RKI: Einkommensschicht bestimmt die Kindergesundheit

Volker Blasek

Kongress „Armut und Gesundheit“ findet derzeit in Berlin statt

Armut und Gesundheit sind eng miteinander verbunden. Insbesondere Kinder trifft es hart. Dies geht aus einer großen Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) hervor. Auch ein großer Kongress beschäftigt sich derzeit in Berlin mit dieser Thematik. Hier die wesentlichen Fakten in Kürze:

  • Sozial benachteiligte Kinder haben durchschnittlich einen deutlich schlechteren Gesundheitszustand als Gleichaltrige aus besser verdienenden Familien.
  • Menschen, die von Geburt an mit einem Einkommen unterhalb der Armutsrisikogrenze auskommen müssen, haben im Vergleich zu den hohen Einkommensbeziehern eine um acht bis elf Jahre geringere Lebenserwartung.
  • Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen haben ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes.
  • Nachteile, die in der Kindheit entstehen, bleiben häufig im späteren Leben bestehen.
  • Ärzte und Politiker fordern weniger Wettbewerb und mehr Solidarität im Gesundheitswesen

Das RKI veröffentlichte in einer groß angelegten Studie neue Daten zum allgemeinen Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Neben verschiedenen Aspekten wie Übergewicht, Rauchverhalten und psychischen Auffälligkeiten wurde auch der soziale Status der Kinder in Zusammenhang mit dem allgemeinen Gesundheitszustand gebracht. Zum Thema „Armut und Gesundheit“ findet vom 20. bis 21. März 2018 ein großer Kongress mit rund 2000 Teilnehmenden in Berlin statt.

Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben deutliche gesundheitliche Nachteile gegenüber Gleichaltrigen aus besserverdienenden Familien. (Bild: gpointstudio/fotolia.com)

Die aktuelle Gesundheitssituation von Heranwachsenden

KIGGS, so heißt die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, gibt Aufschluß über die aktuelle gesundheitliche Lage von Heranwachsenden in Deutschland. Die neu veröffentlichten Daten betrachten den Zeitraum zwischen den Jahren 2014 und 2017. „Die KiGGS-Daten sind wichtige Grundlage für evidenzbasierte Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung“, berichtet Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen.

Übergewicht bei Kindern weit verbreitet

Die Studienergebnisse wurden im „Journal of Health Monitoring“ veröffentlicht. „Vor allem die Frage, wann entscheidende Weichen für die körperliche und seelische Gesundheit gestellt werden, können wir mit den neuen Längsschnittdaten besser untersuchen“, erläutert Wieler. Die Studiendaten zeigen deutlich, dass mehr als die Hälfte der zwei- bis sechsjährigen Kinder mit Übergewicht oder Adipositas auch später als Jugendliche übergewichtig bleiben. Wieler rät daher zu einer frühen Vorbeugung.

Armut verursacht schlechte Kindergesundheit

Die Studie stellte auch einen klaren Zusammenhang zwischen Armut und schlechterer Gesundheit her. Die Daten der Analyse verdeutlichten, dass Kinder und Jugendliche, deren Eltern ein niedrigeres Einkommen und eine schlechtere Bildung haben, deutlich häufiger einen mittelmäßigen, schlechten oder sehr schlechten Gesundheitszustand aufweisen als Gleichaltrige, deren Eltern mehr verdienen und besser gebildet sind.

Gesundheitliche Ungleichheit

Auf dem Berliner Kongress „Armut und Gesundheit“ wird dieses Thema gerade heiß diskutiert, denn die letzten Jahre zeigten, dass es keine Verringerung in diesem Zusammenhang gegeben hat. „Männer und Frauen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsrisikogrenze haben im Vergleich zu den hohen Einkommensbeziehern eine um acht bis elf Jahre geringere mittlere Lebenserwartung bei Geburt“, betont Dr. Thomas Lampert vom RKI in einer Pressemitteilung zum Kongress.

Arme haben erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes

Auch das Risiko für chronische Krankheiten wie einen Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und chronische Bronchitis ist laut Lampert in den sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen zwei- bis dreifach erhöht. Lampert berichtet, es gebe „keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die sozialen Unterschiede in der Gesundheit und Lebenserwartung verringert haben könnten.“ In einigen Bereichen hätten sich die Unterschiede sogar ausgeweitet.

Kinder trifft es besonders hart

„Auf ganz unterschiedlichen Ebenen sorgt Armut für einen ungünstigen Start ins Leben und belastet Eltern und ihre Kinder enorm“, warnt Susanna Rinne-Wolf, erste Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes. Statt Vorfreude, schmieden von Zukunftsplänen und einem von Liebe geprägtem Zusammensein erleben diese Kinder handfeste Existenzängste, große Hürden in der Inanspruchnahme von Hilfen und nicht selten soziale Isolation.

Nachteile in der Kindheit setzen sich oft im weiteren Leben fort

„Diese Benachteiligung setzt sich häufig im späteren Leben fort und schlägt sich unter anderem im Bildungsbereich deutlich nieder“, fasst Rinne-Wolf zusammen.

Beitragsfreie Krankenversicherung für alle Kinder unter 18 Jahren

Dr. Uwe Denker gründete im Jahr 2010 die erste Praxis ohne Grenzen in Deutschland, die das Ziel verfolgt, bedürftige Menschen kostenlos medizinisch zu beraten und zu behandeln. Er treffe zunehmend auf „Kinder und Jugendliche aus Familien, in denen keiner der Familienangehörigen krankenversichert ist“, so Denker. Er fordert deshalb eine allgemeine, beitragsfreie Krankenversicherung für alle in Deutschland lebenden Kinder bis 18 Jahren.

Gesundheitsversorgung muss für alle gleichermaßen zugänglich sein

„Eine sozial gerechte Gesundheitspolitik muss sich daran messen lassen, ob es ihr gelingt, das Menschenrecht Gesundheit zu verwirklichen“, verkündet Boris Velter, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung. Velter fordert, dass alle, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht oder sozialer Lage, Zugang zur Gesundheitsversorgung haben müssen.

Im Gesundheitswesen herrscht Wettbewerb statt Solidarität

„Zwar wird dem deutschen Gesundheitswesen eine starke Verankerung solidarischer Elemente attestiert, doch nimmt die Ausrichtung an wettbewerblichen Handlungsmustern zu“, heißt es in der Pressemitteilung. Auch stehe zunehmend die Eigenverantwortung der Versicherten im Vordergrund. Das Individuum sei selber für seine Gesundheit verantwortlich, obwohl viele Faktoren außerhalb des individuellen Kontrollbereiches liegen.

Gesundheitspolitik in der Reperatur

„Die Verbesserung gesundheitlicher Chancengleichheit ist als gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe zu verstehen“, so Velter: Solange das Problem nicht als eines erkannt werde, das die gesamte Gesellschaft angehe, werde Gesundheitspolitik oft nur Reparatur bleiben. Die Verbesserung der Lebens-und Arbeitsbedingungen sei nur durch eine Verknüpfung von Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Bildungs-und Sozialpolitik möglich. (vb)