Zweisprachigkeit verzögert Alzheimer

Fabian Peters

Studie: Zweisprachige Menschen sind weniger anfällig für Alzheimer

22.02.2011

Wer eine Zweitsprache spricht, kann den Ausbruch und den Verlauf einer Alzheimer-Erkrankung deutlich verzögern. Erste Alzheimer-Symptome treten laut den Ergebnissen einer Forschergruppe um Ellen Bialystok von der York University in Toronto bei bilingualen Menschen um vier bis fünf Jahre später auf.

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Durch das Sprechen einer Zweitsprache wird das Gehirn trainiert und der für Alzheimer typische Gedächtnisverlust verzögert, berichtete Ellen Bialystok in Washington auf der Wissenschaftskonferenz der American Association for the Advancement of Science. Den Aussagen der Expertin zufolge kann auch das spätere Erlernen einer Fremdsprache verzögernd auf eine Alzheimer-Erkrankung wirken. Ellen Bialystok erklärte, dass die neuronalen Verknüpfungen im Gedächtnis bei bilingualen Menschen wesentlich komplexer sind, was offenbar Demenz- und Alzheimer-Erkrankungen vorbeuge.

Ausbruch von Alzheimer-Erkrankungen durch Zweitsprache verzögert
Die Forscher der York University in Toronto haben bei ihrer Untersuchung festgestellt, dass das regelmäßige Sprechen einer zweiten Sprachen einerseits die Gedächtnisleistung insgesamt fördert und anderseits den Ausbruch einer Alzheimer-Erkrankung um vier bis fünf Jahre (gegenüber Einsprachigen) verzögern kann. Die Psychologin Ellen Bialystok betonte, dass sie und ihre Kollegen „zunächst nicht glauben (konnten), dass der Effekt so stark ist, und (…) nach der ersten Untersuchung mit 184 Testpersonen (daher) eine zweite durchgeführt“ wurde, bei der sich die Ergebnisse bestätigt haben. Durch das Sprechen einer Zweitsprache werde Alzheimer zwar nicht verhindert, jedoch erheblich verzögert, erklärte die Expertin. Bei Alzheimer-Patienten, die regelmäßig eine zweite Sprache sprechen, entwickeln sich zudem die Krankheitssymptome erheblich langsamer, so Bialystok weiter. Allerdings gelten die deutlichen Ergebnisse nur bei Personen, die zweisprachig aufwachsen. Bei Menschen, die erst später eine Fremdsprache erlernen, sei zwar auch eine Alzheimer verzögernde Wirkung festzustellen, jedoch weniger ausgeprägt, erläuterte die Expertin.

Bilinguale Menschen haben bessere neuronale Verknüpfungen
Den Ausführungen der Psychologin zufolge, lässt sich der positive Effekt der Zweisprachigkeit auf das Gehirn dadurch erklären, dass bilinguale Menschen für jeden Gegenstand zwei Verknüpfungen im Gehirn haben – je Sprache einen Begriff. Im Unterschied zu Personen, die eine Fremdsprache in der Schule gelernt haben, sind bei den zweisprachig Aufgewachsenen jederzeit „beide Sprachen zugleich aktiv", erklärte Bialystok. Wer eine Fremdsprache nur gelegentlich spreche, kenne zwar auch mehrere Begriffe für einen Gegenstand, doch diese werden nur präsent, wenn sie bewusst in Erinnerung gerufen werden. Die neuronalen Verknüpfungen im präfrontalen Cortex sind bei Bilingualen einfach besser ausgeprägt, erklärte Bialystok.

Zweisprachigkeit fördert Networking im Gehirn
Insgesamt seien nicht nur die beiden Gehirnhälften der Zweisprachigen öfter gleichzeitig aktiv, sondern das Networking im Gehirn verlaufe ebenfalls deutlich besser, berichtete die Expertin und kündigte an, die Ergebnisse demnächst im Journal „Neurology“ zu veröffentlichen. Bei Einsprachigen, die neben ihrer Muttersprache erst im späteren Lebensverlauf einer weitere Sprache erlernen, seien die Alzheimer verzögernden Effekte zwar weit weniger ausgeprägt, doch „jedes bisschen hilft ein bisschen“, erklärte die Expertin. So könne das Erlernen einer Fremdsprache auch im Alter von 40 oder 60 Jahren noch positive Effekt auf das Gehirn haben. „Das ist wie Öl für den Gehirnmotor“, betonte Bialystok, auch wenn die Betroffenen in ihrem Leben wahrscheinlich nicht mehr zweisprachig werden.

Demenz und Alzheimer weltweit auf dem Vormarsch
Für Kinder, die zweisprachig aufwachsen, habe die Zweisprachigkeit jedoch nicht nur im Alter positiv Effekte, sondern das Gehirn profitiert laut Aussage von Ellen Bialystok bereits im Kindesalter. Beispielsweise können bilinguale Kinder besser Prioritäten setzen, es fällt ihnen leichter, Aufgaben nach Wichtigkeit einzuteilen, und sie stehen beim Multitasking besser dar, erklärte die Psychologin. Insbesondere beim Multitasking seien die Effekte nicht verwunderlich, da hier vor allem der präfrontale Cortex gefordert wird, welcher bei den Zweisprachigen besonders gut vernetzt ist. Unklar ist laut Ellen Bialystok bisher allerdings, warum Kinder viel einfacher neue Sprachen erlernen können als Erwachsene. Diesem Thema wollen sich die Forscher der University of Toronto im Rahmen weiterer Studien widmen.

Welche Effekte die bahnbrechenden aktuellen Ergebnisse der Forscher aus Toronto auf die Behandlung und Vorbeugung bei Alzheimer-Erkrankungen haben werden, ist bislang nicht abzusehen, doch angesichts der wachsenden Zahl von Betroffenen sollte nach Ansicht der Experten an einer möglichst schnellen Umsetzung in die Praxis gearbeitet werden. Weltweit leiden nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heute bereits rund 24 Millionen Menschen an einer Demenz-Erkrankung. In Deutschland sind nach Angaben der Gesundheitsbehörden rund 1,2 Millionen Menschen von Demenz betroffen, wobei zwei Drittel davon an Alzheimer leiden. Experten prognostizieren, dass die Zahlen im Zuge der demografischen Entwicklung in den kommenden Jahren noch erheblich steigen werden und die Demenz- und Alzheimer-Erkrankungen sich bis 2050 mehr als verdoppeln. (fp)