Warum wir tun, was wir tun. Wie die Psychologie unseren Alltag bestimmt

Droemer 2018 – Alles ist Psychologie!

Jens Förster ist Leiter des „Systemischen Instituts für Positive Psychologie in Köln“ und ist Professor für Sozialpsychologie. In der positiven Psychologie wird kritisiert, dass sich die Psychologie des 20. Jahrhunderts zu stark auf Psychopathologie konzentriert, also auf die psychischen Störungen und nicht auf das Spektrum der funktionierenden psychischen Mechanismen. Der positiven Psychologie geht es vielmehr darum, das Wissen über die menschliche Psyche zu nutzen, um „Normalmenschen“ ein besseres Leben zu ermöglichen. Försters neues Werk „Warum wir tun, was wir tun“, zeigt genau das, was der Titel verspricht.


„Alles ist Psychologie. Jeder Händedruck, jede Kaufentscheidung, jede noch so langweilige Politikdebatte verrät viel über die Akteure, sobald man die Dinge psychologisch betrachtet.“
Jens Förster

Denken, Fühlen, Verhalten

Die 500 Seiten gliedern sich in drei Teile. Zuerst geht es darum, was Psychologie überhaupt ist. Dann geht Förster auf die Grundpfeiler der Psychologie ein: Denken, Fühlen, Verhalten. Der dritten Teil handelt über Themen, Bereiche und Problemfelder der Alltagspsychologie.

Laut dem Psychologie Professor Jens Förster sehen wir nie eine objektive Umwelt, sondern beeinflussen diese durch unsere Wahrnehmung. (Bild: ra2 studio/fotolia.com)

Das Buch ist ebenso wissenschaftlich wie für Laien verständlich, und, was bei psychologischen Fachbüchern selten vorkommt, direkt auf den Alltag zu übertragen, also wertvoll, um das eigene Denken, Fühlen und Verhalten zu verstehen und in eine positive Richtung zu lenken. Angefangen bei Kaufentscheidungen, über Konflikte im Beruf, das (alles andere als objektive) Beurteilen von Personen, Sinn und Gefahren von Stereotypen bis hin zum Manipulieren von Meinungen. Auch auf große Fragen geht Förster ein: Lebensziele, Beziehungen, Intelligenz, Glück, Kommunikation, Hilfsbereitschaft und Aggression.

Persönlichkeit und Umwelt

Förster zeigt, dass Denken und Verhalten auf einem Wechselspiel von Persönlichkeit und Umwelt basieren. Wir sehen aber nie eine „objektive“ Umwelt, sondern verzerren die Umwelt durch unsere Wahrnehmung. Was wir also als Umwelt ansehen, ist ein Konstrukt. Dabei ist Förster aber kein sozialer Konstruktivist, für den es keine reale Umwelt gibt, sondern Empiriker. Psychologie ist für ihn eine empirische Wissenschaft, die zwar in Studien statistische Aussagen über das Verhalten von Menschen leisten, aber nicht das jeweilige Verhalten eines Individuums voraussagen kann.

Bereits im ersten Teil analysiert Förster, wie Denken, Fühlen und Verhalten entsteht. So betont er, dass Belohnungen nachhaltig motivieren und unterscheidet zwischen positivem und negativem Lernen. Positive Erziehung ignoriere bei Kindern ungewolltes Verhalten und fördere positive Erfahrungen, während negative Erziehung ungewolltes Verhalten bestraft und so die Abwesenheit von Strafe ein Lernziel sei. Positive Erziehung zeige sich im späteren Leben als Idealismus, Selbstverwirklichung, aber auch als Risikobereitschaft, während Menschen, die lernten, Strafen zu vermeiden, eher pflichtbewusst und risikoscheu blieben.

Menschen sind, so Förster, weder rational noch ökonomisch, sondern lassen sich leicht manipulieren. Vorurteile wie Stereotypen haben laut Förster evolutionäre Wurzeln und bestimmen unsere Wahrnehmung. Probanden bewerteten zum Beispiel Politiker, Partner oder Produkte positiver, wenn im Hintergrund fröhliche Musik lief. Wer nicht wisse, woher eine gute Stimmung kommt, denke schnell, dass der Urteilsgegenstand sie verursacht, auch wenn dies nicht der Fall ist. Wurden die Versuchsteilnehmenden vorher darauf hingewiesen, dass die Musik sie in angenehme Stimmung versetzen könnte, blieb der Stimmungseinfluss auf die Bewertungen hingegen aus.

Wir lassen uns laut Förster schnell von Stimmungen und Meinungen manipulieren. Oft wirken dabei Einflüsse, die nichts mit dem Gegenstand der Beurteilung zu tun haben. (Bild: svetazi/fotolia.com)

Emotionen steuern die Motorik – und umgekehrt

Ausdrucksmuster und Motorik seien stark mit unseren Emotionen verknüpft. Körperliche Ausdrücke allein könnten Emotionen ändern, verstärken oder sie abmildern. Die Hände zum Gebet zu falten, führe zu stärkerer Selbstkontrolle, den Stinkefinger auszustrecken lasse uns die Aggression anderer verstärkt wahrnehmen, sich gerade aufzurichten (Machtposition) erhöhe die Neigung zum Risiko, führe zur Ausschüttung von Testosteron und erniedrige den Cortisolspiegel. Sich die Hände zu waschen lindere das Schuldgefühl bei unethischem Verhalten, so Förster.

In guter Stimmung denken wir eher an positive und in schlechter Stimmung eher an negative Ereignisse. Wenn wir gut drauf sind, erinnern wir uns Förster zufolge eher an Erfolge als an Misserfolge.

Die Stimmung diene uns als Information: „Wir spüren sie unmittelbar, und oft wird sie (…) durch äußere Ereignisse ausgelöst. Sie jedoch unkritisch als Information zu nutzen, führt zu Urteilsfehlern. (…) Hat mein Sohn gerade einen tollen Song komponiert, und ich verwende diese gute Stimmung als Information für die Beurteilung der Bundesregierung, handle ich gegen alle Regeln der Vernunft.“ (87). Doch genau so laufen Urteile ab, erläutert der Psychologe.

Risikobereitschaft

Generell seien Menschen zu mehr Risiken bereit, wenn sie sich gut fühlen. Positive Stimmung sei gewöhnlich Ergebnis einer sicheren Umgebung, so Förster, und diese Sicherheit führe dazu, dass Menschen sich mehr zutrauen und kreativer werden. Es entsteht eine Aufwärtsspirale, so die Broaden-and-Built Theorie: Ich bin gut drauf, dann kommen mir tolle Idee, dadurch geht es mir noch besser, mir fällt mehr ein und meine Stimmung steigt weiter. Schlechte Stimmungen seien jedoch ein Signal dafür, dass Gefahr lauere. In solchen Situationen sollten wir nicht experimentieren und Fehler vermeiden.

Wenn Menschen zu wenig über den Einfluss der Stimmungen auf das eigene Verhalten wissen, dann könnten sie in eine Abwärtsspirale schlittern. Dann führe eine Misserfolgserwartung zu übervorsichtigem Verhalten, dieses wiederum zu realem Misserfolg, der zu noch schlechterer Stimmung beiträgt, die weitere Misserfolge und Verschlechterungen der Stimmungslage zur Folge hat.

Aus einer positiven Stimmung heraus kann schnell eine Aufwärtsspirale entstehen, die sowohl kreatives Denken als auch die Risikobereitschaft steigert. (Bild: Visions-AD/fotolia.com)

Motivation

Am Anfang der Motivation steht, laut Förster, ein Bedürfnis oder ein Ziel. Dabei gebe es Annäherungsmotivationen, um einem gewünschten Ziel näher zu kommen, ebenso wie Vermeidungsmotivationen wie beispielsweise das Rauchen aufgeben oder dem Chef aus dem Weg zu gehen.

Ziele zu haben bedeute nicht, sie anzugehen. Für eine Motivation sei der Punkt entscheidend, wozu der Wille zur Tat führt. Fachlich wäre das die prädezisionale Phase, die mit der Entscheidung endet, das Ziel entweder zu verfolgen oder nicht. Darauf folgen die postdezisionale, präaktionale, aktionale und postaktionale Phase.

Manche Motive seien physiologischer Natur: Essen, trinken, Stuhlgang oder Sex. Motive im engen Sinne seien hingegen sozial ausgerichtet und abhängig von der Persönlichkeit. Dazu gehören Macht und Anschluss an eine Gemeinschaft.

Erst einmal müssten elementare Bedürfnisse befriedigt werden wie Essen, Schlafen oder Sicherheit, bevor sich Menschen für anspruchsvollere Motive wie kreatives Denken, Selbstverwirklichung oder moralisches Handeln entscheiden, so Förster.

Elementar oder sozial?

Einfach sei dieser Unterschied nicht. Selbst sehr hungrige Menschen würden nicht alles essen. Auch die physiologischen Bedürfnisse gehen laut Förster mit sozialen und individuellen Motiven einher. Unser Umfeld verstärke bestimmte Aktivitäten und wir speichern ihren Wert im Gedächtnis ab. Dieser Wert entstehe aber seinerseits im sozialen Kontext, was uns oft nicht ins Bewusstsein gelangt.

Förster fragt beispielhaft, ob unsere Wahl, Medizin zu studieren, darauf beruht, dass wir anderen helfen wollten oder darauf, dass unsere Eltern Ärzte sind? Auch der kulturelle Aspekt spiele hinein: In einer Gesellschaft, in der Ärzte hohes Prestige und Einkommen genießen, sei die Motivation zu einem solchen Studium höher, als wenn ihre Arbeit als normal gelte.

Will jemand Arzt werden, weil er Menschen helfen will, weil die Eltern es wollen oder weil Ärzte in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert haben. Die Motivation, warum wir eine Sache machen, ist entscheidend für den Erfolg. (Bild: Feodora/fotolia.com)

Der Wert von Handlungen steigert sich dem Autor zufolge durch viele positive Inputs. Doch selbst von außen eingegebene Werte, Interessen und Ziele empfänden wir oft als die eigenen.

Motivation von innen ist stärker

Wirklich intrinsische Motivation sei aber ein viel stärkerer Antrieb. Wer Medizin studiere, weil es ihm Spaß mache, sei motivierter und zu einem Zustand tiefer Konzentration, komme es eher, wenn jemand begeistert von einer Aufgabe ist und diese zu den eigenen Fähigkeiten passt. Dieser Zustand reduziere Stress und sei zudem gesund.

Bei langweilig empfundenen Aufgaben würden sich Menschen mit zusätzlichen Reizen motivieren. Förster zur Folge hassen Menschen dabei sowohl Unterforderung als auch Überforderung. Leichte Überforderung fördere derweil die Motivation außerordentlich.

Neben dem Spaß komme die Wichtigkeit als Motivationsfaktor hinzu. Besuche von Verwandten mit Alzheimer im Altersheim machten nicht unbedingt Spaß, würden aber als wichtig angesehen. Dabei seien Ziele mit dem Fokus auf Sicherheit und Verpflichtungen, ebenso wie Ziele mit dem Fokus auf Wachstum der Selbstverwirklichung Merkmale eines stabilen Charakters.

Promotion und Prävention

Positve Verstärkung beziehungsweise Entzug von Positivem fördere Selbstverwirklichung. Menschen, die im Promotionsfokus sind, lassen sich dabei besser für Aktivitäten mobilisieren, in denen sie sich selbst verwirklichen können, Menschen im Präventionsmodus besser auf solche, in denen sie Verantwortung zeigen müssen, so Förster.

Menschen mit einem Promotionsfokus könnten demnach zum Beispiel eher mit einer besseren Aussicht motoviert werden, Sport zu machen. Menschen mit einem Präventionsmodus könnte man eher mit den negativen Konsequenzen mangelnder Bewegung motivieren.

Unbewusst konditionieren ließen sich Ziele, wenn positive affektive Werte an eine Aktivität geknüpft würden. Diese werde dadurch interessanter. So wurden Umzüge oder Aufräumen in Studien attraktiver bewertet, wenn am Computer Worte wie Liebe, Urlaub oder Sonne erschienen.

Welchen Stein ziehe ich? Setze ich auf Stabilität oder Risiko? Promotion und Prävention legen oft andere Motivationen zugrunde. (Bild: Kenishirotie/fotolia.com)

Erfolgserwartung

Ein weiterer Faktor der Motivation ist laut Förster die Erfolgserwartung. Egal, wie hoch der Wert eines Ziels ist. Bei null Erwartung, erfolgreich zu sein, würden wir das Ziel nicht angehen. Man entscheide sich also dann für eine Handlung, wenn etwas für einen zugleich wichtig, interessant und Erfolg versprechend sei. Weder würden wir ein Ziel angehen, bei dem wir erwarten, dass wir es erreichen, es uns aber nicht interessiert, noch würden wir uns auf ein Ziel fixieren, das uns interessiert, bei dem wir aber denken, es nicht erreichen zu können.

Selbstwirksamkeit

Wissen um die eigenen Fähigkeiten sei oft nur Pseudowissen. So würden Misserfolgserwartungen selbsterfüllende Prophezeiungen bewirken. Menschen wären zu vielem in der Lage, würden sie die negative Sicht auf sich selbst ablegen, betont der Autor.

Das Ziel erreichen

Ist die Entscheidung gefallen, setze die Planung ein. Jetzt würden die Vor- und Nachteile ausgeblendet – für Zweifel sei kein Platz mehr und man konzentriere sich auf das Ziel. Je konkreter der Plan ist, umso wichtiger sei es zu klären, wann, wo und wie er umgesetzt wird. Wer konkrete Pläne hat, halte eher am Ziel fest, wenn er auf Widerstände stößt. Ziele sollten spezifisch, messbar, ansprechend, realisierbar und zeitlich festgelegt sein.

Die Postaktionale Phase

Attributionen von Kontrolle, Veränderbarkeit und Intentionalität sind laut Förster höchst motivierend. Am besten sei der Appell „Ich kann das, und ich muss mich dafür anstrengen, dies und das zu tun, damit ich es schaffe“. So würdige man eigene Talente und fördere Anstrengungen, ohne in Müßiggang zu verfallen. Sätze wie „Ich kann das nicht und kann es auch nicht ändern“ bremsen hingegen die Motivation.
Selbstwirksamkeit lasse sich am besten erreichen, wenn man sich den Erfolg selbst zuschreibt und meint, ähnliches auch in Zukunft erreichen zu können. So zeigten Menschen mit Depressionen Muster, in denen sie Erfolge als external, veränderbar und unkontrollierbar betrachteten, Misserfolge hingegen als innerlich, stabil und ebenfalls unkontrollierbar. Das führe zu Hilflosigkeit.

Optimisten hätten hingegen eine generalisierte Selbstwirksamkeit. Sie gehen ihre Probleme häufig an und lassen sich nicht von Misserfolgen entmutigen, stellen sich Herausforderungen und können deshalb viele Dinge tatsächlich besser, erläutert Förster. In ihrer Kindheit seien sie häufig ermuntert worden, Probleme zu lösen und Eltern führten ihre Erfolge auf ihre Talente und Anstrengungen zurück.

Wie ein Weg verläuft, hängt auch davon ab, mit welchen Augen wir ihn betrachten. (Bild: ferkelraggae/fotolia.com)

Unbewusste Ziele

Menschen wurden in Studien aggressiver, wenn sie ein aggressives Wort hörten, ohne dass ihnen das bewusst war. So entstünden auch Kontrast-Effekte: Wer unbewusst eine Handlung aktiviert, die ihm nicht gefällt, tue oft automatisch das Gegenteil.

Das schnelle Unbewusste

Viele Gedanken laufen im Hintergrund ab, würden aber bewusst kontrollierbar, wenn man die Aufmerksamkeit auf sie lenkt, so Förster. Unbewusstes könne ebenso zur Leistung aktivieren wie Urteile über Personen systematisch verzerren, zum Beispiel, wenn Mathematiklehrer Mädchen, die sich meldeten, übersehen. Dies gelte zum Beispiel auch bei unbewusstem Rassismus. Aktivierungen von unbewussten Assoziationen geschähen automatisch und im Bruchteil von Sekunden.

Sie seien dann mit Fehlern behaftet, wenn die abgerufene Information falsch ist. Manchmal hätten wir über das im Langzeitgedächtnis abgespeicherte keine Kontrolle. Das bloße Lesen einer Information wie „aggressiv“ aktiviere im Gedächtnis eine Spur, die eine Zeitlang erhalten bleibe.

Solche Assoziationen wirkten aber nur, wenn die jeweilige Person das nicht wissen. So, wie wenn wir im Supermarkt mit Musik berieselt werden und drei statt einer Tafel Schokolade kaufen, ohne zu wissen warum. Das Bewusstsein helfe uns, solche Einflüsse zu kontrollieren.

Das Bewusstsein

Das Bewusstsein zu aktivieren und Einflüsse zu korrigieren, koste aber Zeit und Energie. Automatische Prozesse seien hingegen schnell und erforderten kaum mentale Anstrengung. Automatisches Denken und Verhalten zeichne vor allem aus, dass uns der Einfluss nicht bewusst ist und der ausgelöste Prozess nicht gestoppt werden kann.

Das ehemals mysteriöse Unbewusste ist Förster zufolge Teil des Gedächtnisses. Wir würden Informationen daraus aktivieren, aber zum Teil deren Quellen nicht kennen. Bewusstsein ermögliche uns hingegen, Dinge zu speichern, die für uns eine Bedeutung haben. Ohne es könnten wir nicht planen. Planen ermögliche, Belohnungen aufzuschieben, etwas zu tun oder es bleiben zu lassen und zu wissen, warum. Eine solche Selbstkontrolle bringe uns dazu, in gewissem Ausmaß die Umwelt zu kontrollieren.

Das Bewusstsein ist durch unsere Erfahrungen der Vergangenheit geprägt und nimmt Einfluss auf unser Denken, Planen und Handeln. (Bild: agsandrew/fotolia.com)

Bewusstsein bilde die Voraussetzung für Selbstbewusstsein. Es ermögliche ethisches und prosoziales Verhalten. Prosoziales Verhalten sei ohne ein Bewusstsein über das, was passieren könnte, kaum vorstellbar. Zum Bewusstsein gehöre auch, sich als jemand mit einer Vergangenheit zu begreifen. Das mussten wir in früher Kindheit erst lernen. Bewusstsein ermögliche Flexibilität. Auch das Unbewusste sei jedoch recht flexibel. So ließen wir uns nicht unbewusst dazu bringen, Dinge zu tun, die wir bewusst ablehnen und deren Ablehnung wir verinnerlicht haben.

Förster konzentriert sich auf Entwicklungs-, Persönlichkeits-, Sozial-, Motivations-, Werbe- und Organisations-Psychologie: Von Vorurteilen über Beziehungen, von Fremd- und Selbstwahrnehmungen geht es bis zu Motivationen und Lernen.

Er erklärt, wie Assoziationen zu Einstellungen werden und Einstellungen zu globalen Urteilen, die wir nicht nach ihrem Wirklichkeitsgehalt prüfen, obwohl wir meist denken, dies getan zu haben. Dabei würden wir Einstellungen nicht notwendig wegen einem Einblick in die Wirklichkeit korrigieren, sondern besonders, um kognitive Dissonanz auszugleichen, also den Widerspruch zwischen Verhalten und Einstellungen. Auch ließen sich Einstellungen durch subtile, situative Manipulationen ändern. Wenn wir Förster zufolge etwas Positives über ein Bestand im Gedächtnis suchen, dann finden wir auch was Positives. Ebenso würden wir über den gleichen Bestand etwas Negatives finden, wenn wir nach etwas Negativem suchen.

Kognitive Dissonanz zu verändern, indem man sein Verhalten ändert, falle schwer, wie er am Beispiel rdes Rauchens erläutert. Einfacher sei es, zu bagatellisieren, zu trivialisieren oder zu rationalisieren. Trivialisieren wäre zum Beispiel, sich mit jemand zu vergleichen, der noch viel mehr raucht. Oder mit jemand, der schlimmere Drogen nimmt. Rationalisieren wäre zum Beispiel: „Wenn ich nicht rauche, werde ich dick, und das wäre auch nicht gesund.“

Eine andere Möglichkeit, Dissonanz zu reduzieren sei, wissenschaftliche Befunde anzuzweifeln oder Scheinargumnete zu bringen: „Helmut Schmidt hat geraucht wie ein Schlot und ist 96 geworden.“

Echte Verhaltensänderungen seien wirksamer, um Dissonanz abzubauen. Würden wir nämlich wirklich mit ungewünschten Aktivitäten aufhören, seien wir stolz und unser Selbstwert steige nachhaltig.

Fazit

Für ein Buch, das Grundlagen vermittelt, hängt Förster leider zu sehr in der Sozial- und Gesellschaftspsychologie fest und geht nicht auf die evolutionäre Entstehung von Gedächtnis, Bewusstsein oder Motivation ein. Das hätte dem Ganzen ein Sahnehäubchen verpasst, allzumal es sich bei physiologischen Bedürfnissen oder Ängsten geradezu aufdrängt. Der Autor erklärt plastisch hunderte psychologische Phänomene, die in unserem Alltag ablaufen und gibt, was viel wichtiger ist, sinnvolle Tipps, wie wir diese zu unserem Besten nutzen können. Insofern ist „Warum wir tun, was wir tun. Wie die Psychologie unseren Alltag bestimmt“ von Jens Förster ein sehr lesenswertes Buch. (Dr. Utz Anhalt)

Quelle

Jens Förster: Warum wir tun, was wir tun. Wie die Psychologie unseren Alltag bestimmt. Droemer. München 2018. ISBN 978-3-426-27741-6