Wegwarte – Zauberpflanze, Caro-Kaffee und Arznei

Die Gemeine Wegwarte (Cichorium) oder Zichorie kennen wir als Zuchtform Chicorée. 2020 wird sie „Heilpflanze des Jahres“, um so darüber aufzuklären, dass Zichorie nicht nur als Gemüse schmeckt, sondern auch medizinisch wirkt.

Steckbrief

  • Wissenschaftlicher Name: Cichorium intybus
  • Volksnamen: Zichorie, Hundslauf, Verfluchte Jungfer, Vogelleuchte, Warzkraut, Krebskraut, Sonnenkraut.
  • Familie: Korbblütler (Asteraceae)
  • Vorkommen: Europa, Westasien und Nordwestafrika, heute auch als Neophyt in Südafrika, Nord- und Südamerika.
  • Verwendete Pflanzenteile: Oberirdische Teile und Wurzel, Blüten
  • Anwendungsgebiete: Verdauungsstörungen, Blutreinigung, Durchblutung, Senken der Blutzuckerwerte.

Zichorie – Eine Übersicht

  • Wegwarte ist heute vor allem als Chicorée-Gemüse bekannt. Dabei diente sie historisch vor allem als Heilpflanze.
  • In der Volksmedizin waren Extrakte der Wegwarte Mittel gegen vielerlei Leiden, von Hämorrhoiden über Fieber bis zu Kopfschmerzen, von Erkrankungen des Magens bis zu Augenproblemen.
  • Wegwarte ist als Arzneimittel anerkannt, und zwar gegen Appetitlosigkeit und dystopische Beschwerden.
  • Die Inhaltsstoffe der Pflanze sowie Studien mit Zichorienextrakten deuten auf ein großes ungenutztes Potenzial an medizinisch wirksamen Stoffen hin.
Wegwarte wächst – wie auch ihr Name andeutet – gerne an Wegrändern. Ihr Potenzial, sowohl medizinisch als auch kulinarisch, wurde dabei nicht immer erkannt. (Bild: kolesnikovserg/stock.adobe.com)

Blutreiniger und Kaffeeersatz

Die Zichorie gehört zur Familie der Korbblütler und ist seit der Antike als pflanzliche Arznei beliebt. Sie diente dazu, Verdauungsbeschwerden zu behandeln und das „Blut zu reinigen“. In der Moderne war die geröstete Wurzel ein Ersatz für Bohnenkaffee, und der Chicorée wie Radicchio stechen mit ihrem leicht bitteren Geschmack aus anderen Gemüsen hervor.

Inhaltsstoffe

Wegwarte verfügt über jede Menge Stoffe, die heute das Interesse der evidenzbasierten Medizin wecken, da sie womöglich eine Basis für neue Therapien bieten: Bei bakteriellen Infektionen oder Erkrankungen des Stoffwechsels. Dazu zählen Sesquiterpenlactone (diese geben der Pflanze ihren bitteren Geschmack), Phenolcarbonsäuren, Gerbstoffe und Cumarin.

Zichorie speichert Inulin. Kennzeichen sind die Bitterstoffe Lactucin und Lactucopikrin, bei beiden handelt es sich um Sesquiterpenlactone. Hinzu kommen Esculetin, Aesculin, Cichoriin, Umbelliferon, Scopoletin, 6,7-Dihydroxycumarin, Glykoside, Kaffee- wie Ferulasäure, Flavonoide, Cichoriensäure, Gerbstoffe und Phytosterole.

Zichorie in der Volksmedizin

„Wegen seiner umfassenden Wirksamkeit und Zuverlässigkeit wird Cichorium (…) zu den wichtigsten Pflanzenheilmitteln gezählt.“ Gerhard Madaus 1938

Sowohl die oberirdische Pflanze wie auch die Wurzel waren seit dem Altertum als Arznei begehrt. Der Nestor der abendländischen Medizin, Hippokrates, empfahl die Zichorie wegen ihrer „kühlenden Wirkung“, der antike Mediziner Dioskurides sah sie als adstringierend und meinte, sie würde Magenerkrankungen lindern. In der Medizin des Mittelalters diente ein Extrakt aus der Wurzel und den Blüten dazu, den Appetit zu fördern und den Harn zu treiben.

Außerdem sollte Zichorie Gelbsucht und Augenleiden heilen, ebenso Fieber und Kopfschmerzen. Wegwarte galt auch als Mittel gegen Hämorrhoiden. Paracelsus schätzte sie als schweißtreibend, Kneipp empfahl sie für Erkrankungen des Magens, des Darms und der Leber. In Deutschland wird Wegwarte traditionell verwendet, um abzuführen.

Pharmakologische Wirkung

Zichorie ist hierzulande als Arzneimittel anerkannt, und zwar, um den Appetit zu fördern wie auch bei dyseptischen Problemen. Die Wissenschaft kennt inzwischen diverse medizinische Wirkungen einzelner Inhaltsstoffe. So sorgt die Cichoriensäure mit dafür, dass Inulin freigesetzt und Glukose aufgenommen wird. Dadurch eignet sich die Säure, um Blutzucker zu senken.

Gegen Entzündungen

Zichorienwurzeln könnten neue Wege in der Behandlung von Arthritis eröffnen. So zeigte eine (sehr kleine) Beobachtungsstudie, dass bei neun von zehn Patienten mit Arthrosen an Hüften und Gelenken, die einen Monat lang 600 mg eines Wurzelextraktes zu sich nahmen, Verbesserungen eintraten.

Auch bei Arthritis zeigt Cichorium Intybus vielversprechende Wirkungen. (Bild: adiruch na chiangmai/stock.adobe.com)

Wegwarte für Zahnpasta

Wegwarte zeigte in einer Studie Wirkung gegenüber dem Bakterium Prevotella intermedia, das Parodontose auslöst. Demnach wäre Zichorienextrakt für Mundhygieneprodukte zu empfehlen, um Parodontose vorzubeugen. Eine andere Studie belegte, dass ein solcher Extrakt auch gegen Streptococcus mutans und Actinomyces naeslundii hilft. Organische Säuren in der Wegwarte hemmen die Bildung von Karies, besonders Bernstein- und Chinasäure. Zichorienextrakt greift auch Zahnbelag an, in dem sich pathogene Erreger sammeln.

Inulinzufuhr

Inulin fördert das Wachstum der kommensalen Keimflora im Darm und senkt dort die Ammoniakwerte, eine Nebenwirkung bei der Aufnahme von Zichorieninulin sind (lediglich) Blähungen. Allerdings führt eine erhöhte Aufnahme von Inulin ab einem bestimmten Punkt selbst zu Magen-Darm-Beschwerden, und die verträgliche Menge muss der Arzt beziehungsweise die Ärztin bei den jeweils Betroffenen ermitteln.

Es gibt valide Hinweise, dass eine regelmäßige Einnahme von Inulin die Gefahr senkt, an Darmkrebs zu erkranken.

Nebenwirkungen von Wegwarte

Wegwarte kann, wie auch andere Korbblütler, Allergien auslösen. Bekannt sind in wenigen Fällen asthmaartige Symptome, bekannt ist auch die „Chicory worker‘s lung“, eine Erkrankung, bei der die Lungen hypersensitiv reagieren, nachdem sie kontinuierlich Zichorienstaub ausgesetzt waren. Vermutlich gibt es auch eine Kreuzallergie zwischen Birkenpollenallergie und Hypersensibilität gegenüber Zichorie. Wegwarte ist indessen schwach im Vergleich zu anderen allergieauslösenden Pflanzen. Nichtallergiker haben wenig Probleme, denn der Extrakt ist ungiftig.

Wer sollte bei Zichorie vorsichtig sein?

Vorsicht ist jedoch bei Gallenbeschwerden geboten. Wenn Sie unter Gallensteinen leiden, besonders, wenn diese bereits Koliken auslösten, sollten Sie Produkte aus Wegwarte nur nehmen, wenn sie dies mit einem Facharzt / einer Fachärztin abgesprochen haben.

Wo wächst Wegwarte?

Die Gemeine Wegwarte wächst natürlich in Europa, dem Westen Asiens und Nordwestafrika. Heute haben Menschen sie auch im Süden Afrikas, in Nord- wie Südamerika verbreitet. In Deutschland besiedelt sie besonders Ruderalflächen, Äcker, Weiden und, wie der Name sagt, Wegränder. Es handelt sich um eine typische Pionierpflanze, die mit ihren tiefen Wurzeln auch „problematischen“ Boden erobert.

Zichorie mag Böden mit vielen Nährstoffen und ist deshalb auch in der mit Mineraldünger ge- und übersättigten modernen Agrarlandschaft gut bedient. Ihre Ansprüche sind einfach zu befriedigen, sie wächst auf leicht feuchtem bis zu leicht trockenem Boden und lässt sich auch durch ein wenig Salz nicht vertreiben. Die Wegwarte meidet die höchsten Lagen und kommt im Gebirge nur bis zur Höhe von 1500 Metern vor.

Muckefuck und Caro-Kaffee

Die ältere Generation kennt Wegwarte noch gut als Muckefuck oder als Caro-Kaffee. Im 18. Jahrhundert wurde Zichorie dem echten Kaffee beigefügt, damit dieser bitterer schmeckte und eine kräftigere Farbe erhielt. Die häufige Wegwarte bot sich jedoch auch an, den damals sehr teuren Kaffee zu ersetzen, und der Offizier Christian von Heine und der Gastwirt Christian Gottlieb Förster aus dem heutigen Niedersachsen erfanden den Muckefuck oder Zichorienkaffee. Diesen stellten sie ab 1769 in Fabriken her. Heute wird Zichorie vor allem angebaut, um Inulin zu gewinnen.

Am bekanntesten ist Wegwarte natürlich in der Zuchtform Chicorée. Die Knospen bilden sich, wenn man die Wurzeln im Spätherbst eingräbt und diese dann kein Licht mehr bekommen. (Bild: photocrew/stock.adobe.com)

Chicorée – Salat aus der Zichorie

Heute kennen wir Wegwarte vor allem als Chicorée. Nur wenige wissen jedoch, dass dieses Gemüse eine Kulturform des blau blühenden Krauts am Straßenrand ist. Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich der Verzehr der Sprösslinge der kultivierten Wegwarte. Dafür werden die Wurzeln im Spätherbst eingegraben und abgedeckt. Im Winter bilden sich dann bis zu 20 Zentimeter lange und fünf Zentimeter dicke Knospen, unser Chicorée. Seine Blässe und Zartheit erhält er durch die Dunkelheit.

Eine Zauberpflanze

Um die Zichorie rankten sich zahlreiche Märchen und Sagen. So spielte sie im Mittelalter eine Rolle bei Liebeszaubern, und der Konsum von Zichorien sollte dazu führen, dass Jungfrauen im Traum ihren zukünftigen Bräutigam sahen. Sie sollte auch Krieger in der Schlacht unverwundbar machen.

Volksnamen

Die Zichorie hat viele regionale Volksnamen, manche davon sind Variationen von Hundslauf; in Ostpreußen hieß sie Verfluchte Jungfer (womöglich ein Anklang an imaginierte Zauber), in Schwaben Krebskraut, in Thüringen Sonnenkraut, in Schlesien Warzkraut und in Siebenbürgen Vogelleuchte.

Ausblick

Wegwarte ist eine medizinisch wirksame Pflanze mit einer Vielfalt von positiven Wirkungen, deren Potenzial längst nicht ausgeschöpft ist. Weiterführende Forschung sollte sich besonders auf die Effekte bei Wundheilungen und Stoffwechselerkrankungen konzentrieren.

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Anna Hitova, Matthias F. Melzig: Cichorium intybus L., Gemeine Wegwarte, Z Phytother 2014; 35(04): 198-202 DOI: 10.1055/s-0034-1371731, researchgate
  • J. Augustin: Optimization of isolation of inulin from Cichorium intybus L. and some of its uses in social practice. In: Ceska Slov Farm 2005; 54: 145-150, PubMed
  • Al Bonnema et al.: Gastrointestinal tolerance of chicory inulin products. In: J Am Diet Assoc 2010; 110: 865-868, PubMed
  • D. Mascherpa et al.: Identification of phenolic constituents in Cichorium endivia var. crispum and var. latifolium salads by high-performance liquid chromatography with diode array detection and electrospray ioniziation tandem mass spectrometry. In: J Agric Food Chem 2012; 60: 12142-12150, PubMed
  • D. Tousch et al.: Chicoric acid, a new compound able to enhance insulin release and glucose uptake. In: Biochem Biophys Res Commun 2008; 377: 131-135, PubMed

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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