Strategie zur Antibiotika-Reduzierung unzureichend

Fabian Peters

Grüne kritisieren unzureichende Pläne zur Antibiotika-Reduzierung in der Tierhaltung

24.07.2012

Der massive Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung steht aufgrund der hiermit verbundenen Ausbreitung multiresistenter Erreger seit Monaten verschärft in der Kritik. Die Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) hatte sich daher bereits im April bei der Frühjahrskonferenz der Agrarminister mit den Ländern darauf verständigt, im Rahmen der geplanten Änderung des Arzneimittelgesetzes die Rechtsgrundlage für eine entsprechende deutschlandweite Antibiotika-Datenbank zu schaffen.

Mehr zum Thema:

Diese Maßnahme reiche jedoch nicht aus, um den Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft nachhaltig zu reduzieren, erklärte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Bärbel Höhn, im Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“ (FR). Der Gesetzentwurf der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz werde der wachsenden Verbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Tier- und Humanmedizin nicht gerecht, so Höhns Kritik an der geplanten Novelle des Arzneimittelgesetzes.

Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung reduzieren
Die Grünen fordern seit langem eine Eindämmung des Antibiotika-Einsatzes in der Tierhaltung. Verschiedene Studien haben den leichtfertigen Umgang der Landwirte mit den Medikamenten belegt und diesen in Zusammenhang mit der Ausbreitung multiresistenter Erreger gebracht. Oftmals werden Antibiotika auch heute noch zur Wachstumsförderung in der Massentierhaltung eingesetzt, obwohl dies mittlerweile längst verboten ist. Um nachvollziehen zu können, wie viel Antibiotika in welchem Betrieb eingesetzt wird, ist eine entsprechende Datenbank dringend erforderlich. Dies hat auch Aigner nach anfänglichen Datenschutzbedenken längst eingesehen. Nun stellt sich jedoch die Frage, welche darauf aufsetzenden Maßnahmen zur Reduzierung des Antibiotika-Einsatzes beitragen können. Denn die schlichte Erfassung des Missstandes verspricht noch lange keine Besserung.

Lebensnotwendige Antibiotika werden unwirksam
Wird weiter so verfahren wie bisher, führt „die Massentierhaltung dazu, dass lebensnotwendige Antibiotika unwirksam werden", erklärte Bärbel Höhn gegenüber der „FR“. Auch seien „die von der Bundesregierung vorgeschlagenen Maßnahmen zu lasch, um die zunehmende Verschärfung der Resistenzsituation in den Griff zu bekommen“, so die ehemalige Agrarministerin Nordrhein-Westfalens weiter. „Todesfälle von immungeschwächten Personen durch resistente Keime sind aber ein zu hoher Preis für die Produktion von Billigschnitzeln“, kritisierte Höhn. Der Agrar-Experte der Grünen-Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff, ergänzte gegenüber der „FR“, dass „verbesserte Dokumentationspflichten noch keine Reduktionsstrategie ausmachen.“ So hätten Studien in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gezeigt, dass der Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung mittlerweile „ein völlig absurdes und gefährliches Ausmaß erreicht hat.“

Unklare Auswirkungen des Antibiotika-Einsatzes auf die Umwelt
Die Grünen zeigen sich auch über die Antwort der Bundesregierung auf eine kürzlich gestellte Anfrage zur Antibiotikavergabe in der Nutztierhaltung äußerst unzufrieden. So habe die Bundesagrarministerin zugegeben, „dass mit 780 Tonnen Antibiotika jährlich weit mehr eingesetzt wird, als das Ministerium bisher annahm und 114 Millionen Hühnchen im Schnitt in ihrem 32 tägigen Leben 2,3 Mal Antibiotika erhalten“, berichten die Grünen in einer entsprechenden Pressemitteilung. 27,5 Millionen Schweine würden im Laufe von sechs Monaten 5,9 Mal mit Antibiotika versorgt und dabei 90 Prozent der Antibiotika von den Tieren unverändert wieder ausgeschieden. Die belastete Gülle und der Mist landen laut Aussage der Grünen anschließend ohne größere Bedenken auf den Böden. Dabei stellen sich nach Ansicht von Friedrich Ostendorff zahlreiche Frage, wie beispielsweise „Was passiert mit den Antibiotikawirkstoffen und welche Auswirkungen haben diese auf die Bodenlebewesen?“ oder „Wie verändern sich die Nutzpflanzen, die auf den kontaminierten Böden wachsen?“ Diese Punkte bleiben in der Antwort der Bundesregierung jedoch außen vor, so die Kritik von des Grünen-Agrarexperten. (fp)