Pollen-Alarm: Zukünftig immer mehr Pollen

Astrid Goldmayer

Allergien: Durch Klimawandel mehr Pollen

11.05.2012

Für Allergiker gibt es in diesen Tagen keine guten Nachrichten. Wissenschaftler sagen voraus, dass zukünftig noch mehr Pollen unterwegs sein werden, deren Flugzeitraum durch die globale Erwärmung immer länger wird. „Da kommt was auf uns zu“, warnt Jeroen Buters, Professor für Molekulare Allergologie an der Technischen Universität (TU) München.

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Wissenschaftler fordern besseres Pollen-Frühwarnsystem für Allergiker
Wissenschaftler gehen davon aus, dass mittelfristig fast 50 Prozent der Bevölkerung von Allergien betroffen sein könnten. Bereits heute gebe es 20 Millionen Allergiker mit steigender Tendenz in Deutschland, berichtet Carsten Schmidt-Weber, Direktor des Zentrums für Allergie und Umwelt, am vergangenen Freitag in München. Die Wissenschaftler fordern nun die Politik auf, aktiv zu werden. Die Pollenbelastung werde in den nächsten Jahren immer weiter steigen. Dazu gehöre auch eine zunehmende Zahl an Nahrungsmittel-Allergikern. Bis in die 1950er Jahre hätten nur zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung unter Allergien gelitten. In England sei heute bereits jeder Zweite betroffen.

Aufgrund möglicher Kreuzallergien sollten Pollenallergiker bei Kern- und Steinobst vorsichtig sein. Die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF) in Berlin empfiehlt, das entsprechende Obst vor dem Verzehr zu erwärmen. Dadurch würden die hitzeempfindlichen Allergene zerstört werden. Es komme deshalb zu Kreuzallergien, weil die Allergene im Obst denen der Birkenpollen sehr ähnelten. Da das Immunsystem den Unterschied nicht erkennen könne, würde es mit den typischen Symptomen wie Kribbeln und Schwellung im Mund und Halsbereich reagieren. In schweren Fällen könnte es sogar zu lebensbedrohlichen Situationen durch Atemnot kommen.

Schmidt-Weber erklärt, dass auch die Folgeerkrankungen von Allergien, zu denen Asthma gehört, problematisch seien. Jeroen Buters, Professor für Molekulare Allergologie an der Technischen Universität (TU) München, bestätigt das und warnt: „Da kommt was auf uns zu. Wir brauchen ein besseres Frühwarnsystem für Pollen.“ Dafür sei die Politik unter anderem zuständig, um hohen Folgekosten für das Gesundheitssystem entgegen zu wirken.

Ein gravierendes Problem stelle auch die stark zunehmende Ausbreitung der hochallergenen Pflanze Ambrosia dar, berichten die Forscher. „Wenn wir noch fünf bis acht Jahre warten, ist Bayern durchinfiziert“, erklärt Buters. Die Ausbreitung von Ambrosia fände in erster Linie Richtung Westen entlang der Autobahnen statt, ergänzt Schmidt-Weber. Er vermutet, dass die Samen an den Autos kleben bleiben. Viele Bundesländer, vor allem aber Berlin, würden von Ambrosia befallen sein.

Zeitraum der Pollenbelastung verlängert sich aufgrund der globalen Erwärmung
Annette Menzel, Professorin für Ökoklimatologie an der TU, erläutert, dass sich nicht nur die Anzahl der Pollen verstärke, sondern auch der Zeitraum, in dem die Pollen aktiv seien, immer länger werde. Als Ursache nennt sie die globale Erwärmung. „Insgesamt verlängert sich der Blühzeitraum. Hasel blüht schon im Dezember.“ Selbst wenn die allergieauslösenden Pflanzen verblüht seien, käme vielerorts Ambrosia hinzu, berichtet die Expertin. Die Pollenmenge sei europaweit gestiegen. Durch den Klimawandel verstärke sich dieser Trend noch weiter, so Menzel. Ursache könnte die zunehmende Menge von Kohlendioxid (CO2) in der Luft sein. In Studien habe sich herausgestellt, dass Pflanzen, die einer verstärkten CO2-Konzentration ausgesetzt waren, schnell wuchsen und mehr Pollen bildeten.

Annette Menzel nutzt das heutige Stadtklima als Experimentierfeld für zukünftige Klimafolgen. Das Stadtklima sei bereits heute wärmer und trockener und habe eine höhere Luftverschmutzung. Urbanen Gebiete seien deshalb als „Experimentierfeld“, um die Klimafolgen zu prognostizieren, besonders geeignet. Hier liege die Temperatur durch eine dichte Bebauung und die Ausbildung einer sogenannten urbanen Wärmeinsel um ein bis drei Grad höher, erklärt Menzel. Auch die CO2- und Schadstoffwerte in der Luft seien dort in der Regel höher. In städtischen Gebieten herrschten bereits heute die Bedingungen vor, die künftig auch in ländliche Gegenden erwartet werden könnten, erläutert die Expertin.

Laut einer am Freitag vorgestellten neuen Studie, spielt die Pollenmenge wahrscheinlich nicht die entscheidende Rolle. Vielmehr ist es die in den Pollen enthaltene Menge an Allergenen, die von Pollen zu Pollen sehr unterschiedlich sein kann. Dabei komme es auf die Reifedauer des Pollens an und wie lange sie „Zeit haben, sich mit Allergenen voll zu pumpen“, erklärt Buters. Zu dieser Erkenntnis seien die Wissenschaftler bei Untersuchungen in elf europäischen Ländern gekommen. „Abhängig von Zeit und Region produzieren die Pollen verschieden große Mengen an Eiweißverbindungen, die letztlich für die allergische Immunantwort verantwortlich sind.“ (ag)