Behandlung von Diabetes hängt auch davon ab wo Patienten in Deutschland wohnen

Studie zeigt: Regionale Unterschiede bei der Behandlung von Diabetes

Immer mehr Menschen in Deutschland erkranken an Diabetes. Zwar kann die Krankheit in manchen Fällen auch ohne Medikamente gut kontrolliert werden, doch ein Großteil der Betroffenen wird ärztlich behandelt. Wie die Behandlung ausfällt, hängt auch davon ab, wo die Patienten wohnen. Das hat sich nun in einer neuen Studie gezeigt.


Mehr als siebeneinhalb Diabetiker in Deutschland

Experten zufolge sind rund 7,6 Millionen Deutsche zuckerkrank. Über 90 Prozent der Betroffenen leiden unter Diabetes vom Typ 2. Bei ihnen lässt sich die Erkrankung oft auch auf natürliche Weise unter Kontrolle bringen. Wichtig ist hierbei, sich gesund zu ernähren, regelmäßig zu bewegen und mögliches Übergewicht abzubauen. Bei Patienten mit Typ-1-Diabetes ist jedoch immer eine Insulintherapie nötig. Wie die Behandlung ausfällt, hängt auch davon ab, wo die Betroffenen in Deutschland wohnen.

In einer Studie hat sich gezeigt, dass es in Deutschland bei der Behandlung von Typ-1-Diabetes regionale Unterschiede gibt. Auch bei den Therapieergebnissen wurden Unterschiede festgestellt. (Bild: Andrey Popov/fotolia.com)

Erkrankung wird nicht überall gleich behandelt

Laut einer Mitteilung des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD)gibt es trotz erheblicher Fortschritte beim Management von Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen zwei Jahrzehnten regionale Unterschiede bei der Behandlung.

Der Einsatz von Insulinpumpen und schnell oder lang wirkenden Insulin-Analoga sowie die Blutzuckerwerte (HbA1c), die Häufigkeit von Übergewicht und die Rate von schweren Unterzuckerungen (Hypoglykämie) unterscheiden sich je nach Bundesland.

Aber woran liegen diese Unterschiede? Gibt es womöglich einen Zusammenhang zwischen den sozioökonomischen Bedingungen einer Region und der Art der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes?

Und lassen sich daraus auch Unterschiede bei den Therapieergebnissen ableiten? Diese Fragen haben Forscher des DZD in einer aktuellen Studie untersucht.

Beteiligt an der Untersuchung waren zudem das Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie, ZIBMT der Universität Ulm, das Institut für Biometrie und Epidemiologie des Deutschen-Diabetes-Zentrums und das Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen des Helmholtz Zentrum München.

Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift „Diabetes Care“ veröffentlicht.

Regionale Unterschiede durch Mangel an Ressourcen

Um zu ihren Ergebnissen zu gelangen, hat das Forscherteam Daten der Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation (DPV) von 29.284 Patienten unter 20 Jahre ausgewertet.

Sie untersuchten unter anderem wie häufig die Pumpentherapie und schnell oder lang wirkenden Insulin-Analoga eingesetzt werden, und ob die kontinuierlichen Gewebsglukosemessung (CGMS) genutzt wird.

Neben der Art der Behandlung wurden auch Therapieergebnisse untersucht. Hierbei wurden unter anderem die Güte der Stoffwechseleinstellung (beurteilt anhand des HbA1c-Wertes) und die Prävalenz von Übergewicht bei jungen Typ-1-Diabetes-Patienten analysiert.

„Die Studie zeigt, dass die regionalen Unterschiede in Therapie und Therapieergebnissen bei jungen Typ-1-Diabetes-Patienten sogar auf Kreisebene existieren und dass diese geographischen Unterschiede zum Teil durch regionale Deprivation, das heißt, durch einen regionalen Mangel an materiellen und sozialen Ressourcen, gemessen anhand aggregierter sozioökonomischer Indikatoren, erklärbar sind“, erläutert die Erstautorin und DZD-Wissenschaftlerin Marie Auzanneau vom Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie, ZIBMT, an der Universität Ulm.

Unterschiede bei den Therapieergebnissen

Für die Studie haben die Wissenschaftler den „German of Index Multiple Deprivation 2010“ (GIMD 2010) und dessen Unterteilung in Quintile (Fünftel) genutzt.

Den Angaben zufolge wurde dieser Deprivationsindex vom Letztautor und DZD-Wissenschaftler Werner Maier vom Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen, Helmholtz Zentrum München, Neuherberg, konzipiert.

Die Ergebnisse zeigten, dass die Patienten in den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten Regionen weniger oft lang wirksame Insulinanaloga erhalten (64,3%) als Patienten in den sozioökonomisch stärksten Regionen (80,8%).

Kontinuierliche Glukoseüberwachungssysteme (CGMS) werden in den sozioökonomisch schwächsten Regionen ebenfalls seltener eingesetzt (bei 3,4% der Patienten) als in den sozioökonomisch stärksten Regionen (bei 6,3% der Patienten).

Unterschiede zeigen sich auch bei den Therapieergebnissen. Der durchschnittliche HbA1c-Wert liegt in den sozioökonomisch schwächsten Regionen bei 8,07% (65 mmol/mol) und in den sozioökonomisch stärksten Regionen bei 7,84% (62 mmol/mol).

Außerdem leiden die Patienten in den am stärksten benachteiligten Regionen häufiger an Übergewicht. Die Prävalenz liegt hier bei 15,5%, in den sozioökonomisch privilegierten Regionen bei 11,8%.

Allerdings sind die Patienten in den sozioökonomisch schwächsten Gebieten seltener von schweren Unterzuckerungen betroffen. Die Rate der schweren Hypoglykämien beträgt hier nur 6,9 Ereignisse pro 100 Patientenjahre verglichen mit 12,1 Ereignissen in den sozioökonomisch stärksten Gebieten.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Therapieergebnisse von Patienten in sozioökonomisch benachteiligten Regionen durch einen häufigeren Einsatz von Pumpentherapie und der kontinuierlichen Gewebsglukosemessung verbessern könnten“, so DZD-Wissenschaftlerin Stefanie Lanzinger vom ZIBMT.

„Um zu verstehen, wie die einzelnen Dimensionen der regionalen Deprivation mit der Therapie und den Therapieergebnissen in der Diabetesversorgung assoziiert sind, werden noch weitere Untersuchungen folgen“, führt Joachim Rosenbauer vom Deutschen Diabetes Zentrum in Düsseldorf weiter aus. (ad)