Schützt eine gesunde Lebensweise vor Demenz?

Fabian Peters

Zusammenhang zwischen Lebensstil und Demenz

10.06.2013

Ein gesunder Lebensstil könnte das Demenz-Risiko senken und so dazu beitragen, dass die Zahl der Neuerkrankungen in den kommenden Jahrzehnten nicht in dem bislang angenommenen Maße steigen wird. Eine schwedische Studie unter Leitung von Forschern des renommierten Karolinska Institutes an der Universität Stockholm legt den Verdacht nahe, dass die Zahl der Neuerkrankungen an Demenz – trotzt des demographischen Wandels beziehungsweise der Alterung der Bevölkerung – nicht zugenommen hat, sondern vermutlich sogar gesunken sei. Ihre Ergebnisse haben die Forscher in dem Fachmagazin „Neurology“ veröffentlicht.

Demenz ist eine im Alter relativ verbreitetet neurologische Erkrankung, die in verschiedenen Formen auftreten kann und häufig einen ganztägigen Pflegebedarf der Betroffenen mit sich bringt. Die geschätzten Zahlen der Demenz-Patienten in Deutschland variieren zwischen einer und 1,4 Millionen Menschen, wobei rund zwei Drittel der Betroffenen an Alzheimer-Demenz leiden. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geht auf seiner Beratungsseite „Wegweiser Demenz“ von einer Erhöhung der Anzahl der Demenz-Patienten auf drei Millionen bis zum Jahr 2050 aus. Überwiegend seien dabei Menschen im Alter über 65 Jahren betroffen. Der demografische Wandel wird hier als gegebener Antrieb für die Zunahme der Demenz-Erkrankungen bewertet. Doch diese Annahme könnte sich den Ergebnissen der aktuellen schwedischen Studie zufolge als Trugschluss herausstellen. Denn die Forscher konnten keine Zunahme der Demenz-Erkrankungen in den vergangenen 20 Jahren feststellen.

Entwicklung der Demenz-Erkrankungen in Stockholm
Die Forscher des Karolinska Institutes haben zwei Studien zu der Demenz-Häufigkeit in dem Stockholmer Stadtteil Kungsholmen mit einander verglichen, um die Entwicklung der Demenz-Erkrankungen zu analysieren. Im Rahmen der ersten Studie, dem sogenannten „Kungsholmen Project“, wurden 1.700 Personen im Alter von mindestens 75 Jahren zwischen 1987 und 1989 zu möglicherweise vorliegenden Demenz-Erkrankungen befragt. Die zweite Untersuchung mit 1.575 Teilnehmern im Alter über 75 Jahren folgte von 2001 bis 2004. Die Forscher verglichen unter anderem die Gesamtzahl der Erkrankungen, die Sterberate und die durchschnittliche Lebensdauer nach Diagnose der Demenz-Erkrankung in den beiden Studien.

Zahl der Demenz-Erkrankungen in den letzten 20 Jahren stabil
Zwar beobachteten die Forscher in der zweiten Studie eine leichte Zunahme der Gesamtzahl an Demenz-Erkrankungen auf 298 Fälle (von 225 Fällen in der ersten Studie) und auch eine minimale Erhöhung des Anteils der Demenzpatienten an der jeweiligen Stichprobe von 17,5 Prozent auf 17,9 Prozent. Doch gleichzeitig haben die Überlebenschancen der Betroffenen zugenommen. Heute können die Demenz-Patienten bei frühzeitig eingeleiteter Behandlung mit ihrer Erkrankung deutlich länger überleben als noch vor 20 Jahren. „Die Prävalenz von Demenz war von den späten 1980er bis frühen 2000er Jahren im Zentrum von Stockholm stabil, während die Lebenserwartung von Patienten mit Demenz sich erhöht hat. Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Inzidenz von Demenz in diesem Zeitraum gesunken ist“, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin „Neurology“.

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Demenz-Erkrankungen
Die schwedischen Wissenschaftler beobachteten in ihrer Untersuchung außerdem deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Demenz-Erkrankungen. So waren im Rahmen der ersten Erhebung 12,8 Prozent der Männer und 19,2 Prozent der Frauen von der neurodegenerativen Erkrankung betroffen. Die zweite Erhebung hat einen Rückgang der Prävalenz auf 10,8 Prozent bei den Männern ergeben, während bei den Frauen ein Anstieg auf 20,5 Prozent zu verzeichnen war. Demnach erkrankte jede fünfte Frau im Alter über 75 Jahren an Demenz, bei den Männern war indes lediglich rund jeder zehnte betroffen. Ab einem Alter von 85 Jahren stellten die Forscher geschlechtsunabhängig einen deutlichen Anstieg der Demenz-Erkrankungen fest.

Positive Entwicklung des Lebensstils wirkt Demenz entgegen
Zu den Ursachen der stagnierenden Zahl von Demenz-Erkrankungen in dem Stockholmer Stadtteil Kungsholmen konnten die Forscher zwar keine wissenschaftlich belegten Erklärungen liefern, doch vermuten sie einen Zusammenhang mit der allgemein positiven Entwicklung des Lebensstils. Der Vergleich zwischen den Stichproben der beiden vorliegende Studien habe zum Beispiel gezeigt, dass die zweite Gruppe durchschnittlich ein deutlich höheres Ausbildungsniveau vorweisen konnte. Auch seien generell in den vergangenen Jahrzehnte in Schweden einige positive Entwicklungen im Bereich der individuellen Gesundheitsförderung und -vorsorge zu beobachten gewesen. So werde heute deutlich mehr auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichend sportliche beziehungsweise körperliche Aktivitäten geachtet als noch vor 20 Jahren. Der Altersforscher und Chefarzt des Zentrums für Geriatrie und Gerontologie im Hamburger Albertinen-Haus, Wolfgang von Renteln-Kruse, erläuterte gegenüber „Welt Online“ angesichts der aktuellen Studienergebnisse aus Schweden, dass insbesondere in Bezug auf die vaskuläre Demenz die verbesserten Lebensbedingungen eine maßgebliche Reduzierung bewirkt haben könnten.

Gesunde Lebensweise schützt vor vaskulärer Demenz
Die vaskuläre Demenz wird in der Regel durch eine Arterienverkalkung (Arteriosklerose) hervorgerufen, welche ihrerseits mit verschiedenen Risikofaktoren, wie beispielsweise dem Rauchen, Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck in Zusammenhang gebracht wird. Der Abbau bestehenden Übergewichts, der Verzicht auf Tabak, ausreichend Bewegung zur Stabilisierung des Herzkreislaufsystems und die bestmögliche Einstellung des Blutzuckerspiegels, könnten demnach einen maßgeblichen Einfluss auf das Arteriosklerose-Risiko haben. Der Hamburger Altersforscher Wolfgang von Renteln-Kruse zeigte sich daher davon überzeugt, dass „eine bewusste, gesündere Lebensweise eine Rolle spielt“ bei der erhöhten Lebenserwartung der Demenz-Patienten. Zudem gebe es „immer mehr Hinweise darauf, dass eine gute Einstellung von erhöhtem Blutdruck dazu führt, das Risiko für eine vaskuläre Demenz zu reduzieren“ betonte der Experte und ergänzte: „Mit der Aufdeckung und Behandlung von Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit vaskuläre Demenzen verhindern.“ (fp)

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