa 100.000 bis 200.000 Abtreibungen als Folge der Tschernobylkatastrophe zu verzeichnen waren. Die Studie des IPPNW Deutschland und der Gesellschaft für Strahlenschutz hat außerdem ergeben, dass die Säuglingssterblichkeit in Skandinavien um 15,8 Prozent erhöht und in Deutschland die Zahl der Trisomie 21-Fälle nach der Tschernobylkatastrophe signifikant gestiegen ist. Außerdem sei in Süddeutschland ein Häufung von Neuroblastomen, einem normalerweise bei Kindern sehr seltenen Tumor, festzustellen gewesen. Weitere Untersuchungen hätten außerdem einen Zusammenhang zwischen der Reaktorkatastrophe und der starken Zunahme von Diabetes Typ I bei Kindern und Jugendlichen hergestellt

Atomkritische Ärzte fordern Konsequenzen
Insgesamt zeichnet die aktuelle Studie der IPPNW Deutschland und der Gesellschaft für Strahlenschutz ein erschreckendes Bild. Die Ergebnisse lassen auch im Hinblick auf die aktuellen Atomreaktorkatastrophen in Japan Schlimmstes befürchten. Der IPPNW betonte indes, dass die Studienergebnisse nicht ohne Konsequenzen bleiben sollten, denn auch in Bezug auf die Tschernobylkatastrophe herrsche noch immer erheblicher Aufklärungsbedarf. Daher fordern der IPPNW und die Gesellschaft für Strahlenschutz „Alle Informationen zum Atomunfall von Tschernobyl und dessen Folgen müssen sofort offen gelegt werden“. Sowohl weltweit als auch in Deutschland seien viele Informationen bis heute unter Verschluss. Außerdem müssen „die Regierungen – auch die bundesdeutsche – (…) unabhängige Forschungen finanzieren und sicherstellen“ betonten die kritischen Experten und forderten zum Abschluss: „Die Bundesregierung muss schnellstmöglich aus der Atomkraft aussteigen.“ (fp)