Neue Studie: Fördert zu geringer Salz-Verzehr einen Schlaganfall?

Salzmangel schadet dem Organismus (fotolia.com/zikovic)
Dr. Utz Anhalt
Zu wenig Salz schadet dem Körper ebenso wie zu viel des Notwendigen.Das lässt zumindest eine aktuelle Studie des kanadischen Internisten Salim Yusuf von der McMaster University vermuten. Eine im Januar veröffentlichte Health-ABC-Studie kommt zu dem gleichen Schluss.

Laut Yusuf erhöht nicht nur zu viel Salz das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, sondern auch zu wenig, diesen Schluss zieht er aus einer Pure-Studie mit 101.945 Teilnehmern aus 19 Ländern.

Salzmangel schadet dem Organismus (fotolia.com/zikovic)
Salzmangel schadet dem Organismus (fotolia.com/zikovic)

Salz ist lebenswichtig
Natriumchlorid, unser Kochsalz, ist lebenswichtig. Natrium ist ein Baustein des Blutes und ermöglicht den Zellstoffwechsel. Chlorid ist ein elementarer Stoff der Magensäure. Ohne Salz leidet der Knochenaufbau, ebenso wie die Verdauung, der Wasserhaushalt und das Nervensystem.

Tierische Salzlecken
Auch Tiere führen ihrem Körper deshalb Salz zu: Elefanten wie Pferde, Rinder wie Hirsche. Salz ist der einzige Stoff, den unterschiedlichste Tierarten sich von außen zuführen – indem sie Erde fressen oder an Salzsteinen lecken.

Salz ist zum Beispiel notwendig, damit Hirsche ihr Geweih ausbilden können. Beutegreifer wie Wildkatzen oder Wölfe nehmen genug Natrium durch das Blut und Fleisch ihrer Beutetiere zu sich.

Besonders viel Salz brauchen Muttertiere während der Aufzucht der Jungen, weil sie Natrium durch die Milch verlieren. Auch der Fellwechsel führt zu einem Salzmangel im Stoffwechsel.

Salzverlust
Menschen brauchen also Salz, damit das Gleichgewicht der Flüssigkeiten und Nährstoffe in den Zellen erhalten bleibt. Gesunde Menschen haben um die 200 Gramm Salz in ihrem eigenen Körper, wie wir leicht feststellen können, wenn wir weinen oder schwitzen.

Wenn wir viel schwitzen oder weinen, müssen wir dem Körper Salz zuführen.

Salz auf die Wunden
Zu viel Salz schädigt unser Immunsystem, und blockiert so die Wundheilung, sagten Berliner Forscher 2015.

Allerdings lagern Tiere Salz in infektiösem Gewebe ab, und dort stärkt es die Makrophagen, sie weißen Blutzellen, die die Erreger der Entzündungen abtöten, und jeder Local an der Nordsee weiß: Wunden heilen besser in Salzwasser.

Wie viel Salz brauchen wir?
Salz ist ungesund oder gesundheitsfördernd? Die Antwort lautet: Natriumchlorid fördert generell nicht nur die Gesundheit, sondern ist so notwendig wie Kohlenhydrate, Fette oder Eiweiß.

Darüber sind sich Wissenschaftler einig. Sie diskutieren aber darüber, wie viel Salz ein Mensch braucht. In Deutschland empfehlen die meisten Ärzte, 5,0 g Salz zu sich zu nehmen, das sind ungefähr 2 Teelöffel. Die Amerikanische Herzgesellschaft AHA empfiehlt sogar 3,8 g Salz bzw. 1,5 g Natrium pro Tag, um Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu vermeiden. Die Deutschen nehmen jedoch im Durchschnitt täglich um die 9 g zu sich, und viele 15 g oder mehr.

Herz- und Nierenspezialisten stellen die amerikanischen Maßstäbe jedoch in Frage, da es kaum valide Studien gibt, die belegen, dass ein reduzierter Salzkonsum das Risiko für Herzinfarkte senkt. Studien aus den 1990er und 2000er Jahren widersprachen sich in der Frage, welches Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle ein hoher Salzkonsum mit sich bringt.

Ethnisch-genetische Unterschiede
Salim Yusuf, der heute vor einem zu geringen Salzkonsum warnt, sagte schon 2013, dass vor allem Menschen aus Asien, die weit mehr als zwei Teelöffel Salz am Tag zu sich nähmen, ein hohes Risiko für Schlaganfälle hätten, US-Amerikaner oder Europäer nicht.

Kardiologen wie Franz Eberli aus Zürich bestätigen Yusuf. Unsere genetischen Dispositionen stellen demnach die Weichen, wie viel Salz wir vertragen. Bei Menschen mit einer Erbanlage zu einer erhöhten Sensibilität gegenüber Salz, lässt Salz in höheren Mengen als zwei Teelöffeln pro Tag nämlich den Blutdruck steigen. Chronisch erhöhter Blutdruck wiederum verengt die Gefäße mit der möglichen Folge eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls.

Eine solche genetische Disposition haben nicht nur Individuen und Blutsverwandte, sondern auch ethnische Gruppen. Laut Eberli haben Menschen aus dem tropischen Afrika und aus Asien ein deutlich häufigere Erbanlage für Salzempfindlichkeit als Europäer.

Zu wenig Salz
Yusuf zufolge bekamen Studienteilnehmer, die weniger als drei Gramm Salz pro Tag zu sich nahmen, häufiger Herzkrankheiten und Schlaganfälle. Was bei Salzsensiblen Salzmengen auslösen, ist bei „Normalen“ demnach die Folge von Salzmangel: Der Körper schüttet bei Salzmangel vermutlich Hormone aus, die den Blutdruck erhöhen.

Wo liegt die Mitte?
Yusuf bezweifelt nicht, dass ein extrem hoher Salzkonsum Schlaganfälle begünstigt – ein Mangel an Salz aber ebenfalls. Ihm zufolge ist ein mäßiger Verzehr von Salz gesünder als ein geringer.

Demnach hatten Probanden, die sich täglich vier bis fünf Gramm Salz zuführten, das geringste Risiko. an einer Herz-Kreislauf- Erkrankung zu sterben, bei weniger als drei Gramm erhöhte sich das Risiko.

Hoher Blutdruck
Bei gesunden Menschen erhöhte sich das Risiko nur bei zu geringem, nicht aber bei hohem Salzkonsum. Anders dagegen bei Klienten mit hohem Bluthochdruck: Bei ihnen stieg die Gefahr für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowohl bei zu wenig wie bei zu viel Salz.

Im Klartext lautet das Fazit also: Bei Menschen ohne Salzempfindlichkeit gibt es keinen Zusammenhang zwischen hohem Salzkonsum und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sehr wohl aber zwischen zu niedrigem Salzverzehr und solchen Beschwerden.

Menschen mit hohem Blutdruck aber, das sind 5 % der Bevölkerung, setzen sich mit einem Salzkonsum von mehr als 6 Gramm pro Tag einem erhöhten Risiko aus.

Vielerlei Wirkungen
Salz, also Natrium und Chlorid wirken nicht isoliert. Deshalb ist die Frage „zu viel oder zu wenig Salz“ oft eine Scheindiskussion.

Der Tipp, bei kleinen Verletzungen im Meer zu schwimmen und sich danach an der Sonne zu trocknen, verweist nicht automatisch allein auf Salz als Heilquelle. Wärme, Wasser und Spurenelemente können ebenso eine Rolle spielen.

Ähnlich kombinierte Wirkungen gelten auch im negativen: Wie sieht es bei jemand, der viel Salz konsumiert, mit den übrigen Lebensgewohnheiten aus? Fertigprodukte mit viel Salz wie Kartoffelchips oder Dosensuppen mangelt es in der Regel an Vitaminen, sie enthalten viel ungesättigte Fette und einfache Kohlenhydrate, sprich viel Zucker.

Patienten, die viele solche Fertigprodukte mit „versteckte Salz“ verzehren, bewegen sich meist zu wenig und greifen zu schädlichen Genussmitteln wie Alkohol und Zigaretten.

Bei Schwangeren ist ein Mangel an Salz ebenso problematisch wie ein Mangel an anderen Nährstoffen, die der Fötus dringend für seine Entwicklung braucht. So haben Babys mit geringem Geburtsgewicht häufig auch einen niedrigen Natriumanteil.

Alte Menschen, die über lange Zeit sehr wenig Salz zu sich nahmen, brechen sich häufiger die Hüften und ihre mentalen Fähigkeiten leiden.

Die WHO empfiehlt, nicht mehr als fünf Gramm Salz pro Tag einzunehmen.

Wie sich Natrium und Chlorid im Körper auswirken, ist indessen kaum erforscht. (Dr. Utz Anhalt)

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