Erhöhte Reizbarkeit

Sebastian
Reizbarkeit bezeichnet Reaktionen des Körpers und Geistes in sozialen Beziehungen und auf Reize der Umwelt. Wir nehmen Reize über die Sinne auf, die Nerven leiten sie an das Gehirn weiter, und dieses verarbeitet sie. Das ist kein bewusster, sondern ein unbewusster Vorgang. Erhöhte Reizbarkeit und Aggressivität sind die Reaktionen, wenn das Gehirn überlastet ist, weil es zu viele Reize aufnimmt.

Normale Reizbarkeit

Gelegentliche Reizbarkeit ist normal: Trübes Wetter, ein paar Gläser zu viel, ein leerer Magen oder Wut, mangelnder Schlaf oder das Brüten über einem Problem lassen uns sensibler auf Reize reagieren als gewöhnlich, und das Klingeln des Telefons erscheint wie ein Presslufthammer.

Erhöhte Reizbarkeit kann ein Zeichen für eine psychische Erkrankung sein. Möglich ist aber einfach nur zu viel negativer Stress. Bild: Ingo Bartussek - fotolia
Erhöhte Reizbarkeit kann ein Zeichen für eine psychische Erkrankung sein. Möglich ist aber einfach nur zu viel negativer Stress. Bild: Ingo Bartussek – fotolia

Diese erhöhte Reizbarkeit im Normalfall hat bisweilen rein physische Gründe wie der Mangel an Vitaminen in der kalten Jahreszeit, dem wir leicht durch Brokkoli, Sauerkraut und frisches Obst vorbeugen können – oder aber wir überlasten das Gehirn durch verschiedene Aufgaben zur gleichen Zeit: Wenn ich mich auf einen Text konzentriere, und die Kinder gleichzeitig meine Aufmerksamkeit fordern, ich das Treppenhaus reinigen will und außerdem einen Termin mit meinem Vermieter habe, setzt das Gehirn verschiedene Muster zugleich in Aktion. Das kostet nicht nur Energie, es führt zu Dissonanz. Hier hilft am besten Organisation und Struktur, sprich, die unterschiedlichen Dinge nacheinander zu erledigen, oder sie, wenn möglich, miteinander zu verbinden.

Die erhöhte Reizbarkeit dient hier als „Wegweiser“. Statt unser Gehirn damit zu belasten, was wir angeblich alles hier und jetzt tun „müssen“, besänftigen wir unsere Nerven, wenn wir das machen, was wir hier und jetzt tun können und wollen. Sich selbst unter Druck zu setzen, belastet nicht nur unsere Stimmung, sondern blockiert auch, die Aufgaben zu lösen, wegen denen wir uns unter Druck setzen.

Körperliche und psychische Gründe für diese nicht pathologische Reizbarkeit arbeiten Hand in Hand: Wir arbeiten die ganze Nacht und werden immer unproduktiver; unserem Körper fehlt es an Schlaf. Statt einer Yoga-Übung zur Entspannung arbeiten wir die halbe Stunde vor dem Frühstück durch; statt den Morgen mit einem Glas Orangensaft und einem Spaziergang in der Natur zu beginnen, arbeiten wir weiter, um bloß zu dem Termin zwei Stunden später „alles gegeben“ zu haben.

Das Gehirn empfängt die Botschaft: Alarm ist angesagt. Es rüstet sich zum Kampf, zu Angriff oder Flucht. Auch bei unseren steinzeitlichen Vorfahren war dieses Gefahrenprogramm zwar wichtig, um einen Säbelzahntiger in die Flucht zu schlagen, nicht aber, um komplexe Aufgaben zu erfüllen, zum Beispiel, ein Werkzeug herzustellen.

Die Hormonumstellung während der Wechseljahre lässt viele Frauen leicht reizbar werden, ebenso die Tage vor der Menstruation. Das alles sind ganz normale Reaktionen auf einen Wechsel des Hormonspiegels.

Pathologische Reizbarkeit

Reizbarkeit kann jedoch auch als Nebenwirkung von gefährlichen Krankheiten auftreten, zum Beispiel einer Gehirn- oder Gehirnhautentzündung, eines Schlaganfalls, eines Hirnabszesses, einer Blutvergiftung, und einer Vergiftung durch Alkohol oder andere Drogen. Dann ist die Reitbarkeit oft ein Vorbote schlimmerer Symptome: Gedächtnis- und Kontrollverlust, Hirnschäden, eingeschränkter Urteilskraft und sogar Selbstmord. Hier hilft es nur, die Krankheit zu behandeln.

Reizbarkeit ist also keine Krankheit, sondern oft ein Symptom von Krankheiten, psychischen Leiden wie Depression oder Borderline, ebenso wie psychosomatischen, zum Beispiel Bulemie oder Magersucht wie dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, aber auch körperlichen wie Kinderlähmung, Leberzirrhose, Diabetes, Tollwut oder grippalen Infekten.

Reizbarkeit zeigt sich in unangemessener Aggressivität, Herzrasen, Zittern der Hände, Unsicherheit, Schweißausbrüchen, mangelnder Konzentration, Augenzucken und Angstattacken. Die Stimme und Körpersprache ändern sich.

Überlastung der Nerven

Außerordentliche Reizbarkeit liegt zumeist an einer Überlastung der Nerven durch negativen Stress oder negative Umweltreize. Der klassische Burnout zum Beispiel hieß früher Nervenzusammenbruch.

Die Nerven können durch reine Umweltreize überlastet sein, zum Beispiel dauerhaften Lärm, grelles Licht oder durch einen tropfenden Wasserhahn: Eine bewährte Foltermethode besteht zum Beispiel darin, einem Gefangenen über Stunden Wasser auf die gleiche Stelle seiner Haut tropfen zu lassen. Hunger, Hitze, Kälte, generell alle unangenehmem Empfindungen des Körpers, rufen erhöhte Reizbarkeit hervor.

Aber auch psychische Zustände führen zu erhöhter Reizbarkeit: Angst, Unsicherheit, seelischer Druck am Arbeitsplatz, in Beziehungen, durch Todesfälle, Trennungen und andere persönliche Katastrophen.Traumatisierte reagieren überempfindlich, insbesondere auf Situationen, die an das traumatisierende Geschehnis erinnern. Depressionen äußern sich ebenfalls in Reizbarkeit.

Physische Reizbarkeit

Körperliche Reizbarkeit liegt meist an einer Infektion. Der infizierte Körperteil reagiert empfindlicher auf die Reize der Umgebung: Entzündete Augen tränen bei Licht, eine infizierte Wunde schmerzt bei Berührung, bei grippalen Infekten ist die Haut besonders empfindlich.

Körperliche Schmerzen sind meist mit starker Reizbarkeit verbunden: Wenn jemand sich die Schulter verrenkt, den Knöchel verstaucht, an Kopfschmerzen oder Zahnweh leidet, verhält er sich erstens oft überreizt, und zweitens sind die entsprechenden Stellen des Körpers überempfindlich.

Erkrankungen der Schilddrüse und ein niedriger Serotoninspiegel führen zu einem Ungleichgewicht der Hormone, und dieses drückt sich in hoher Reizbarkeit aus.

Negativer Stress

Stress zeigt sich in Schlafstörungen, innerer Unruhe, Antriebslosigkeit, Problemen, sich zu konzentrieren, und auch in Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Menschen, die unter negativem Stress leiden, sind überreizt: Sie empfinden die Stressfaktoren selbst als übergroße Belastung. Auslöser für solchen negativen Stress sind Einsamkeit, unbefriedigende Beziehungen zu anderen Menschen, soziale Unsicherheit, die Angst, den Arbeitsplatz oder die Wohnung zu verlieren, insbesondere aber die Anforderungen der so genannten Leistungsgesellschaft.

Den Menschen wird suggeriert, dass sie so, wie sie sind, nicht genügen. Sie sollen zugleich permanent gut gelaunt sein, gut verdienen, also immer mehr und immer härter arbeiten, zugleich ein vorbildlicher Familienvater oder eine fürsorgliche Mutter sein.

Wenn sie 50 Stunden die Woche schuften, plagt sie das schlechte Gewissen, nicht genug für die Familie da zu sein. Wenn sie sich um die Kinder kümmern, sitzt ihnen der Druck im Nacken, nicht genug für das berufliche Weiterkommen zu tun. Selbst der Urlaub wird zur Aufgabe, dem Partner und den Kindern möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu bieten.

Eingeimpfte Zwänge halten das Gehirn in ständiger Alarmbereitschaft, denn etwas fehlt immer an der angeblich nötigen Vollkommenheit. Wer gerade das Beste tut, um sich zu entspannen, nämlich auf dem Sofa liegen, den plagt das schlechte Gewissen: Ich muss mehr Sport treiben, ich muss weniger Schokolade essen, ich muss abnehmen, ich muss Geld verdienen, ich darf mich nicht gehen lassen.

Unerfüllbare Ansprüche in jedem Bereich bedeuten Ent-Identifizierung mit sich selbst. Die Fremdbestimmten messen ihren Eigenwert an den vermeintlichen Erfolgen Anderer, den Einflüsterungen der Werbeindustrie; die Menschen leiden unter Einflüsterungen, die sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Der Lebenscoach Martin Wehrle schreibt: „Unser Leben schrumpft zu einem Projekt, dessen Ziel die Optimierung des unvollkommenen Ichs ist.“

Die logische Kluft zwischen dem Ist-Zustand des Individuums und den Anforderungen, perfekt, also in jedem Bereich ein anderer zu sein als man ist, zerreißt die Menschen. Das Gehirn nimmt diese Dissonanz als Stress wahr. Nur, wer sich quält, auf den wartet am Ende das Paradies in Form eines Eigenheims und eines gefüllten Kontos.

Das neoliberale Versprechen gaukelt vor, dass, wer sich anstrengt, den großen Durchbruch schaffen kann und schafft so Millionen Gestresste, die dieser Täuschung hinterher laufen. In der Globalisierung sind wir zudem mit unüberschaubaren Möglichkeiten konfrontiert, so dass wir an allen Ecken und Enden scheitern können und dies auch aller Wahrscheinlichkeit nach tun, da erstens Erfolg zum Großteil vom Zufall abhängt, zweitens nicht notwendig materiellen Wohlstand bedeutet, und die Zahl der Milliardäre drittens äußerst gering ist.

Scheinbar unendliche Möglichkeiten, verbunden mit dem Gefühl zu versagen, wenn man nicht der Reichste, Schönste und in allen Medien Präsente ist, erzeugt Dauerstress. Denn das Gehirn ist mit dem Übermaß dessen, was es angeblich leisten muss, überfordert.

Dieser negative Stress entsteht aber nicht, wie oft angenommen, aus „Überarbeitung“, sondern aus Sinnlosigkeit. Wer unfähig ist, nein zu sagen und Dinge tut, die er nicht wirklich will, dem zeigt die übersteigerte Reizbarkeit, dass er das falsche tut. Übersteigerte und fremd bestimmte Ziele und der krampfhafte Wunsch, diese Halluzinationen zu erreichen, führen notwendig zu Stress, zum Scheitern und dadurch zu noch größerem Stress, genau so krampfhaft das nächste Ziel zu erreichen, weil der an falschen Ansprüchen Gescheiterte sich als Versager empfindet.

Menschen, die das tun, was ihnen entspricht, geraten jedoch sogar in den so genannten „flow“. Während ihrer Arbeit vergessen sie die Zeit; Tag und Nacht arbeiten sie an ihren Projekten, ohne sich müde oder gereizt zu fühlen.

Wehrle schreibt: „Je größer die Schnittstelle zwischen ihren Wünschen und ihren Handlungen, desto mehr werden sie ihr Glück in der Gegenwart genießen können – statt sich auf ein ungewisses „Jenseits“ vor oder nach dem Tod, zu vertrösten.“

Psyche und Körper gehen bei negativem Stress einher. Lärm gilt zum Beispiel als typische Quelle für eine Belastung der Nerven. Es gibt zwar Menschen, die durch ihre Veranlagung empfindlicher auf Lärm reagieren, aber die psychische Befindlichkeit gibt in vielen Fällen den Ausschlag. Der einsame alte Mann, der jedes Mal die Polizei ruft, wenn die Studenten im Nachbarhaus nachts die Musik aufdrehen, leidet vermutlich primär an seiner Einsamkeit und neidet es den jungen Leuten, dass sie Spaß haben.Subjektiv stört ihn der Lärm.

Studien zeigen, dass die gleichen Trigger wie Lärm von einer Baustelle, von Menschen, die in ihrer Arbeit aufgehen, weniger oder gar nicht als störend empfunden werden als von Menschen, die mit ihrer Arbeit im speziellen und ihrer Lebenssituation im allgemeinen unzufrieden sind.

Psychischer Druck und Anspannung bedingen Belastung durch Stress. Die Reizbarkeit ist bei negativem Stress ein Warnsignal. Anhaltender negativer Stress kann Menschen ausbrennen; diese totale Erschöpfung heißt Burnout.

Stress ist in der Evolution lebenserhaltend. Das Stresshormon Cortisol erhöht den Stoffwechsel, der Körper stellt mehr Energie in Form von Glukose zur Verfügung, wir können psychisch schneller reagieren. Außerdem stärkt Cortisol die Immunabwehr, es hemmt Entzündungen. Cortisol ist also ein Hormon für Gefahren: Es versetzt uns in Alarmbereitschaft, wenn ein Raubtier angreift und schützt uns vor Verletzungen.

Leider produziert unser Körper Cortisol auch bei Stress-Faktoren, die mit solchen Kämpfen nichts zu tun haben: Seelischer Druck, zu wenig Bewegung, mangelnder Schlaf und psychische Probleme – all das führt dazu, dass das Hormon uns auf den Ernstfall vorbereitet.

Wenn der Körper dauerhaft Cortisol ausschüttet, gerät der Hormonhaushalt aus dem Lot. Der Organismus geht von einem dauerhaften Ausnahmezustand aus, es kommt zu Kettenreaktionen von Noradrenalin, Adrenalin und Serotonin und am Ende steht ein Serotoninmangel. Der führt zu Müdigkeit, Motivationsmangel, Migräne, Schlafstörungen, Angstzuständen, Essstörungen und Depressionen.

Wer überreizt reagiert, weil er mit seinem Leben unzufrieden ist, dem hilft die Klarheit über seinen Frust, um dann selbst bestimmt und Schritt für Schritt dieses Leben zu ändern.

Reizbarkeit bei Depressionen

Wer an klinischen Depressionen leidet, ist nicht notwendig leicht reizbar. Depressionen äußern sich gerade in zu schwachen Reaktionen auf Außenreize. Reagieren Betroffene mit unipolarer Major-Depression jedoch übermäßig gereizt, dann ist das ein Alarmsignal, denn es deutet auf einen chronischen Verlauf der Krankheit.

Psychiater der University of California untersuchten mehr 536 Patienten und beobachteten diese teilweise bis zu 31 Jahre. 292 der Klienten waren zu Beginn der Studie reizbar gewesen. Die Phase der ersten schweren Depression hielt bei ihnen fast doppelt so lange an als bei weniger reizbaren.

In der Folge zeigten die reizbaren Patienten eine mangelnde Impulskontrolle, und jeder zehnte handelte sogar asozial. Nebenstörungen zeigten die reizbaren Probanden deutlich häufiger als die weniger reizbaren. 53 % der Reizbaren missbrauchten Drogen oder verfielen dem Alkohol gegenüber 37 % bei den „Ruhigen“. 40 % der Reizbaren litt unter Angststörungen, aber nur 26 % der weniger Reizbaren. 88% der Reizbaren zeigten zumindest eine mentale Störung, aber nur 73 % der anderen schwer Depressiven.

Die kalifornischen Psychiater halten es für dringend notwendig, Wut und Aggressivität bei Schüben schwerer Depressionen zu markieren, und die davon Betroffenen zu identifizieren. Denn die Therapie müsse gezielt darauf angelegt sein, Aggressionen zu bewältigen.

Bipolarität

Erhöhte Reizbarkeit ist ein Frühwarnsymptom bei bipolaren Störungen, und zwar ebenso bei einer manischen wie bei einer depressiven Phase.

Eine Depression kündigt sich an durch Energiemangel, Lust- und Freudlosigkeit, geringes Selbstwertgefühl und Selbstzweifel, herum grübeln, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, sexueller Lustlosigkeit, aber auch durch Anspannung, Unruhe und Reizbarkeit.

Eine Manie kündigt sich zwar durch das Gegenteil an: Gedankenrasen, Euphorie, schärfere Wahrnehmung, stärkere Kontaktbereitschaft und gesteigertes Selbstvertrauen. Anspannung, Unruhe und erhöhte Reizbarkeit bis hin zu gewalttätigen Konflikten sind aber auch hier erste Anzeichen.

Psychosen

Bipolare Störungen gehen einher mit psychotischen Zuständen. Aber auch Andere an Psychosen Leidende sind leicht reizbar. Unruhe, Nervosität und Reizbarkeit sind generell ein Frühwarnzeichen für eine aufsteigende Psychose. Die Betroffenen reagieren sehr empfindlich und sind leicht irritiert; sie verlieren den Appetit, vernachlässigen sich selbst, verlieren ihre Interessen und ihre Energie; die Gefühle verändern sich, sie stumpfen ab oder wechseln rapide.

Die Konzentration ist gestört, Psychotiker lassen sich leicht ablenken, die Leistung knickt; sie ziehen sich sozial zurück, sie bekommen Probleme in Beziehungen und brechen Kontakte ab; sie verändern ihre Interessen, ihre Wahrnehmung verändert sich ebenso wie ihr Erleben.

Sie nehmen zum Beispiel Gerüche anders wahr als vorher, und ebenso Farben; sie glauben, die Umwelt und sie selbst hätten sich verändert; sie meinen Dinge zu sehen, zu hören und zu schmecken, die Andere nicht wahrnehmen könnten.

Sie fühlen sich beobachtet und beziehen Geschehnisse in der Außenwelt auf sich,und sie glauben, Andere würden ihre Gedanken beeinflussen.

Andere psychische Störungen

Einige psychische Störungen gehen einher mit einer enormen Reizbarkeit, die sich als Aggression gegen sich und andere äußert. Dazu gehören das Borderline-Syndrom, die paranoide Schizophrenie und die dissoziale Persönlichkeit.

Borderlinern fehlt ein stabiles Selbstbild. Deshalb projizieren sie Eigenanteile auf andere Menschen, empfinden sich mit diesen aber zugleich eins. Für das Objekt der Projektion führt das dazu, dass der Borderliner ihn unbedingt kontrollieren und angreifen muss. Der Borderliner unterstellt seinen eigenen Hass dem anderen Menschen und sieht sich als dessen Opfer.

Paranoid Schizophrene nehmen ihre Umwelt verzerrt war und fühlen sich von Mächten, die vermeintlich nur sie wahrnehmen, verfolgt. In anderen Menschen sehen sie deshalb dunkle Kräfte walten, gegen die sie sich mit allen Mitteln schützen; Aggressionen bis hin zu offener Gewalt sind die Folge.

Dissozialen fehlt es an Empathie. Sie leiden also nicht an erhöhter Reizbarkeit, sondern sind Reizen gegenüber im Gegenteil abgestumpft. Allerdings ist das Resultat ähnlich: Wer leicht überreizt ist, äußert dies auch durch Aggression. Dissoziale werden ebenfalls sehr schnell aggressiv, jedoch geht es ihnen darum, ihre Dominanz durchzusetzen.

Traumatisierte reagieren extrem auf Reize, die das Trauma reaktivieren. Das auslösende Erlebnis ist in den Erinnerungen fest gebrannt, und Assoziationen setzen das Muster in Aktion. Flüchtlinge aus Syrien bekamen zum Beispiel Angstattacken, weil sie meinten, ihre Folterer vom IS in Deutschland zu erkennen; Menschen, die einen Verkehrsunfall erlitten, geraten zum Beispiel in Panik, wenn sie auf der Autobahn ein LKW überholt; Kriegstraumatisierte, die eine Bombardierung überlebten, kriegen Herzrasen beim Feuerwerk zu Sylvester.

Bei allen psychischen Krankheiten, die mit erhöhter Reizbarkeit verbunden sind, bringt es wenig, dieReizbarkeit zu behandeln. Psychotherapien und Medikamente, die die Krankheit lindern, sind hier hilfreich.

Allerdings gehört es bei all diesen Krankheiten zur Verhaltenstherapie, entweder einen Umgang mit Reizen zu üben, die den Betroffenen in einen Ausnahmezustand zu versetzen, oder diese Reize zu meiden.

Hochsensibilität

Hochsensible sind leichter reizbar als durchschnittlich Sensible, weil sie mehr Reize verarbeiten müssen. Sie nehmen Reize eingehender wahr als andere, sie empfinden Stimmungen in sozialen Beziehungen intensiver, sie analysieren gründlicher, und sie denken vielschichtiger. Ihr Schmerzempfinden ist gesteigert, sie sind leicht begeisterungsfähig und haben viele Interessen; ihr Langzeitgedächtnis übertrifft den Durchschnitt. Sie denken stark intuitiv, sie fühlen Erlebnisse lange und intensiv nach, sie erleben Kunst und Musik intensiv.

Das sie Reize verstärkt aufnehmen, wirken sie oft introvertiert, sie schließen leicht von sich auf andere, sie reagieren stark auf Medikamente, Alkohol und Koffein, und sie leiden unter Fremdbestimmung wieLeistungsdruck in besonderem Ausmaß.

Unter Zeitdruck und bei äußerem Zwang sind ihre psychischen Speicher leicht überlastet, weil sie eine hohe Dichte an Informationen verarbeiten müssen.

Hochsensibilität ist keine Krankheit, die behandelt werden muss – im Gegenteil. Hochsensible haben Fähigkeiten, die weniger Sensible nicht haben und brauchen deshalb einen Arbeitsplatz und ein soziales Umfeld, in dem sie diese entfalten können. Das sind vor allem kreative Tätigkeiten, in denen sie zwar auf eine Deadline hin arbeiten, sich ihren Arbeitsstruktur aber selbst organisieren. Noch wichtiger als für „normal Sensible“ ist für sie eine Umgebung, in der die Reize sie nicht überfluten und verständnisvolle Partner, die es akzeptieren, dass der Hochsensible einige Stunden in seinem Zimmer verschwindet.

Schilddrüsenerkrankung

Erkrankungen der Schilddrüse kündigen sich unter anderem durch Reizbarkeit an. Erkrankung bedeutet entweder Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse: Der Halsumfang nimmt zu, der Betroffene fühlt, einen „Fremdkörper“ in der Kehle zu haben; er leidet an Herzrasen und beschleunigtem Puls. Er verliert Gewicht oder nimmt zu, ohne seine Essgewohnheiten zu ändern; ihm fallen Haare aus; seine Haut trocknet aus, das Haar wird spröde, und die Fingernägel brechen. Er fühlt sich müde und ohne Antrieb. Ihm schmerzen die Muskeln, und er fühlt sich schwach. Er hat Verstopfung oder Durchfall. Er ist nervös und innerlich unruhig. Er kann schlecht schlafen. Er friert leicht. Sein sexuelles Interesse sinkt. Seine Hände zittern.

Schilddrüsenerkrankungen können für eine erhöhte Reizbarkeit verantwortlich sein. Bild: Henrie - fotolia
Schilddrüsenerkrankungen können für eine erhöhte Reizbarkeit verantwortlich sein. Bild: Henrie – fotolia

Eine Schilddrüsenunterfunktion lässt sich mit Hormon-Tabletten behandeln. Dieses L-Thyroxin nimmt der Betroffene mit einer Tagesdosis zwischen 100 und 200 Milligramm. Der Arzt beginnt mit einer niedrigen Dosierung und steigert diese langsam, da sich der Körper erst wieder an einen normalen Hormonspiegel gewöhnen muss, und eine hohe Dosierung zu einer Schilddrüsenüberfunktion führen kann. Dieser Hormone nimmt der Betroffene für den Rest seines Lebens.

Essen im Magen behindert, dass der Magen das L-Thyroxin aufnimmt. Deshalb nimmt der Patient das Hormon mindestens eine halbe Stunde vor dem Frühstück.

Bis die Behandlung anschlägt, dauert es mehrere Monate. Das künstlich hergestellte Hormon hat aber keinerlei Nebenwirkungen.

Jodmangel steht oft am Anfang einer Schilddrüsenunterfunktion, kann aber auch ohne diese Langzeitfolgen zu Problemen führen. Die Schilddrüse gewinnt Thyroxin aus dem Jod, das der Körper nicht selbst produzieren kann. Jodmangel führt dazu, dass die Schilddrüse sich vergrößert; der Betroffene hat hat einen Kropf.

Die jodhaltigen Hormone T 3 und T 4 (Thyroxin) sind entscheidend für die Entwicklung des Gehirn. Ein Baby, dem es an diesen Hormonen mangelt, erleidet geistige Behinderungen bis hin zum Kretinismus. Nimmt die Mutter während der Schwangerschaft zu wenig Jod zu sich, leidet das Neugeborene an Jodmangel. Chronischer Jodmangel reduziert den Intelligenzquotienten, so ergaben mehrere unabhängige Studien. Jodmangel gilt als die Hauptursache vermeidbarer Hirnschäden weltweit.

Die Deutschen nehmen, Schätzungen zufolge, im Durchschnitt pro Tag nur halb so viel Jod zu sich, wie es aus ärztlicher Sicht richtig wäre. Deutschland ist ein Jodmangel-Land. Die Ackerböden Mitteleuropas erhalten wenig Jod, da dieses im Lauf der Erdgeschichte aus dem Boden gewachsen wurde. Eine mangelhaft funktionierende Schilddrüse war deshalb in historischen Zeiten ein Kennzeichen der Landbevölkerung, und noch in den 1990er Jahren gab es 100.00 Schilddrüsenoperationen jährlich.

Die wichtigste Nahrung, um sich hierzulande angemessen mit Jod zu versorgen, ist Seefisch, denn er enthält unter unseren Lebensmitteln das meiste Jod. Jodsalz ist ebenfalls zu empfehlen, außerdem gibt es Algenprodukte und Jodtabletten; die sind jedoch maßvoll zu verwenden, da sonst eine Überproduktion der Schilddrüse die Folge ist.

Serotoninmangel und Serotoninsyndrom

Serotonin ist ein Botenstoff, der unsere Stimmung erhellt. Er überträgt Signale in das Gehirn und wirkt im Herzkreislauf und im Darm. Serotonin wirkt auf die Blutgefäße im Herzkreislauf ein und steuert die Darmperstaltik.

Ein Mangel an Serotonin zeigt sich in Niedergeschlagenheit, Angst und Heißhunger, aber auch durch erhöhte Reizbarkeit und Aggressivität. Fehlt es an Serotonin, dann gerät das Gleichgewicht zwischen Schlaf und Wachzustand aus den Fugen, und auch Migräne ist eine Folge.

Depressionen lassen sich mit Wiederaufnahmehemmern für Serotonin behandeln. So kann das Serotonin im Gehirn länger und besser wirken. Dadurch wird der Serotoninspiegel im Gehirn erhöht. Diese Hemmer wirken auch gegen Angst- und Zwangsstörungen.

Ein Überschuss an Serotonin wirkt sich ebenfalls negativ aus. Wir bezeichnen ihn als Serotoninsyndrom. Das zeigt sich in Angstzuständen, erhöhter Spannung und Zuckungen der Muskeln, Zittern und ebenfalls in erhöhter Reizbarkeit.

Tollwut

Tollwut ist eine Virusinfektion, die von Tieren auf Menschen übertragen wird. Hauptüberträger dieses Lyssavirus auf den Menschen sind in Eurasien Kaniden, also Hunde, Wölfe wie Füchse, und in Südamerika die Vampirfledermäuse.

Die Tollwut ist weltweit verbreitet, außer auf einigen Inseln. In Deutschland gilt sie als besiegt; das ist vor allem Ködern für Füchse zu verdanken, die Impfpräparate enthalten.

Die häufigste Art der Vampirfledermäuse ist der Gemeine Vampir, Desmodus rotundus. Sein Beutespektrum reicht von Säugetieren und Menschen bis zu Vögeln. Diaemus youngi, der Weißflügelvampir, bevorzugt Vögel, greift auch Säugetiere an, Der Kammzahnvampir, Diphylla ecaudata, ist auf Vögel als Beute spezialisiert.“

Vampirfledermäuse bevorzugen als Bissstelle Körperbereiche, die von ihnen leicht erreicht werden können. Bei Rindern hängen sie sich an den Widerrist und beißen seitlich des Halses; beim Angriff vom Boden aus bevorzugen sie die Region oberhalb der Hufe, bei liegenden Tieren Vulva oder Euter. Vor dem Biss wird die Haut durch Lecken eingespeichelt. Danach wird eine Hautfalte zwischen die rasiermesserscharfen Schneidezähne geklemmt und ruckartig ein Hautlappen abgetrennt.

Die Schädigung, die ein größeres Beutetier durch den Biss und den Blutverlust erleidet, ist gering. Allerdings legen Fliegen gern ihre Eier in die Wunden, was zu Geschwüren führen kann. Gefahr besteht durch Infektionen beim Beißen und Blut lecken. In Südamerika sind die Vampirfledermäuse Hauptüberträger der Tollwut

Das Tollwutvirus wandert durch das Nervensystem. Pro Tag frisst es sich drei Zentimeter weiter und erreicht nach mehreren Tagen das Gehirn. Es zerstört den Geist und Körper des Opfers.

Die Krankheit verläuft in drei Phasen. Das erste Stadium zeichnet sich durch Scheu, Nervosität und Gereiztheit aus. Licht, Berührung, Wärme und Kälte bereiten dem Infizierten Schmerzen. Die Kranken können nicht schlucken, und Speichel fließt aus dem Mund. Kranke reagieren aggressiv, wenn sie Wasser sehen und verzweifeln, weil sie es nicht trinken können. Dazu sind sie nämlich aufgrund ihrer Schlucklähmung nicht in der Lage.

Die Schmerzen sind unerträglich, der Organismus kollabiert, oft werden die Kranken aggressiv. Sietreten und spucken, beißen und brüllen. Dazu kommen Halluzinationen, der Nacken ist gelähmt, der Leidende irrt ruhelos umher. In den Augen vergangener Zeugen verhielten sich die Kranken wie wilde Tiere.

Dieses zweite Stadium bezeichnen Ärzte als rasende Wut. Zuletzt erstarren die Gliedmaßen und Gesichtsmuskeln der Kranken. Häufig heulen die Betroffenen „wie Hunde“, weil ihre Stimmbänder gelähmt sind.

Die Krankheit führt noch heute zum Tod, wenn sie nicht in der Inkubationsphase gestoppt wird. Ein Kinderarzt vermutete indes, dass der Körper des Virus Herr werden könnte. Die Seuche verliefe dafür nur zu schnell. Er legte Patienten in künstliches Koma, so dass der Organismus Antikörper entwickeln konnte. Die ersten vier Probanden überlebten mit massiven neurologischen Schäden. 2013 überstandjedoch ein Mädchen die Tollwut unbeschadet.

Die erhöhte Reizbarkeit ist bei vielen Krankheiten ein Frühwarnsymptom und hilft, das rechtzeitig erkannte Leiden zu behandeln. Nicht so bei der Tollwut! Reizbarkeit kennzeichnet nämlich die erste Phase; die Krankheit ist also bereits ausgebrochen und lässt sich nicht mehr eindämmen.

Gegen die Tollwut hilft nur Prävention. In Teilen Afrikas und Asiens tobt das Virus noch heute, und allein in Indien infizieren sich jährlich circa 20 000 Menschen. Sie infizieren sich in den meisten Fällen, weil sie ein erkranktes Tier beißt – meist handelt es sich um Straßenhunde, selten um Schakale, Füchse oder Katzen.

Reisende sollten deshalb Gegenden meiden, in denen sich solche halbwilden Hunde aufhalten, außerhalb der Städte vorsichtig sein, wenn sich wilde Tiere wie Schakale, Füchse oder Hyänen ohne Scheu nähern.

Das Risiko, sich zu infizieren, hängt von der Art des Reisens ab. Wer sich vor allem mit dem Auto bewegt und in Hotels übernachtet, kommt kaum in Kontakt mit den Tieren, die die Seuche übertragen.Rucksack-Touristen, die sich mit Hunden, Affen, Ratten oder Schweinen die Schlafplätze unter freiem Himmel teilen, setzen sich jedoch Risiken aus. Outdoor-Trekker können Einheimische fragen; die wissen in der Regel sehr genau, ob sich infizierte Tiere in der Gegend befinden, denn Inder lernen schon als Kinder, sich vor tollwütigen Hunden zu schützen. Es ist zudem ratsam, herum irrende Tiere nicht zu streicheln, auch wenn diese Mitleid erregen und einen Stock bei sich zu tragen, um infizierte Tiere auf Distanz zu halten.

In Süd- und Mittelamerika hilft es, nachts unter einem Moskitonetz zu schlafen, damit die Fledermäuse keine unbedeckten Stellen des Körpers erreichen.

Vor allem aber gehört bei Reisen in Länder, in denen die Tollwut grassiert, eine Impfung zum Pflichtprogramm: Das gilt für Indien wie für Nepal, für Somalia wie für Tansania.

Wer dies verpasst, und von einem Tier gebissen wird, sollte umgehend zum Arzt gehen und sich impfen lassen.

Was hilft gegen Reizbarkeit?

Reizbarkeit lässt sich unterschiedlich behandeln, je nachdem, was die Ursache ist. Gegen leichte Reizbarkeit helfen Naturmittel wie Johanniskraut, Passionsblume, Baldrian, Hopfen, Lavendel, Kamille oder Melisse, außerdem Orangenöl, Fenchelöl, Bergamotteöl, Basilikumöl, Rosenholzöl, Schafgarbenöl oder Sandelholz.

Autogenes Training, Yoga-Übungen und schamanische Übungen sind ebenfalls hilfreich. Bäder mit entspannenden Ölen sind ebenso zu empfehlen wie Sport: Radfahren, wandern, laufen oder Kraftsport. Es muss kein Leistungssport sein, sondern die Bewegung an der frischen Luft lässt den reizbaren zur Ruhe kommen. Kommt eine körperliche Reizbarkeit dazu, ist Schwimmen weniger sinnvoll, da nach dem Schwimmen die Haut und die Schleimhäute sensibel reagieren.

Reizbarkeit als Folge von Schlafmangel ist nicht pathologisch. Hier hilft schlafen, früh ins Bett gehen und ausschlafen. Einen Tag später ist die Reizbarkeit verschwunden.

Alle diese Übungen lindern zwar auch Reizbarkeit, die ein Ausdruck von schwereren Krankheiten ist. Hier gilt es jedoch, die Ursache, nämlich die Krankheit zu heilen, und nicht ihr Symptom. (Dr. Utz Anhalt)