Organspendeskandal: Keine Aufklärung gewünscht?

Fabian Peters

Prüfungsbericht zeigt Mängel bei Organtansplantationen im Klinikum rechts der Isar

17.04.2013

Nach den Vorwürfen zu Verstößen bei Lebertransplantationen in bayrischen Universitätskliniken, wirft nun der Untersuchungsbericht der Bundesärztekammer kein gutes Licht auf die Aufklärungsbemühungen am betroffenen Klinikum rechts der Isar in München. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, werden in dem Bericht der Prüfungs- und Überwachungskommission (PÜK) der Bundesärztekammer 36 Verstöße bei Lebertransplantationen aufgezeigt, die vor allem den Ärztlichen Direktor des Krankenhauses in Bedrängnis bringen.

Vergangenes Jahr wurde durch den Organspendeskandal das Vertrauen der Bevölkerung nachhaltig erschüttert und die in Deutschland ohnehin recht geringe Bereitschaft zur Organspende ging deutlich zurück. Umfassende Aufklärung wurde versprochen und eine Prüfung sämtlicher Transplantationen an den möglicherweise involvierten Kliniken eingeleitet. Die PÜK kontrollierte auch alle am Klinikum rechts der Isar zwischen 2008 und Mitte 2012 durchgeführten Lebertransplantationen, mit bedenklichem Ergebnis.

Zahlreiche Verstöße gegen Richtlinien der Organtransplantation
In dem Untersuchungsbericht werden 36 Verstöße gegen die Richtlinien der Organtransplantation festgestellt, wobei zum Beispiel zehn Verstöße die Lebervergaben an Alkoholkranke betrafen, die ihre Sucht noch nicht länger als die erforderlichen sechs Monate überwunden hatten. Auch wurde offenbar 13 Leberkrebspatienten eine Spenderorgan implantiert, obwohl sie eigentlich keinen Anspruch darauf hatten, berichtet die „SZ“ unter Berufung auf den Untersuchungsbericht der PÜK. In einigen Fällen wurden zudem offenbar "nicht nur falsche Angaben bei der zuständigen Vermittlungsstelle für Organspenden (Eurotransplant) gemacht, sondern auch Blutproben durch hinzufügen von Urin verfälscht und eingereicht".

Mängel bei der Aufklärung?
Zwar hätten Klinikärzte unmittelbar nach den Ereignissen im Januar 2010 intern auf die Blutpanschereien aufmerksam gemacht, aber „die Führungsebene wollte nicht viel davon wissen“, so die „SZ“ über die Ergebnisse des aktuellen Untersuchungsberichts. Die dringend gebotene Aufklärung habe nicht stattgefunden. Stattdessen verkündete der Ärztliche Direktor in einem Schreiben vom Februar 2010, dass kein Fehlverhalten festzustellen sei. Gegenüber der Zeitung erklärte der Direktor indes, er habe „stets die erforderlichen Schritte nach dem jeweiligen Erkenntnisstand ergriffen.“

Falsche Angaben zur Erkrankungen der Patienten
Für das Fehlverhalten bei der Begründung von erforderlichen Lebertransplantationen, wie beispielsweise das Erfinden von Dialysen oder die Blutpanscherei, wird in dem Untersuchungsbericht maßgebliche ein bereits entlassener Chirurg verantwortlich gemacht. Hier sollen derzeit auch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen laufen. Der Beschuldigte weist die Vorwürfe zurück, hat sich allerdings nicht der Anhörung durch die PÜK gestellt. Die „Süddeutsche Zeitung“ zitiert aus dem Bericht: Die Darstellung des Arztes sei „weder plausibel, noch wird sie den damaligen Ereignissen gerecht.“ Gegenüber der „SZ“ hatte der Beschuldigte erläutert, dass er von einer Verwechslung der Blutproben ausgegangen sei. Bekräftigt wurde diese Einschätzung durch die Angaben des verantwortlich gemachten Mitarbeiters und das entlastende Schreiben des Ärztlichen Direktors, erläuterte der Chirurg. Der PÜK-Untersuchungsbericht kommt hingegen zu dem Schluss, dass es Aufgabe des Beschuldigten gewesen sei, „die Umstände aufzuklären oder aufklären zu lassen.“

Mindestens drei unzulässige Transplantation durchgeführt
Offen bleibt auch nach dem aktuellen Untersuchungsbericht, ob der Leiter des Transplantationszentrums möglicherweise von den Verstößen wusste. Der Bericht stellt lediglich fest, dass auch durch diesen „eine eigentlich gebotene nähere Aufklärung nicht stattgefunden hat.“In mindestens drei Fällen sei eine Transplantationen durchgeführt worden, „die nicht hätten stattfinden dürfen.“ Vollständig entlastet wird in dem aktuellen Bericht lediglich der Leiter der II. Medizinischen Klinik, welcher „unermüdlich auf seinen Manipulationsverdacht hingewiesen“ habe. Merkwürdigerweise ist dies jedoch der einzige, gegen den die Klinik bereits ein Disziplinarverfahren angestrengt hatte, da er nicht angemessen um die Aufklärung bemüht gewesen sei. Eine Frage die in dem aktuellen Bericht nicht weiter verfolgt wird, sind die Beweggründe der Mediziner für die Manipulationen der Transplantationen. Haben sie aus ihrer Ansicht nach medizinischen Notwendigkeiten heraus gehandelt oder spielten möglicherweise auch finanzielle Aspekte eine Rolle?

Ansehen des Klinikums rechts der Isar in Mitleidenschaft gezogen
In jedem Fall hat das Ansehen des Klinikums rechts der Isar im Zuge der Organspendeskandals deutlich gelitten. Noch im Jahr 2010 wurden das Klinikum für seine hervorragende Arbeit vom bayrischen Gesundheitsminister mit dem bayrischen Organspendepreis ausgezeichnet. Damit sollte das besonderes Engagement des Klinikums in der Organspende honoriert werden. „Wir brauchen in jedem Krankenhaus eine konsequente Unterstützung für die Organspende“, erklärte damals der bayrische Gesundheitsminister Dr. Markus Söder und ergänzte: „Die Mitarbeiter der heute geehrten Klinik leisten einen hervorragenden Beitrag zur Betreuung schwerkranker Patienten.“ Der aktuelle Untersuchungsbericht der Bundesärztekammer legt jedoch den Schluss nahe, dass die Unterstützung der Organspende in dem Klinikum rechts der Isar deutlich über das zulässige Maß hinaus ging. Dabei ist auch zu bedenken, dass angesichts der ohnehin knappen Spenderorgane, eine unrechtmäßige Transplantation immer bedeutet, dass anderswo Patienten ihr dringend benötigtes Spenderorgan nicht erhalten beziehungsweise länger warten müssen, was schlimmstenfalls den Tod der Betroffenen mit sich bringen kann. (fp)