Schlafmangel als Ursache für Gedächtnisschwund?

Fabian Peters

Schlafstörungen Grund für nachlassendes Erinnerungsvermögen im Alter?

28.01.2013

Tagsüber Erlerntes und Erlebtes wird während der Tiefschlafphase im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Es scheint, als würde der Arbeitsspeicher des Gehirns am Tag mit Informationen gefüllt, die während des Schlafs verarbeitet werden müssen. Im Umkehrschluss beeinträchtigt Schlafmangel die Verarbeitung von Informationen im Gehirn und begünstigt Gedächtnisschwund, so dass Ergebnis eines Forscherteams um Bryce Mander von der University of California in Berkeley.

Die US-Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass der altersbedingte Gedächtnisverlust zumindest teilweise durch Beeinträchtigungen der Schlafphase verursacht wird, welche ihrerseits auf Veränderungen im Gehirn zurückgehen. Das Gehirn werde nicht zwangsweise durch das Alter geschädigt, sondern der Schwund grauer Substanz im Stirnlappen kann laut Aussage der Forscher den Tiefschlaf stören, was wiederum die Übertragung der Informationen vom Hippocampus in das Langzeitgedächtnis beeinträchtigt. Auf diese Weise sei auch das Erinnerungsvermögen im Alter geschwächt, berichten Mander und Kollegen im Fachmagazin „Nature Neuroscience“.

Altersbedingter Verlust grauer Hirnsubstanz
Die Hirnstudie untersucht mögliche Zusammenhänge zwischen dem altersbedingten Verlust grauer Substanz im Stirnlappen, dem vermehrten Auftreten von Schlafstörungen und den Beeinträchtigungen des Erinnerungsvermögens im Alter. Aus früheren Studien war bereits bekannt, dass der Tiefschlaf eine wichtige Funktion beim Übertragen von Erinnerungen ins Langzeitgedächtnis übernimmt. Gekennzeichnet ist die Tiefschlafphase durch sogenannte Delta-Hirnwellen, welche dem medialen präfrontalen Cortex (mPFC) entstammen. Der Stirnlappen ist ebenfalls das Gehirnareal, welches im Alter oft einen Rückgang der grauen Hirnsubstanz verzeichnet. Die US-Forscher vermuteten hier einen Zusammenhang. Sie analysierten daher zunächst wie groß der Verlust grauer Hirnsubstanz bei älteren Menschen tatsächlich ist und überprüften anschließend, ob Veränderungen in dem Schlafmuster der Senioren festzustellen sind.

Störungen des Tiefschlafs beeinträchtigen das Erinnerungsvermögen
Die älteren Probanden (Durchschnittsalter 72 Jahre) hatten im Vergleich zu der Kontrollgruppe aus 18 jungen Erwachsenen eine verringerte Menge grauer Hirnsubstanz im medialen präfrontalen Kortex, was mit einer geringeren Aktivität von Deltawellen im Tiefschlaf einherging, berichten Mander und Kollegen. Um die Auswirkungen dieser Beeinträchtigungen des Tiefschlafs zu ermitteln, unterzogen die Forscher die Studienteilnehmer einem Test, bei dem sie abends Wortpaare lernen sollten. Nach zehn Minuten und nach einer achtstündigen Schlafphase wurde das Erlernte abgefragt. Während der Schlafphase beobachteten die US-Wissenschaftler die Hirnaktivität der Probanden, wobei den Delta-Hirnwellen besondere Aufmerksamkeit galt. Die Forscher stellten fest, dass sich die Probanden mit gestörter Tiefschlafphase im Anschluss an den Test deutlich schlechter an die Wortpaare erinnern konnten, als Studienteilnehmer mit normalem Schlafmuster. Zwar hatte ihr Erinnerungsvermögen von dem Schlaf profitiert, jedoch in deutlich geringerem Maße als bei den jungen Erwachsenen.

Verbesserung des Gedächtnisses durch besseren Tiefschlaf?
Die aktuellen Studienergebnisse legen den Schluss nahe, dass altersbedingte Beeinträchtigungen des Tiefschlafs eine deutlich weitreichendere Wirkung auf das Erinnerungsvermögen haben als bislang angenommen. Nicht das Alter an sich, sondern die Störungen des Tiefschlafs wäre demnach maßgeblich für den Gedächtnisschwund im Alter. Ließe sich der Tiefschlaf der Betroffenen wieder verbessern, könnte dies möglicherweise auch dem Verlust des Erinnerungsvermögens entgegenwirken, so die Hoffnung der US-Wissenschaftler. Mit Medikamenten und anderen therapeutischen Maßnahmen, die den Tiefschlaf positiv beeinflussen, wäre demnach eine Verzögerung des geistigen Abbaus im Alter möglich. Obwohl die Studie der US-Wissenschaftler eindeutig einen Zusammenhang zwischen dem Verlust der grauen Hirnsubstanz, dem gestörten Tiefschlaf und dem nachlassenden Erinnerungsvermögen im Alter belegt, bleibt offen, ob dieser tatsächlich – wie von den Forschern unterstellt – als kausal zu bewerten ist. (fp)

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