Bedrohliches Duo: Diabetes und Parodontitis – eine gefährliche Kombination

Volker Blasek

Parodontitis und Diabetes fördern Zahnverluste und Sterblichkeit

Circa elf Millionen Personen in Deutschland leiden unter behandlungsbedürftigen Entzündungen des Zahnhalteapparates. Eine solche Parodontitis hat für Diabetes-Patienten besonders schwere Konsequenzen, denn diese beiden Erkrankungen haben gefährliche Wechselwirkungen, wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft berichtet. Zum einen ist durch Diabetes Typ 1 und 2 ein dreifach erhöhtes Risiko gegeben, an einer Parodontitis zu erkranken, und zum anderen verschlechtert eine vorhandene Parodontitis die Einstellung des Blutzuckerspiegels.


Nach Angaben der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist die Parodontitis weltweit die häufigste chronische Erkrankung. Bakterieller Zahnbelag gilt als Hauptauslöser für die Entzündung des Zahnhalteapparates. Die DDG empfiehlt allen Diabetes-Patienten eine besonders sorgfältige Mundhygiene und rät zu regelmäßigen Zahnarztkontrollen. Des Weiteren müssen laut DDG-Empfehlung Diabetiker genau auf die Blutzuckereinstellung achten, um das Parodontitis-Risiko gering zu halten.

Parodontitis entsteht infolge von bakteriellen Zahnbelägen, die erst oberflächliche Entzündungen auslösen, die sich über die Zeit zu einer Parodontitis ausweiten können, welche wiederum zu Zahnverlusten führen kann. (Bild: Michael Tieck/fotolia.com)

Wie entsteht Parodontitis

Im Volksmund wird die Parodontitis fälschlicherweise oft als Parodontose bezeichnet. Bei der Erkrankung verursacht der bakterielle Zahnbelag ein Gingivitis (eine oberflächliche Entzündung des Zahnfleisches). Unbehandelt kann sich diese zu einer Parodontitis erweitern. „Außer mangelnder Mundhygiene sind Rauchen, Stress und genetische Faktoren Ursachen für diese chronische Entzündung“, erläutert Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland, Präsident der DDG in einer Pressemitteilung. Daneben gelte Diabetes mellitus als weiterer großer Risikofaktor.

Diabetes begünstigt Parodontitis

„Ist der Blutzuckerspiegel des Diabetespatienten schlecht eingestellt, steigt das Risiko für Parodontitis stark an“, so Müller-Wieland. Doch dabei bleibt es nicht. Die beiden Erkrankungen haben gefährliche Wechselwirkungen. Der Professor berichtet, dass auch die Zahnfleisch-Behandlung komplizierter wird, wenn beide Krankheiten vorhanden sind. Außerdem sei der Krankheitsverlauf schwerer und ein Zahnverlust komme häufiger vor.

Parodontitis verschlechtert Diabetes-Verlauf

Das Vorhandensein einer Entzündung des Zahnhalteapparates wirkt sich wiederum ungünstig auf die Blutzuckereinstellung aus. „Mit der Tiefe der Zahnfleischtaschen steigt auch der Langzeit-Blutzuckerwert an“, erklären die DDG-Experten. In Untersuchungen sei bereits festgestellt worden, dass sogar die Sterblichkeit von parodontal erkrankten Diabetespatienten höher sei als bei Menschen mit gesundem Mundraum. Ein Grund hierfür wird in den negativen Effekten der Entzündungsprozesse auf die Herzgesundheit gesehen.

Parodontitis wird häufig lange übersehen

Ein häufiges Problem bei der Diagnose einer Parodontitis ist, dass sie größtenteils keine Schmerzen verursacht und so kein großer Handelsdruck seitens der Patienten besteht. „Es ist daher wichtig, unbedingt auf erste Warnzeichen wie Zahnfleischbluten, geschwollenes Zahnfleisch, Mundgeruch, Änderungen der Zahnstellung oder länger werdende, gelockerte Zähne zu achten“, rät der DDG Experte Dr. med. Erhard Siegel. Durch regelmäßige zahnärztliche Untersuchungen könne dieses Risiko minimiert werden.

Frühe Formen der Parodontitis erkennen

Die Früherkennungsuntersuchung beim Zahnarzt mithilfe des sogenannten „Parodontalen Screening Indexes“ (PSI) kann bereits frühe Krankheitsstadien der Parodontitis aufdecken. Diese lassen sich laut DDG wesentlich besser behandeln. „Insbesondere Menschen mit Diabetes sollten mindestens einmal jährlich zur Kontrolle beim Zahnarzt gehen“, empfiehlt Zahnexperte Siegel.

Das können sie selber tun

Weiterhin empfehlen die DDG-Mediziner das Rauchen aufzugeben, auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu achten, Übergewicht und Stress zu vermeiden beziehungsweise abzubauen. Methoden zum Stressabbau können der Entzündung entgegenwirken.

Selbsttest zur ersten Einschätzung

Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG Paro) hat gemeinsam mit der Universität Greifswald einen Selbsttest entwickelt, mit dem jeder zu Hause das eigene Risiko für das Vorliegen einer Parodontitis einschätzen kann. Dabei spielen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Raucherstatus, Vorhandensein von Zahnfleischbluten und Festigkeit der Zähne eine Rolle. Der Selbsttest kann kostenlos auf der DDG-Webseite durchgeführt werden.

Auch Ärzte sollten sensibler mit dem Thema umgehen

„Auch Diabetologen, Haus- und Zahnärzte sollten für dieses Thema zunehmend sensibilisiert werden“, fordert Müller-Wieland. In Deutschland gebe es etwa zwei Millionen Menschen, die nicht wissen, dass sie Diabetes haben. Folglich würden diese Personen auch nichts über ihr erhöhtes Parodontitis-Risiko wissen. Die Aufklärung zu diesem Thema müsse auch mehr in allen beteiligten Facharzt-Praxen stattfinden.

Neue Leitlinie soll Prophylaxe verbessern

„Beispielsweise könnten Screening-Maßnahmen wie ein Diabetestest in Zahnarztpraxen oder die Aufnahme des Zahnstatus in die hausärztliche Anamnese eine bessere Parodontitis-Vorsorge gewährleisten“, so Siegel. Derzeit befindet sich eine neue Leitlinie „Diabetes und Parodontitis“ in Arbeit. Diese soll wichtige Informationen über die Wechselwirkungen zwischen den beiden Erkrankungen vermitteln und konkrete Empfehlungen zur Betreuung und Früherkennung geben. (vb)