Bewusstseinsstörung – Ursachen und Therapie

Dr. Utz Anhalt
Menschen mit einem normalen Bewusstsein nehmen ihre Umwelt wahr, unterscheiden Innen- und Außenwelt und reagieren auf äußere Reize. Ist diese Fähigkeit ausgeschaltet, ist der Mensch bewusstlos. Ist sie eingeschränkt, liegt eine Bewusstseinsstörung vor.

Eine kurze Bewusstlosigkeit bis zu einer Minute heißt Ohnmacht; eine lang anhaltende Bewusstlosigkeit ist ein Koma. In einer qualitativen Bewusstseinsstörung verändern sich die Inhalte des Bewusstseins: Sie sind getrübt, eingeengt oder verschoben. In einer quantitativen Bewusstseinsstörung steigert sich die Wachheit wie im Delirium oder sinkt wie bei der Benommenheit.

kopfschmerzen

Benommenheit zeigt sich durch verlangsamtes Denken und Handeln, Orientierungsprobleme, Verlust der Konzentration und Müdigkeit. Der so Beeinträchtigte reagiert aber noch auf Außenreize, zum Beispiel, wenn ihn jemand laut anspricht. Schwerer ist die hochgradige Schläfrigkeit. Der Leidtragende reagiert nur auf starke Außenreize wie Schmerzen. Er wird aber nicht wirklich wach. Im Koma reagiert der Betroffene überhaupt nicht mehr, und sein Leben ist in Gefahr.

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Bewusstseinsstörungen haben unterschiedlichste Ursachen: Ein Schlaganfall setzt die Durchblutung des Gehirns außer Kraft, auch ein epileptischer Anfall oder eine Unterzuckerung bei Diabetikern sind weit verbreitet. Gehirnerschütterungen, Schädel-Hirn-Traumata, Hirnblutungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehen mit Bewusstseinsstörungen einher. Hirnerkrankungen schränken das Bewusstsein ebenfalls ein. Dazu gehören die Hirnhautentzündung, die Hirnentzündung und der Hirntumor. Nieren- wie Leberversagen stören das Bewusstsein gleichermaßen. Auch hormonelle Störungen verändern das Bewusstsein. Dazu zählen die Schilddrüsen-Über- wie Unterfunktion. Drogen verändern das Bewusstsein ebenso wie psychische Störungen.

Hirntumore

Hirntumore sind Geschwülste im Gehirn. Jeder dritte ist bösartig, darunter das Glioblastom. Es entsteht in den Stützzellen. Andere Tumore breiten sich in den Hirnhäuten aus; sie heißen Meningeome.

Ein Hirntumor löst diverse Beschwerden aus, je nachdem, wo er liegt: Das Gleichgewicht ist gestört, ebenso die Gefühlswelt. Das Nervensystem nimmt Schaden, bis hin zu Sehstörungen und Lähmung.

Hirndruck entsteht, weil der Tumor das gesunde Gewebe verdrängt. Das Schädelvolumen bleibt aber gleich, und deshalb steigt der Druck in der Schädelhöhle. Dieser Schädeldruck zeigt sich in Kopfschmerzen, Erbrechen und Übelkeit wie bei einer grippalen Infektion.

Die Hirnhautentzündung

Die Meningitis ist eine Entzündung der weichen Häute des Gehirns und Rückenmarks. Die durch Bakterien übertragene Meningitis betrifft primär Kinder und Jugendliche; sie ist in Afrika und Südamerika häufig und zeigt sich durch hohes Fieber und Kopfschmerzen, der Nacken wird steif. Es folgen Krämpfe, die Kranken erbrechen sich. Sie sind schläfrig, verwirrt und ihr Bewusstsein trübt sich. Dann verlieren sie ihr Bewusstsein und können sogar sterben.

Wachkoma

Wachkoma entsteht durch die Störung des Großhirns; das Stammhirn bleibt unverletzt. Der Betroffene ist bewusstlos, kann nicht auf Außenreize reagieren, handeln und wahrscheinlich auch nicht denken; die Funktionen des Körpers sind aber in Ordnung, die Patienten schlafen und atmen. Vor allem können sie nicht mehr emotional reagieren; der Körper funktioniert zwar, aber sie nehmen keinen Kontakt auf zu anderen Menschen.

Umstritten ist, ob die Patienten keine Emotionen haben oder diese nur nicht ausdrücken können. Eine schlimme Erfahrung machten Ärzte, die Soldaten im ersten Weltkrieg ohne Betäubung operierten, weil sie diese für bewusst- und schmerzlos hielten. Vermeintliche Nervenzuckungen eines der so lebendig Sezierten entpuppten sich als Morsezeichen des ehemaligen Funkers, der darum flehte, ihn in Ruhe zu lassen. Erweckte Wachkomapatienten berichten immer wieder, dass sie, wie in einer Art Traum, sehr wohl ihre Umwelt wahrnahmen. Auch wegen dieser Berichte legen die Mediziner heute Wert auf die subjektiven Umstände: Was für ein Verhältnis haben die Pfleger zum Patienten, was für Reize könnten Heilungsprozesse auslösen? Welche Atmosphäre könnte zu seiner Heilung beitragen?

Heilungen von Wachkomapatienten zeigen, dass wir trotz Neurobiologie, Hirnforschung und High-Tech-Medizin wenig wissen über das Gehirn. Die oft als biologistisch berüchtigte Neurobiologie, die das gesellschaftliche Wesen Mensch auf seine biochemischen Prozesse reduziere, belegt, dass das Gehirn ein soziales Organ ist. Die Synapsen vernetzen sich und wachsen abhängig von sozialen Umständen.

Angehörige von Wachkoma-Patienten denken oft, dass der atmende, schlafende und sogar essende Partner, Sohn oder Vater alles mitbekommt. Wahrscheinlich ist das nicht der Fall, und diese Wahrnehmung resultiert aus dem psychischen Bedürfnis, aus dem heraus Eltern die Zimmer verstorbener Kinder museal konservieren, der Kompensation des Verlustes, in dem die Eltern von Vermissten sich daran klammern, dass diese noch da sein könnten, die Hoffnung, den Liebsten nach dem Tod wieder zu begegnen. Rückkehr muss mitnichten heile Welt bedeuten, Wachkomatöse, die aufwachen, bleiben manchmal psychisch schwer behindert. (Nydahl, Peter (Hg.): Wachkoma. Betreuung, Pflege und Förderung eines Menschen im Wachkoma. 2010.)

Nahtod-Erfahrungen

Todesnähe, ob gefühlt oder tatsächlich, führt zu einem verändertem Bewusstsein. Soldaten erzählen, wie sie gerade im Angesicht des Todes außergewöhnliche Ruhe an den Tag legten, sich ihre Wahrnehmung von Zeit und Raum veränderte, Unfallopfer erörtern, wie ihnen der Moment unendlich erschien, in dem das Motorrad gegen den Laternenmast raste, sie sich die brennenden Kleider vom Leib rissen oder beim Sturz den Abgrund auf sich zukommen sahen – obwohl es sich um Sekunden handelte.

Schwerstverletzte stoßen häufig in dem Moment, wo sie Hilfe bekommen, letzte Worte aus und sterben wie der Läufer, der nach der Schlacht von Marathon Sieg und Niederlage meldete und dann tot niedersank. Medizinisch lassen sich „Todesnahe“, die eine letzte Aufgabe erfüllen, erklären: Jeder Langstreckenläufer weiß, dass er, am Ziel angekommen, eine Strecke gehen muss, um nicht zusammen zu brechen – bei Schwerstverletzten sind die Konsequenzen dramatischer: Die Bewegung hält den Körperkreislauf aufrecht, und ein Stopp dieser Bewegung führt zum Tod.

Menschen am Rande des Todes berichten davon, den Körper zu verlassen und ihn von außen zu betrachten, Geistern zu begegnen oder das eigene Leben vorbeiziehen zu sehen. Christen interpretieren diese Erfahrung als Begegnung mit dem Jenseits, als einen Auftrag, in das irdische Leben zurückzukehren. Ein Tunnel, an dessen Ende ein Licht steht, das Gefühl von Harmonie und Frieden, Wohlgefühl und Wärme tauchen in so genanten Nahtoderfahrungen auf.

„Jenseitsbelege“ treten auch in der schamanischen Reise auf, Schamanen, die sich durch Trommeln, Substanzen oder Fasten in Trance versetzen, befinden sich aber nicht in Todesnähe. Der von Licht durchflutete Tunnel, die Begegnung mit Geistern und die Antwort auf Sinnfragen sind Kernelemente der schamanischen Reise. Statt auf das Leben nach dem Tod zeigen die Nahtodberichte, dass das Unbewusste ähnliche Bilder produziert

Die Psychologie erklärt angebliche Jenseitsbeweise als seelische Abspaltungen – von schamanischen Vorstellungen ebenso bekannt wie von psychiatrischen Symptomen. Übergänge in eine vermeintlich andere Welt kennt jeder Epileptiker vor seinem Anfall, Stimmen erscheinen Schizophrenen. Sich „vom Körper zu lösen“, den eigenen Körper von außen zu betrachten, ist eine Reaktion auf Traumatisierungen wie sexuellen Missbrauch. Halluzinationen von Wesen, Tieren und anderen Welten kennt jeder Therapeut, der Alkoholiker im Delirium tremens betreut.

Die Veränderung von Zeit- und Raum geht mit gesteigertem Gedächtnis einher und angeblich außersinnlichen Erfahrungen. Dieser neurophysiologische Prozess hemmt biologische Funktionen, um andere zu stärken – Schmerzunempfindlichkeit und geistige Leistung. Die Erinnerung an die Kindheit oder Verstorbene lässt sich als Regression deuten, um der Situation zu entfliehen, das Glück als Wunschprojektion, die vor der Ausweglosigkeit schützt. So genannte Nahtod-Erfahrungen decken sich mit den Reaktionen auf ein Trauma.

Dissoziation und Trauma

Ein Trauma ist eine Erfahrung, die die Psyche überfordert, und die nicht zu integriert werden kann. Traumatisierte leiden unter Hilflosigkeit, und können ihre Angst nicht kontrollieren. In einer ausweglosen Situation, in der der Betroffene weder kämpfen noch fliehen kann, setzt eine Überlebensstrategie ein: Das Bewusstsein spaltet die Bedrohung ab.

Dissoziation ist erst einmal keine Bewusstseinsstörung, sondern die Fähigkeit, aus Extremsituationen heraus zu kommen, zum Beispiel, wenn ein Unfallopfer seine Verletzungen nicht spürt, den Rettungsdienst ruft und sich später kaum noch daran erinnern kann. Kinder, die Gewalt ausgesetzt sind können diese Abspaltungen aber zu einer Lebensstruktur entwickeln. Sie sind vom Gewalttäter abhängig und entwickeln ein Alltags-Ich, das funktioniert. Sie spalten die Gewalterfahrung so weit ab, dass sie nur als fragmentarische Erinnerung oder sogar als Gefühl der Ohnmacht ohne Erinnerung bewusst bleibt. Andere Teile der Persönlichkeit entwickeln sich jedoch unabhängig davon.

Im Extremfall entstehen verschiedene „Persönlichkeiten“ in einem Menschen, die sich unabhängig voneinander verhalten. Trigger, also Situationen, die dem Trauma ähneln, führen dazu, das das funktionierende Ich von der Gewalterfahrung überflutet wird – bis hin zum Wechsel der Persönlichkeit. Der Mensch spricht mit anderer Stimme, er denkt anders, er verhält sich anders. Manchen Menschen, die unter dieser Bewusstseinsstörung leiden, sind ihre Teilpersönlichkeiten bewusst, andere stehen „neben sich“. Ihr Alltags-Ich weiß nicht, was ihr Alter Ego in der Zeit des Wechsels tat.

Sie haben keine Erinnerung, warum sie diese Kleidung tragen, wie sie an einen Ort gelangten, oder mit wem sie sich unterhalten. Ihr eigener Körper fühlt sich für sie unwirklich an. Sie haben Flashbacks, die Handlungen der Teilpersonen tauchen als Bilder und Gefühle im Alltagsbewusstsein auf. Sie hören die Teilpersönlichkeiten als Stimmen in ihrem Kopf. Sie können ihre Bewegungen nicht steuern; sie verletzen sich selbst; sie nehmen Drogen; sie verwahrlosen.

Eine Betroffene berichtet: „Ich habe Phasen, in denen ich total weggetreten bin, von der Umwelt nichts mehr mitbekomme und mich außerhalb von Raum und Zeit fühle. Ich fühle mich dann wie eine Tote, wie ein Geist, ich verlasse meinen Körper, sehe meinen Körper von außen, habe keinen Zugang mehr zu ihm. Extreme Schmerzen, sind eine Möglichkeit, wieder in meinen Körper zu gelangen und ihn wahrzunehmen.“

Heilung bedeutet für den Betroffenen, die Teilpersönlichkeiten erst einmal kennen zu lernen und sich in einem inneren Dialog mit ihnen zu verständigen. Letztlich geht es darum, die traumatische Erfahrung zu integrieren, bis die Gewalt Vergangenheit wird und die Erinnerungen als Erinnerungen und nicht als Flashbacks in das Bewusstsein treten. (Deistler, I., Vogler, A: Einführung in die Dissoziative Identitätsstörung. Paderborn 2002.)

Drogen

Drogen setzen das normale Bewusstsein ebenfalls außer Kraft. Der Konsum von Substanzen wie Alkohol, Cannabis, LSD, Heroin, Kokain führt zur Benommenheit (Alkohol) oder aber zu gesteigerter Wachheit (Kokain).

Alkohol in kleinen Mengen steigert die Stimmung und löst Hemmungen. Größere Mengen führen jedoch zu Reizbarkeit und Aggression. Je mehr Alkohol im Blut ist, desto mehr verzerrt sich die Wahrnehmung. Die Vergiftung beeinträchtigt die Urteilskraft, Sprache und Motorik, dann folgt Benommenheit. Sehr große Mengen an Alkohol führen zu Koma oder Tod.

Alkohol gelangt mit dem Blut in das Gehirn und beeinflusst dort die Informationen der Nervenzellen, wenig Alkohol stimuliert die Übertragung, höhere blockiert sie. Dabei wird der Neurotransmitter Dopamin frei gesetzt, und der sorgt für angenehme Gefühle.

Heroin euphorisiert, entspannt und schränkt das Bewusstsein aus. Zugleich dämpft es Ängste. Heroin führt schnell zur körperlichen Abhängigkeit. Zudem ist die Schwelle zur Vergiftung niedrig und bereits 5 mg können tödlich wirken. Eine Heroinvergiftung führt zur Bewusstlosigkeit und Kreislaufversagen.

Psychische Störungen

Psychosen sind psychische Störungen; sie beinhalten Wahnvorstellungen und Realitätsverlust. Betroffene hören, sehen, fühlen und riechen Dinge oder Lebewesen, die nicht existieren. Dazu gehören Stimmen, die ihnen „Weisheiten“ vermitteln oder Kommandos erteilen. Psychotiker sind überzeugt von Vorstellungen, die nicht wahr sein können: Sie glauben, andere Menschen würden sich gegen sie verschwören, in ihnen lebe ein anderer, Internet oder Fernsehen würden geheime Signale versenden. Wer unter einer Psychose leidet, meidet die eigenen Freunde, die diese Wahnvorstellungen erkennen – sie gelten selbst als Teil der Verschwörung.

In einer Psychose fällt es schwer, den Alltag zu bewältigen. Die Miete zu überweisen, den Müll aus der Wohnung zu bringen und sogar morgens aufzustehen, sind kaum überwindbare Hürden.

Bewusstseinsstörungen zeigen sich in einer Psychose als Verwirrung und zersplittertes Denken; die Betroffenen vergessen, was sie sagen wollten. Sie wissen nicht mehr, wer sie selbst sind, die eigenen Gedanken erscheinen ihnen von außen eingeflüstert, sie glauben, andere wüssten, was sie denken und könnten ihnen ihre Gedanken stehlen. Die Wahrnehmung von anderen Menschen, Gegenständen und der Umwelt verzerrt sich: Eine vertraute Umgebung erscheint fremd, größer oder kleiner.

Sie meinen, Dinge tun zu müssen, die sie nicht tun wollen und machen dafür unsichtbare Andere verantwortlich. Einige glauben, auf einer Mission zu sein, um die Welt zu retten, denken, sie würden mit Außerirdischen kommunizieren oder würden verfolgt, weil sie übernatürliche Fähigkeiten hätten.

Antriebslosigkeit gehört zur Psychose. Die Leidenden liegen Tage im Bett und schaffen es nicht, aktiv zu werden, waschen sich nicht und kommen nicht mehr aus ihrem Zimmer heraus. Zugleich verändern sich die Gefühle. Zuvor unbekannte Ängste gehen einher mit Aggressionen. Oft reden sie mit „fremden Stimmen.“

Die Wahnideen bedingen unangemessenes Verhalten: Aggressivität gegenüber vermeintlichen Feinden und Panik gegenüber der verzerrt wahrgenommenen Umwelt. Das Gefühl, dass jemand von außen die eigenen Handlungen lenkt, führt zu innerer Unruhe und zu eruptiven Gesten, um diese „unsichtbaren Feinde“ abzuwehren.

Die Betroffenen bringen manchmal sich und andere in Gefahr. Die vermeintliche Verteidigung gegenüber vermeintlichen Feinden provoziert Schlägereien. Einige Leidende verletzen sich selbst, um die „Feinde“, die sich „in ihrem Körper“ einnisten, zu bekämpfen, zum Beispiel, indem sie sich in die Haut schneiden. Affekthandlungen können tödlich enden: In Psychosen springen Menschen aus Hochhäusern und laufen auf die Autobahn.

Die paranoide Schizophrenie

Die Schizophrenie ist eine Sonderform der Psychose. Obwohl es sich um eine Bewusstseinsstörung handelt, sind die Klarheit des Bewusstseins und Intellekts nicht eingeschränkt – gestört ist vielmehr die Wahrnehmung. Die Suizidgefahr ist groß.

Es beginnt damit, dass die Gedanken abreißen, Betroffene „daneben reden“, eine diffuse Bedrohung spüren und empfinden, dass die „Atmosphäre sich ändert“. Die für andere Psychosen typische Antriebslosigkeit tritt selten auf, ebenso wie Sprach- und Bewegungsstörungen, die andere Schizophrenien kennzeichnen. Das wichtigste Kennzeichen ist hingegen der Verfolgungswahn. Die Patienten sind fest überzeugt, kontrolliert zu werden. Sie vermuten, dass ihre Wohnung verwanzt ist, Nachbarn werden zu Spionen und Passanten zu Agenten. Sie misstrauen jedem: Wenn Menschen sich im Cafe unterhalten, meint der Betroffene, dass es um ihn geht.

Die Gedanken reißen ab, Betroffene „reden daneben“, sie spüren eine diffuse Bedrohung, dass die „Atmosphäre sich ändert“.

Manien

Manien sind ebenfalls psychische Störungen, die die Wahrnehmung verzerren. Der Maniker empfindet dies jedoch als angenehm: In einer manischen Phase ist er Tag und Nacht unterwegs, hat unzählige Ideen, die Welt zu retten, und sein Ego steigert sich zum Größenwahn. Er redet ununterbrochen und jagt dabei seinen eigenen Gedanken hinterher, lässt sich dabei aber von allem ablenken, was in seiner Umgebung geschieht.

Alle Menschen kennen Phasen der Euphorie, in denen alles möglich erscheint. Wenn wir frisch verliebt sind, erscheint alles wie auf Watte gelegt; beginnt ein neues Projekt, stürzen wir uns mit Feuereifer auf die Arbeit. Die Wirklichkeit rückt die Begeisterung zurecht: Der Traumprinz hat seine Ecken und Kanten, und das neue Projekt führt nur zäh zum Erfolg.

Bei einer Manie steht die Euphorie indessen in keinem Verhältnis zu den objektiven Umständen. Ihre Stimmung ist hervorragend, ohne einen Anlass in der Außenwelt. Mit dieser „positiven Einstellung“ können sie Unbedarfte mitreißen. Maniker halten sich für übermenschlich leistungsfähig und beginnen eine Menge Projekte, ohne sie zu beenden. Sie sind nicht nur „gut gelaunt“, sondern auch überaus reizbar. Sie nehmen keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer und keine Verantwortung für ihre Handlungen. Wer ihre Ideenflut auf den Boden bringt, gilt als Feind, der sie einschränken will. Pausen halten sie von ihrem „Tatendrang“ ab.

Maniker nehmen sich selbst nicht als beeinträchtigt war, doch ihr Körper und ihre Wohnung verwahrlosen. Hygiene und Ernährung spielen keine Rolle, wenn der Maniker gerade die Naturgesetze außer Kraft setzt.

Maniker haben eine gesteigerte Libido und meinen immer wieder von neuem, unsterblich verliebt zu sein. In einer Manie verliert der Betroffene die Distanz zu seinen Mitmenschen und kann diesemitreißen, wenn sein Denken noch nicht vollkommen verwirrt ist – bis hin zu Banken, die ihm Großkredite gewähren oder exzessiven sexuellen Erfahrungen. Kranke empfinden manische Schübe während der Manie als angenehm; die Einschränkungen des Alltags scheinen aufgehoben und Fantasien lassen sich vermeintlich umsetzen. Halluzinationen gehören zu einer „ausgewachsenen Manie“ dazu; der Betroffene glaubt, Millionär zu sein oder hält sich für eine berühmte Persönlichkeit.

Ist die Manie vorbei, folgt die Ernüchterung. Der Kranke ist ausgebrannt, und sein vorheriger Größenwahn erscheint ihm als fremd, seine „Unternehmungen“ hinterlassen astronomische Schulden.

Bei den meisten psychischen Krankheiten ist der Leidensdruck groß, so dass die Betroffenen Hilfe annehmen, um sich von ihrem Zustand zu befreien. Für Maniker in einer manischen Phase gilt das meist nicht. Zwar sehen sie, wenn sie wieder „normal“ sind, welche Schäden sie sich und auch Anderen zufügten, steigt die Euphorie aber wieder an, nehmen sie die Medikamente nicht mehr ein und lassen sich nicht „einschränken“.

Schwere Manien machen eine psychiatrische Betreuung notwendig, denn der Betroffene gefährdet sich und andere. Dem Patienten in einer akuten Manie Grenzen zu setzen, bringt wenig. Therapeut und soziales Umfeld können Außenreize reduzieren und den Kranken dabei möglichst wenig in seiner Freiheit einschränken. Wenn möglich, sollten sie seine Gedanken in „ungefährliche“ Bahnen lenken und ihn von fatalen Handlungen abhalten, zum Beispiel, ihn zu einem Waldspaziergang zu überreden, wenn er gerade eine Weltreise buchen will.

Manische Phasen wechseln bei vielen Betroffenen mit Depressionen ab – man spricht dann von bipolarer Störung. In der Depression verfällt der Kranke in das Gegenteil seines vorherigen Größenwahns: Er traut sich nicht mehr aus dem Haus, schafft es nicht mehr aufzustehen, er fühlt sich wie gelähmt, und der Alltag lastet auf ihm wie eine bleierne Schwere.

Die Depression trübt gerade nicht das Bewusstseins, sondern fokussiert es in eine „zu realistische Wahrnehmung“. Psychisch stabile Menschen verbringen einen Großteil ihrer Zeit mit Träumen und Ideen, die sie fast nie realisieren, und das auch wissen. Sie schwelgen in virtuellen Welten, und verdrängen, dass sie eines Tages sterben werden. Während der Bipolare in der Manie glaubt, diese Fantasien auf einmal umzusetzen, ist er in der Depression unfähig, sie auch nur zu entwickeln. (Dr. Utz Anhalt)

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Literatur:

Bock, T.: Achterbahn der Gefühle. Mit Manie und Depression leben. Bonn 2010)

Bock, T.; Koesler, A.: Bipolare Störungen. Manie und Depression verstehen und Behandeln. Bonn 2005

Bräuning, P.; Dietrich, G.: Leben mit bipolaren Störungen. Stuttgart 2004