Per Blick ins Auge Erkrankungen und Krankheitsrisiken erkennen

Alfred Domke

Erkrankungen und Krankheitsrisiken durch Blick ins Auge frühzeitig erkennen

Die Zahl der Diabetes-Erkrankungen steigt seit Jahren an. Allerdings wissen viele Betroffene oft lange nichts von ihrer Krankheit. Ein Blick ins Auge könnte Aufschluss geben. Denn dank moderner Technologie kann man auf der Netzhaut erkennen, ob wer an Diabetes erkrankt ist. Auch andere Erkrankungen und Krankheitsrisiken sind so zu erkennen.

Immer mehr Diabetiker

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge steigt die Zahl der Diabetes-Patienten weltweit seit Jahren massiv an. Auch in Deutschland nimmt die Krankheit unverändert zu. Doch viele Patienten wissen nichts von ihrer eigenen Diabetes-Erkrankung. Ein digitaler Blick ins Auge könnte Gewissheit schaffen. Denn dieser kann nicht nur Aufschluss über das Alter und Geschlecht eines Menschen liefern, sondern auch darüber, ob er an Diabetes erkrankt ist oder zumindest ein erhöhtes Risiko dafür hat. Dadurch könnten Folgeerkrankungen verhindert werden.

Eine neue Technologie macht es möglich, Diabetes am Auge zu diagnostizieren. Auch andere Erkrankungen und Krankheitsrisiken können so erkannt werden. (Bild: babsi_w/fotolia.com)

Richtige Therapie zur richtigen Zeit

Die personalisierte Medizin oder auch „Präzisionsmedizin“ ist der wichtigste Trend in der Medizin des 21. Jahrhunderts, schreibt die Medizinische Universität Wien in einer aktuellen Pressemitteilung.

„Es geht um die richtige Therapie für den richtigen Patienten zur richtigen Zeit“, sagt Ursula Schmidt-Erfurth, Leiterin der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der MedUni Wien.

Insbesondere der Blick ins Auge ermöglicht – mit Hilfe von digitalen Methoden und der Auswertung von Big Data – auch einen präzisen Blick auf den medizinischen Gesamtzustand des Menschen, macht eine frühe Diagnostik und Therapie möglich, ihn aber auch zum gläsernen Patienten.

Diabetes am Auge diagnostizieren

„Die Netzhaut bietet als Fenster in den Gefäß- und Gehirn-Zustand eines Menschen enorme Einblicke in Life-Science-Daten der PatientInnen“, erklärt Schmidt-Erfurth.

In Kooperation mit der Universitätsklinik für Innere Medizin III und der klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel wird es künftig an der MedUni Wien möglich sein, mit dem ersten automatischen, digitalen Netzhaut-Screening Diabetes am Auge zu diagnostizieren, und dies ohne Hilfe eines Augenarztes.

Die diagnostische Bildgebung am Auge ist einzigartig am gesamten menschlichen Körper. Auf Basis der Technologie der OCT (optische Kohärenztomografie) entstehen binnen 1,2 Sekunden 40.000 Scans mit einem Gesamtvolumen von 65 Millionen Voxels.

Voxel setzt sich aus dem Englischen „Volume“ und „Elements“ zusammen, es handelt sich dabei um einen Gitterpunkt in einem dreidimensionalen Gitter und insgesamt um ein riesiges Informationsvolumen über die Netzhaut eines jeden Patienten bzw. jeder Patientin.

Die Daten der optischen Kohärenztomografie werden mithilfe automatisierter Algorithmen analysiert, die auf Basis von Artificial Intelligence entwickelt werden.

Beides, Gerät und AIMethode, sind eigene Entwicklungen der Medizinischen Universität Wien, insbesondere am Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik und im Christian DopplerLabor OPTIMA unter der Leitung von Schmidt-Erfurth.

Krankheitsrisiken auf der Netzhaut erkennen

„Der digitale Blick auf die Netzhaut liefert uns enorme Datenmengen, die Informationen über sämtliche persönliche und medizinische Lebensdaten verfügbar machen“, so die Expertin.

„Nicht nur über aktuelle oder drohende Erkrankungen, sondern auch über den Lebensstil.“

So lässt sich auf der Netzhaut zeigen, wie alt ein Mensch ist, Geschlecht, Rauchverhalten, Blutdruck sowie ob jemand Diabetes hat oder zumindest ein erhöhtes Risiko, daran zu erkranken.

„Der Blick in das Auge war uns InternistInnen mangels diagnostischer Erfahrung und Geräteausstattung bisher nicht vor Ort möglich. Diabetes und Bluthochdruck sind sehr weit verbreitete Erkrankungen und führen langfristig bei vielen Patienten zu Schäden an der Netzhaut“, erklärt Florian Kiefer, Internist an der Universitätsklinik für Innere Medizin III der MedUni Wien.

Einblick in den Gesundheitszustand eines Patienten

„Der Einzug der genannten neuen Technologien in die klinische Versorgung wird es uns ermöglichen, einen viel genaueren Einblick in den Gesundheitszustand unserer PatientInnen zu gewinnen und damit nicht nur eine individuelle Beratung und Information der PatientInnen, sondern auch die maßgeschneiderte Anpassung von Therapiekonzepten ermöglichen“, erklärt der Experte.

„Dieser innovative Ansatz stellt einen weiteren wesentlichen Schritt zu einer verbesserten umfassenden Betreuung der rasant steigenden Zahl der Diabetiker und Diabetikerinnen dar.“

Außerdem können künftig auch Erkrankungen von inneren Organen wie etwa der Nieren, aber auch altersbedingte Probleme und neurologische Erkrankungen von der Netzhaut abgelesen werden.

„Für das Management von Augenerkrankungen sind bereits jetzt eine große Menge an digitalen Methoden in Verwendung, immer mit dem Ziel, den Standard der augenmedizinischen Versorgung zu verbessern“, erläutert Schmidt-Erfurth.

„Der digitale Scan der Netzhaut ist ein weiterer, revolutionärer Schritt in diese Richtung. Damit öffnet sich aber auch ein Universum von Verwendungsmöglichkeiten weit außerhalb der reinen Medizin. Und eine grundlegende Änderung des Berufsbildes des Arztes in naher Zukunft.“ (ad)