Chronische Zahnkrankheit Kreidezähne breitet sich schneller aus als Karies – Weichmacher aus Kunststoffen gelten als Hauptauslöser

Neue Volkskrankheit: Kreidezähne teilweise weiter verbreitet als Karies

Gesundheitsexperten zufolge stellen die sogenannten „Kreidezähne“ eine neue Volkskrankheit dar. In manchen Altersgruppen liegt ihr Auftreten sogar höher als das von Karies. Als Krankheitsursache kommen unter anderem Weichmacher aus Plastik in Frage.


Wenn das Zähneputzen schmerzt

Gesundheitsexperten weisen immer wieder darauf hin, wie wichtig regelmäßiges Zähneputzen ist. Denn durch richtige Mundhygiene kann man nicht nur Zahnfleischentzündungen, Zahnschmerzen und unangenehmem Mundgeruch, sondern natürlich auch Karies effizient vorbeugen. Für Menschen, die an sogenannten „Kreidezähnen“ leiden, ist das Zähneputzen allerdings meist schmerzhaft. Zudem ist es bei diesen Personen als Prophylaxe nicht ausreichend, um die Zähne vor Karies zu schützen. Experten erklären, was Betroffene beachten sollten.

Immer mehr Menschen leiden an sogenannten „Kreidezähnen“. Diese Zähne, auf denen oft weiß-gelbliche oder gelb-braune Bereiche zu sehen sind, sind sehr schmerzempfindlich und reagieren äußerst sensibel auf Hitze, Kälte und Zähneputzen. (Bild: Zsolt Bota Finna/fotolia.com)

Kreidezähne sind äußerst schmerzempfindlich

Gesundheitsexperten zufolge stellt die sogenannte Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) (auch „Kreidezähne“ genannt) eine neue Volkskrankheit dar.

Laut Prof. Dr. Norbert Krämer, Präsident der DGKiZ (Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnmedizin) liegt ihr Auftreten in bestimmten Altersgruppen bei Kindern und Jugendlichen höher als das von Karies.

Wie in einer Mitteilung der DGZMK (Deutsche Gesellschaft für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde) erklärt wird, bedeutet MIH eine systemisch bedingte Strukturanomalie primär des Zahnschmelzes, die auf eine Mineralisationsstörung zurückzuführen ist.

Sie tritt an einem bis zu allen vier ersten bleibenden Molaren (Backenzähne) auf. Solche „Kreidezähne“ sind sehr schmerzempfindlich und reagieren äußerst sensibel auf Hitze, Kälte und Zähneputzen.

Zahnerkrankung durch Weichmacher in Plastik

Laut der DGZMK hat MIH eine rasante Entwicklung durchlaufen. Die Krankheit wurde 1987 erstmals wissenschaftlich beschrieben, heute lässt sich bereits von einer neuen Volkskrankheit sprechen.

Den Angaben zufolge leiden im Durchschnitt zehn bis 15 Prozent der Kinder an MIH, bei den 12-jährigen liegt die Quote laut der 5. Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) inzwischen sogar bei über 30 Prozent.

Wie es in der Mitteilung heißt, scheinen Weichmacher aus Kunststoffen, die mit der Nahrung aufgenommen werden, eine wesentliche Rolle bei der Entstehung zu spielen.

Aufgrund von Tierversuchen ließ sich demnach ein Zusammenhang zwischen dem Konsum von Bisphenol A (BPA) und der Entwicklung von MIH nachweisen.

Dennoch kann bei entsprechender Prophylaxe drohender Kariesbefall für solche Zähne abgewendet und deren Erhalt gesichert werden.

Laut der DGZMK kommen als weitere potenzielle Ursachen für MIH Probleme während der Schwangerschaft, Infektionskrankheiten, Antibiotikagaben, Windpocken, Einflüsse durch Dioxine sowie Erkrankungen der oberen Luftwege in Betracht.

Die präzisen Ursachen gelten jedoch zur Zeit noch immer als ungeklärt.

Zusammenhang wird angezweifelt

Andere Experten bezweifeln den Zusammenhang zwischen dem BPA-Konsum und der Entwicklung von MIH allerdings.

So schreibt das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) in der Überschrift einer Mitteilung:

„Zusammenhang zwischen „Kreidezähnen“ bei Kindern (Molar-IncisorHypomineralisation, MIH) und der Aufnahme von Bisphenol A ist nach derzeitigem Stand des Wissens unwahrscheinlich“.

Laut dem BfR berufen sich die Berichte zu einem möglichen Zusammenhang von MIH und BPA auf die Studie von Jedeon und Mitarbeiter (2013), die im Tierversuch den Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber BPA und Mineralisationsstörungen des Zahnschmelzes untersuchten.

Das BfR hat diese Studie „bewertet und kommt zu dem Schluss, dass es keinen gesicherten Zusammenhang zwischen der Aufnahme von BPA über Lebensmittelkontaktmaterialien und der Entstehung von MIH bei Kindern gibt.“

Sinkende Lebensqualität durch Schmerzempfindlichkeit

Der DGZMK zufolge fällt klinisch die unterschiedliche Ausprägung der Erkrankung auf. Während sich die Mineralisationsstörung bei manchen Patienten auf einen einzelnen Höcker beschränkt, betrifft sie bei anderen die gesamte Oberfläche der Zähne.

In der milden Form zeigen sich häufig weiß-gelbliche oder gelb-braune Bereiche bis hin zu braunen Flecken auf den Zähnen. In der schweren Form zeigen sich auch abgesplitterter oder fehlender Zahnschmelz oder gar ein abgebrochener Zahn.

Betroffene Patienten klagen über Schmerzen beim Trinken, Essen und Zähneputzen. Dadurch wird die Lebensqualität der jungen Patienten beeinträchtigt und die Behandlung beim Zahnarzt erschwert.

Dennoch ist in diesen Fällen unbedingt ein schnelles therapeutisches Eingreifen dringend geboten.

Prävention nicht möglich – Prophylaxe schon

Da sich die Veränderungen bereits während der Zahnentwicklung ereignen und die genauen Ursachen noch nicht geklärt sind, ist eine wirksame Prävention gegen MIH nicht möglich, erklärte Prof. Dr. Stefan Zimmer, Präsident der DGPZM (Deutsche Gesellschaft für Präventivzahnmedizin (DGPZM).

Weil MIH-Zähne aber eine raue Oberfläche und in der Substanz eine schlechtere Qualität aufweisen, sind sie besonders anfällig für Karies.

Deswegen muss über das Zähneputzen hinaus eine besonders intensive Prophylaxe betrieben werden, um die Zähne vor Karies zu schützen.

Hierfür stehen vor allem Fluoridierungsmaßnahmen zur Verfügung, die sowohl beim Zahnarzt als auch zu Hause durchgeführt werden können und altersbezogen angewandt werden müssen.

Regelmäßige Untersuchungen beim Zahnarzt, die Behandlung mit Fluoridlack sowie der Aufbau der Zähne mit verschiedenen Techniken können dazu beitragen, auch von MIH befallene Zähne bei guter Pflege ein Leben lang zu erhalten. (ad)