Statt die Sepsis (Blutvergiftung) als solche zu benennen, werden oftmals andere Begrifflichkeiten wie beispielsweise Organversagen verwendet und die Krankheitslast wird auch aus diesem Grund unterschätzt. Offenbar besteht hierzulande ein Sepsis-Wahrnehmungsproblem.
Die Sepsis-Stiftung kritisiert dieses mangelnde Bewusstsein für die Erkrankung in einer aktuellen Mitteilung und betont, dass die fehlende Sichtbarkeit die Prävention, Früherkennung und Behandlung der Sepsis erheblich erschwere, die jährliche etwa 140.000 Todesfälle in Deutschland verursache.
Fehler bei der Kommunikation
Bereits 2017 habe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu aufgefordert, gegenüber Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen, aber auch in der öffentlichen Kommunikation ausdrücklich den Begriff „Sepsis“ zu verwenden, um das Bewusstsein für die Erkrankung zu stärken.
Doch fast zehn Jahre später werde diese Empfehlung in Deutschland weiterhin nur unzureichend umgesetzt. Häufig wird in Medienberichten, in der öffentlichen Gesundheitskommunikation oder in der Diskussion über Pandemien und Epidemien von Organversagen, Intensivbehandlungen oder Todesfälle gesprochen, ohne den Begriff Sepsis zu nennen, bemängelt die Sepsis-Stiftung.
Darüber hinaus werde während der Behandlung und auch nach Todesfällen den Angehörigen oftmals nicht mitgeteilt, dass sich aus einer zunächst lokalen Infektion eine lebensbedrohliche Sepsis entwickelt habe.
Krankheitslast der Sepsis unterschätzt
Und aus Studien sei bekannt, dass explizite Sepsis-Diagnosecodes nur einen Teil der tatsächlich vorliegenden Sepsisfälle erfassen, so dass die Krankheitslast nicht nur im öffentlichen Bewusstsein, sondern auch in den Statistiken unterschätzt werde.
Hier seien auch die Medien, Journalistinnen und Journalisten sowie die Verantwortlichen der öffentlichen Gesundheitskommunikation aufgefordert, sie Sepsis als solche zu benennen.
Häufig wird über Todesfälle nach Lungenentzündungen, schweren Verläufen von COVID-19, Influenza, Ebola oder anderen Infektionskrankheiten berichtet, ohne darauf hinzuweisen, dass die unmittelbare Ursache von Organversagen und Tod oftmals eine Sepsis ist, kritisiert die Sepsis-Stiftung.
Gleiches gelte bei Berichten über künstliches Koma, Intensivbehandlungen oder Multiorganversagen. Eine konsequente Benennung der Sepsis könne jedoch wesentlich dazu beitragen, die Bevölkerung für Prävention, Impfungen, Hygienemaßnahmen und die frühzeitige Erkennung von Warnzeichen zu sensibilisieren.
Sepsis als solche benennen
„Die fehlende Benennung von Sepsis ist nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern ein relevantes Hindernis für die Verbesserung der Gesundheitskompetenz und Patientensicherheit in Deutschland“, betont Prof. Dr. Konrad Reinhart, Vorstandsvorsitzender der Sepsis-Stiftung.
„Wenn Gesundheitspolitiker, Gesundheitsbehörden, die Gesundheitsberichterstattung des Bundes und die Medien bei COVID-19, Influenza, Ebola, Lungenentzündungen oder anderen schweren Infektionen nicht deutlich machen, dass Organversagen und Todesfälle häufig die Folge einer Sepsis sind, bleibt das tatsächliche Ausmaß der Krankheitslast weitgehend unsichtbar“, ergänzt Reinhart.
Rund zwei Drittel der jährlich etwa 360.000 Sepsis-Überlebenden leiden den Fachleuten zufolge langfristig unter körperlichen, kognitiven oder psychischen Folgen und benötigen über Jahre medizinische, rehabilitative oder pflegerische Unterstützung.
Doch Deutschland werde die Sepsis-Sterblichkeit und die Zahl der Menschen mit schweren Langzeitfolgen erst dann wirksam senken, wenn Politik, Gesundheitsbehörden und Medien aufhören, über schwere Infektionen zu sprechen, ohne die zugrunde liegende Sepsis zu benennen.
„Solange Sepsis nicht sichtbar gemacht wird, werden weder die vermeidbaren Todesfälle noch die Hunderttausenden Betroffenen mit Langzeitfolgen und die jährlichen Kosten von über 30 Milliarden Euro die politische Aufmerksamkeit erhalten, die dieses Gesundheitsproblem dringend erfordert“, resümiert Professor Reinhart. (fp)
Autoren- und Quelleninformationen
Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.
- Sepsis Stiftung: Unsichtbare Todesursache Sepsis: Warum Deutschland ein Wahrnehmungsproblem hat (veröffentlicht 03.06.2026), idw-online.de
- Joseph D. Forrester: Sepsis und septischer Schock; in: MSD Manual (Stand 04.06.2026), msdmanuals.com
Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.







