Seuchen: Wie die Pest so vernichtend wüten konnte

Sebastian
Es war eine Katastrophe. Die Menschen wussten nicht, was auf sie hereinbricht. Noch nie zuvor gab es ein solches Massensterben, notieren die Ärzte. Während die Verstorbenen in Gräbern hastig verscharrt werden, glauben viele Menschen, dass das Ende der Welt gekommen sei. Die einen üben sich in größtmöglichen Verzicht, um die Chancen auf einen Platz im Himmel zu erhöhen, die anderen leben, als gäbe es kein Morgen mehr. Alles was zu vor eine Ordnung hatte, bricht auseinander. Das Jahr 1347 steht fortan vor allem für eines: Die Pest. Die Seuche, damals noch als „Der schwarze Tod“ bezeichnet, kommt über die Mittelmeere und wütet derart stark, dass in vielen Gegenden nur noch jeder Zweite überlebt.

Die gefährliche Infektionskrankheit Pest begleitet die Menschheit bereits seit Jahrtausenden und hat in der Vergangenheit immer wieder zu verheerenden Epidemien mit Millionen Todesopfern geführt. Nun haben Forscher entdeckt, dass der Pest-Erreger jedoch schon viel länger existiert, als bislang angenommen. Dieser war in einer harmloseren Form offenbar schon in der Bronzezeit unter den Menschen verbreitet.

Schwarzer Tod: Die Seuche des Jahrtausend. Bild: Andrey Kiselev - fotolia
Schwarzer Tod: Die Seuche des Jahrtausend. Bild: Andrey Kiselev – fotolia

„Schwarzer Tod“ gehört zu den schlimmsten Seuchen der Geschichte 
Die Pest zählt zu den verheerendsten Seuchen der Menschheitsgeschichte und führte vor allem im Mittelalter zu schlimmen Epidemien. Doch die auch als „Schwarzer Tod“ bekannteInfektionskrankheit trat offenbar schon mindestens 3000 Jahre früher auf, als bislang vermutet. Denn wie ein internationales Forscherteam um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen im Fachblatt „Cell“
aufzeigt, lässt sich der Erreger bis in die Bronzezeit vor knapp 5000 Jahren zurückverfolgen.

Beulenpest entsteht meist durch Stiche infizierter Flöhe 
Es sei jedoch zu vermuten, dass das Pest-Bakterium Yersinia pestis zunächst für den Menschen noch keine große Gefahr darstellte, berichten die Wissenschaftler in einer Pressemitteilung des Verlags „Cell Press“. Stattdessen habe es erst im ersten Jahrtausend vor Christus die Möglichkeit genutzt, Flöhe als Überträger zu nutzen. Denn eigentlich handelt es sich bei der Pest um eine Krankheit wild lebender Nagetiere wie Mäuse, Ratten oder Eichhörnchen. Doch auch deren Parasiten können den Pesterreger in sich tragen und durch Stiche unter den Nagern verbreiten.

Auf diesem Weg können sich auch Menschen mit der so genannten „Beulenpest“ anstecken: Der Floh sticht einen infizierten Wirt, nimmt das Pest-Bakterium auf und gibt es über einen erneuten Stich weiter. In der Folge ist ebenso eine Übertragung von einem Menschen zum anderen möglich, wodurch es schnell zu einer gefährlichen Epidemie bzw. Pandemie kommen kann. Auch eine Pestsepsis kann entstehen, wenn Bakterien durch einen Flohstich ins Blut gelangen. Die Lungenpest wird hingegen zumeist durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch weiter gegeben.

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Forscher finden Spuren in untersuchten Zähnen 
Die Forscher hatten die Zähne von 101 Menschen auf genetische Spuren des Bakteriums Yersinia pestis hin untersucht, welche aus Ausgrabungen oder Museen stammten, so die Mitteilung. Die Individuen hatten zum größten Teil in der Bronzezeit in Europa und Asien gelebt. In sieben Fällen konnten die Wissenschaftler schließlich den Erreger nachweisen, wobei es sich um Menschen gehandelt habe, die zwischen 2794 und 951 vor Christus gelebt hatten. Als erste historisch belegte Pandemie gilt bislang die „Justinianische Pest“, die in den Jahren 541–767 von Konstantinopel über zahlreiche Mittelmeerhäfen bis zum Rhein ausdehnte.

„Schutz-Gen“ erst ab dem Jahr 951 vor Christus nachweisbar
Um die Entwicklung des Bakteriums nachvollziehen zu können, untersuchten die Forscher anschließend 55 bestimmte Gene, denen eine zentrale Bedeutung bei den krankmachenden Eigenschaften des Bakteriums zukommt. Das Ergebnis: Bei dem gefundenen frühen Pesterreger konnte das so genannte „ymt-Gen“ nicht nachgewiesen werden, durch welches der Erreger sonst im Darm von Flöhen geschützt wird. Dementsprechend würden die Wissenschaftler davon ausgehen, dass Yersinia pestis zu Beginn noch nicht über Parasiten übertragen wurde, so der Bericht. Da das ymt-Gen erst ab dem Jahr 951 vor Christus nachzuweisen war, nutzte vermutlich erst die spätere Form des Pest-Bakteriums Flöhe als Zwischenwirt um die Erkrankung auszulösen.

Obwohl die frühe Form des Erregers im Vergleich weniger gefährlich war, könnte sie aus Sicht der Forscher möglicherweise für die in Europa und Asien umfangreichen Bevölkerungsbewegungen in der Bronzezeit mitverantwortlich sein, vermuten die Wissenschaftler. Denn die Menschen könnten damals vor Ausbrüchen der Krankheit geflüchtet sein oder Gegenden neu bevölkert haben, in denen zuvor eine Epidemie viele Opfer gefordert hatte.

Pest fordert im 14. Jahrhundert 50 Millionen Todesopfer 
Die Verbreitung des Erregers erfolgte dann jedoch schnell. Ab dem ersten Jahrtausend vor Christus entwickelte sich das ehemals relativ harmlose Bakterium schließlich zu einem der tödlichsten Erreger, mit dem die Menschheit je konfrontiert wurde, erläutern die Wissenschaftler. Denn allein im 14. Jahrhundert fielen der Pest etwa 50 Millionen Menschen zum Opfer, so die Schätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

„Die Studie ändert unsere Sichtweise darauf, wann und wie die Pest die menschlichen Populationen befallen hat und eröffnet neue Möglichkeiten, um die Evolution von Erkrankungen zu studieren“, sagte Studienleiter Willerslev. „Zudem verändert unsere Studie das historische Verständnis dieses äußerst wichtigen humanpathogenen Erregers und macht es möglich, dass andere so genannte Seuchen wie die Pest von Athen und von Antonine durch Yersinia pestis verursacht worden sein könnten“, ergänzt Co-Autor Simon Rasmussen von der Technischen Universität Dänemark in Lyngby.

Unbehandelt verläuft die Pest meist tödlich 
Die Infektionskrankheit ist jedoch auch heute noch nicht besiegt, sondern tritt örtlich begrenzt noch immer vor allem in Afrika (z.B. Madagaskar, Kongo), Asien (z.B. Russland, Kasachstan, Indien) und Amerika (z.B. Peru, Südwesten der USA) auf. Wird die Erkrankung nicht rechtzeitig mit Antibiotika behandelt, verläuft sie in der Regel tödlich. 2013 kamen nach Angaben der WHO von weltweit 783 Erkrankten 126 Personen ums Leben.

„Die zugrunde liegenden evolutionären Mechanismen, die die Evolution von Y. pestis ermöglicht haben, sind heute noch wirksam. Und darüber mehr zu erfahren, wird uns helfen zu verstehen, wie künftige Erreger entstehen können oder wie ihre Gefährlichkeit zunimmt“, sagt Simon Rasmussen (nr)

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