Bereits geringe Mengen von Alkohol beeinträchtigen das Gedächtnis

Alexander Stindt

Wirkung von Alkohol auf das Gedächtnis?

Der Konsum von Alkohol kann zu negativen Folgen für Körper und Geist führen. Forscher fanden jetzt heraus, dass bereits geringe Mengen Alkohol das Gedächtnis für mehrere Stunden beeinträchtigen und zusätzlich unser Belohnungszentrum im Gehirn stark beeinflussen.


Die Wissenschaftler der Brown University stellten bei ihrer aktuellen Untersuchung fest, dass schon ein einzelnes alkoholisches Getränk das Gedächtnis für Stunden verschlechtern kann. Die Mediziner veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der englischsprachigen Fachzeitschrift „Neuron“.

Kann Alkohol bestimmte Mechanismen in unserem Gehirn übernehmen und dann kontrollieren? (Bild: Syda Productions/fotolia.com)

Forschung wurde an Fruchtfliegen durchgeführt

Eine einzige molekulare Veränderung könnte erklären, warum bereits einige Gläser Wein das Gedächtnis für mehrere Tage beeinträchtigen und warum Alkoholiker nach jahrzehntelanger Abstinenz rückfällig werden, behaupten die Wissenschaftler. Bei ihrer Forschungsarbeit verwendeten die Experten Fruchtfliegen, um zu verstehen, wie Alkohol das Gehirn beeinflusst. Dabei stellten sie einen bisher noch unbekannten Weg fest, über den Alkohol bestimmte Regionen in unserem Gehirn verändert, welche mit positiven Erfahrungen und Heißhunger verbunden sind.

Alkohol stört das Belohnungszentrum

Während Fliegen zwar sehr viel weniger Neuronen als Menschen haben, teilen sie aber trotzdem einige zentrale Merkmale. Einer der durch Alkohol gestörten Bereiche ist der Schlüssel für die Art und Weise, wie Tiere lohnende Erfahrungen abspeichern bzw. verarbeiten. Dies könnte helfen zu erklären, warum die Schäden von Alkohol von Süchtigen ignoriert und in Kauf genommen werden. Drogen wie beispielsweise Alkohol, Opiate, Kokain und Methamphetamin haben starke Nebenwirkungen. Alkohol erzeugt beispielsweise häufig Übelkeit und einen sogenannten Kater am nächsten Morgen. Warum trinken Menschen dann trotzdem noch Alkohol und nehmen diese Auswirkungen für einen Rausch gerne in Kauf, fragten sich die Wissenschaftler.

Notch-Weg spielte eine wichtige Rolle

Die Mediziner versuchten auf molekularer Ebene zu verstehen, welchen Einfluss Drogen und Alkohol auf das Gedächtnis und unsere Erinnerungen haben und warum sie teilweise einen wahren Heißhunger verursachen. Durch das Studium von Fliegen, welche an Alkohol gewöhnt waren, konnten die Forscher die Nervenbahnen und genetischen Signale überwachen, die dann aufleuchteten, wenn sie ein Verlangen entwickelten. Ein Schlüsselsystem war eine Gruppe von zellulären Mechanismen, die eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems vieler Lebewesen spielen (einschließlich Fruchtfliegen und Menschen) – bekannt als der sogenannte Notch-Weg. In der Zelle funktioniert dieser wie eine Kette von Dominosteinen, beginnend mit einem anfänglichen Notch-Rezeptor, der durch seine Aktivierung eine Kette anderer zellulärer Prozesse auslöst, erläutern die Experten.

Dopaminrezeptor wurde beeinflusst

Bei alkoholsüchtigen Fliegen stellten die Experten fest, dass die Exposition gegenüber Alkohol zu Veränderungen in der Notch-Kaskade führte. Eine Änderung betraf die Wirkung eines großen Rezeptormoleküls auf Nervenzellen, welches hilft, Dopamin zu ermitteln. Dieser Dopaminrezeptor ist dafür bekannt, dass er an der Kodierung beteiligt ist, ob eine Erinnerung als gefällig oder aversiv gespeichert wird, sagen die Autoren der Studie.

Wie wirken sich einige Gläser Wein auf den Stoffwechselweg aus?

Wenn der Vorgang beim Menschen ähnlich abläuft, genügt bereits ein Glas Wein zur Aktivierung des Stoffwechselwegs. Innerhalb von einer Stunde normalisiert sich dieser Prozess dann allerdings wieder. Nach drei Gläsern, mit jeweils einer Stunde Pause zwischen dem Konsum, normalisiert sich der Weg aber auch nach 24 Stunden noch nicht. Die Forscher denken, dass diese Persistenz wahrscheinlich die Genexpression in Speicherschaltungen verändert. Dies gelte höchstwahrscheinlich auch für andere Formen der Sucht, wenn die Ergebnisse auf den Menschen übertragen werden können.

Alkohol kann Gedächtnismechanismen kontrollieren

Diese Studie deutet darauf hin, dass die Drogenabhängigkeit und Alkoholsucht fortbesteht, weil Gedächtnismechanismen durch Alkohol und Drogen beeinflusst und quasi übernommen und kontrolliert wurden. Die Studie bietet nicht nur ein Modell zum Verständnis der Persistenz von Drogenabhängigkeit, sie identifiziert auch potenzielle pharmakologische Ziele für die Behandlung von Sucht. (as)