Weltweit war in den letzten Jahrzehnten ein massiver Anstieg der psychischen Störungen zu verzeichnen. So hat sich die Zahl der Betroffenen seit 1990 knapp verdoppelt und heute sind mehr als eine Milliarden Menschen betroffen.
Ein internationales Forschungsteam hat die Entwicklung der globalen Prävalenz psychischer Störungen für den Zeitraum von 1990 bis 2023 analysiert und die besorgniserregenden Ergebnisse in dem Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht.
Wie viele Menschen sind weltweit betroffen?
Wiederholt wurde in den vergangenen Jahren bereits der Anstieg der Diagnosen bei einzelnen Beschwerdebilden wie Depressionen oder Angststörungen thematisiert, es fehlte jedoch ein Überblick über die Entwicklungen der psychischen Störungen insgesamt.
Anhand einer Auswertung der verfügbaren Daten zu zwölf verschiedenen psychischen Störungen aus 204 Ländern und Territorien für den Zeitraum von 1990 bis 2023 berechneten die Forschende nun, wie hoch die globale Prävalenz psychischer Störungen tatsächlich ist.
Unterschiedliche Prävalenz in verschiedenem Alter
Grundsätzlich können psychische Störungen Menschen in allen Lebensphasen betreffen, wobei jedoch in den unterschiedlichen Altersstufen verschiedene Erkrankungen die stärkste Krankheitslast verursachen, erläutert das Team.
Im frühen Kindesalter seien Erkrankungen wie Autismus-Spektrum-Störungen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS), Störungen des Sozialverhaltens und idiopathische intellektuelle Entwicklungsstörungen am weitesten verbreitet, wobei Jungen häufiger betroffen seien als Mädchen.
Weltweit 1,2 Milliarden Betroffene
Mit dem Übergang vom Kindes- ins Jugendalter werden dann Angststörungen und schwere depressive Störungen zu den Hauptursachen für die Krankheitslast durch psychische Erkrankungen, berichten die Forschenden.
Insgesamt sind nach Einschätzung der Fachleute heute rund 1,2 Milliarden Menschen von psychischen Störungen betroffen – fast doppelt so viele wie noch im Jahr 1990. Dabei seien Personen im Alter von 15 bis 19 Jahren sowie Frauen überproportional stark belastet.
Die insgesamt höhere Krankheitslast bei Frauen wird dabei laut den Fachleuten wahrscheinlich durch eine komplexe Mischung von Faktoren geprägt wie unter anderem eine stärkere Exposition gegenüber häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch, erhöhte Sorgeverantwortung und strukturelle Ungleichheiten (z. B. Geschlechterdiskriminierung)
Angststörungen & Depressionen besonders häufig
Unter den psychischen Störungen seien Angststörungen und schwere depressive Störungen (Major Depression) für die größte Krankheitslast verantwortlich, und psychische Erkrankungen verursachen gemessen an den sogenannten DALY (disability-adjusted life years; krankheitsbereinigte Lebensjahre) mittlerweile weltweit die größte Krankheitslast, noch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, berichtet das Team.
Allerdings sind von Land zu Land durchaus erhebliche Unterschiede bei der Krankheitslast festzustellen, wobei einige der höchsten Werte in einkommensstarken Regionen wie Westeuropa verzeichnet werden, erläutern die Forschenden.
Internationale Unterschiede, aber globaler Trend
In allen Regionen der Welt sei die Prävalenz psychischer Störungen von 1990 bis 2023 jedoch deutlich gestiegen. Einen besonders drastischen Anstieg der depressiven Störungen und Angststörungen verzeichneten die Fachleute zudem ab 2019 (um etwa 24 % bzw. 47 %), wobei die Beschwerdebilder ihren Höhepunkt in den Jahren nach der COVID-19-Pandemie erreichten.
„Diese steigenden Trends könnten sowohl die anhaltenden Auswirkungen des pandemiebedingten Stresses als auch längerfristige strukturelle Faktoren wie Armut, Unsicherheit, Missbrauch, Gewalt und den Rückgang der sozialen Vernetzung widerspiegeln“, berichtet Erstautor Dr. Damian von der University of Queensland.
Wachsende Herausforderungen
„Die Bewältigung dieser wachsenden Herausforderung erfordert nachhaltige Investitionen in die Systeme der psychischen Gesundheitsversorgung, einen erweiterten Zugang zu Behandlungsangeboten sowie koordiniertes globales Handeln, um die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen besser zu unterstützen“, ergänzt Dr. Santomauro.
Bedenklich ist auch, dass die Krankheitslast in der Altersstufe von 15 bis 19 Jahren ihren Höhepunkt erreicht, einer entscheidenden Entwicklungsphase, die den weiteren Lebensweg in Bezug auf Bildung, Beruf und soziale Beziehungen maßgeblich prägen kann, ergänzt die Studienautorin Dr. Alize Ferrari von der University of Queensland.
Die zunehmenden psychische Störungen belasten Familien und Pflegepersonen, beeinträchtigen die Erwerbsbeteiligung und die Produktivität und stellen die Gesundheitssysteme vor erhebliche Herausforderungen.
Denn laut den Forschenden bestehen gravierende Versorgungslücken und zum Beispiel erhalten weltweit nur etwa neun Prozent der Betroffenen mit einer schweren depressiven Störung eine zumindest minimal angemessene Behandlung.
Um den Zugang zu Versorgungsangeboten zu verbessern seien koordinierte globale Maßnahmen sowie nachhaltige Investitionen in die Systeme der psychischen Gesundheitsversorgung erforderlich, so das Fazit des Forschungsteams. (fp)
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Damian F. Santomauro, Paul Anthony Miller, Jamileh Shadid, et al.: Updated trends in the global prevalence and burden of mental disorders, 1990–2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023; in: The Lancet (veröffentlicht 23.05.2026), thelancet.com
- Institute for Health Metrics and Evaluation: Global mental disorders have nearly doubled since 1990, now affecting 1.2 billion people worldwide (veröffentlicht 21.05.2026), eurekalert.org
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.







