Abnehmen: Die Darmflora bestimmt das Gewicht

Computer-Animation zeigt Darmbakterien

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

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Sind Darmbakterien die eigentlichen Manager beim Zu- und Abnehmen?

In den vergangenen Jahren ist in verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen belegt worden, dass Darmbakterien einen Einfluss auf das Gewicht haben. So zeigte sich in Studien, dass diese Bakterien unter anderem unser Sättigungsgefühl steuern und Übergewicht auslösen können. Deutsche Forscher haben sich nun mit der Frage beschäftigt, ob der Einfluss von Darmbakterien bei übergewichtigen Menschen möglicherweise größer ist als bisher vermutet.


Laut einer Mitteilung haben Wissenschaftler von der Universitätsmedizin Greifswald eine Gruppe Diabetiker mit starken Gewichtsproblemen (Adipositas) über drei Monate im Rahmen eines multimodalen strukturierten Abnehmprogrammes begleitet und dabei auch die veränderte Darmflora im Stuhlgang erfasst.

Computer-Animation zeigt Darmbakterien
Laut einer neuen Studie ist der Einfluss der Darmbakterien bei übergewichtigen Menschen wohl größer als bisher angenommen wurde. (Bild: Alex/fotolia.com)

Positive Auswirkung auf die Zusammensetzung der Darmbakterien

„Wir konnten zeigen, dass sich die anfängliche Mahlzeitenersatztherapie positiv auf die Zusammensetzung der Darmbakterien auswirkt und wahrscheinlich auch darüber hinaus zu der guten Gewichtsreduktion beiträgt“, erläuterte Prof. Dr. Markus M. Lerch, Direktor der Klinik für Innere Medizin A an der Universitätsmedizin Greifswald, der mit seinem Team und weiteren Wissenschaftlern die Untersuchungen geführt hat. Die Studienergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „PLOS ONE“ veröffentlicht.

Bakterienzusammensetzung im Stuhlgang analysiert

In den ersten sechs Wochen bekamen die Probanden im Alter von 18 bis 70 Jahren ausschließlich flüssige Ersatzmahlzeiten in Form von Tütennahrung mit maximal 800 kcal pro Tag. In den darauffolgenden vier Wochen wurde diese teilweise bereits durch gesunde Lebensmittel ergänzt und die abschließenden fünf Wochen durch eine kalorienreduzierte Kost abgelöst. Die Studienteilnehmer haben in dem Zeitraum zwischen 11,4 und 30,1 kg abgenommen, wobei sich die entscheidenden Werte für Diabetiker wie Blutzucker, Insulinspiegel und Harnsäure stark verbessert haben.

„Mit modernen Sequenziermethoden haben wir die Bakterienzusammensetzung im Stuhlgang der Patienten vor der Ernährungsumstellung, am Ende der sechswöchigen Fastenphase und am Ende des Programmes analysiert“, erklärte Dr. Fabian Frost, der Erstautor der Studie.

„Nach der Fastenperiode hat sich die Zusammensetzung der Darmbakterien bei allen Probanden deutlich verändert. Wir konnten eine Zunahme der Vielfältigkeit der Bakterien und insbesondere die Abnahme der Bakterienart Collinsella feststellen. Ein erhöhter Besatz mit Collinsella-Bakterien wird mit einer Verschlechterung des Stoffwechsels, einem Anstieg des Gesamtcholesterins und des schlechten LDL-Cholesterins sowie einer verstärkten Gefäßverkalkung in Zusammenhang gebracht.“

Interessanterweise pendeln sich die meisten Veränderungen der Darmbakterien gegen Ende des Programmes unter der selbst zubereiteten Nahrung fast wieder auf dem Ausgangsniveau ein, allerdings bleibt die Menge der Collinsella-Bakterien 8,4-fach unter dem Ausgangniveau. „Dies kann für uns ein Marker für die durch das Abnehmen verbesserte Gesundheit sein“, so der Gastroenterologe.

Einfluss der Darmflora ist noch nicht ausreichend erforscht

In den vergangenen Jahren hat sich ein wesentlicher Fokus bei vielen Krankheitsbildern auf die Zusammensetzung der Bakterien im Darm gelegt. So konnte ein Zusammenhang zwischen der Darmflora und verschiedensten Erkrankungen, beispielsweise auch dem Diabetes mellitus und der Adipositas (Fettleibigkeit), aber auch Depressionen und Alzheimer-Demenz gefunden werden.

Fettleibige Menschen haben nachweislich weniger unterschiedliche Bakterien im Darm als schlankere Zeitgenossen. Zudem konnte inzwischen bei Patienten mit einer geringeren Vielfalt in den Bakterienarten über einen bestimmten Zeitraum eine höhere Gewichtszunahme beobachtet werden.

„Vollständig ergründet ist das Zusammenspiel zwischen den Bakterien und ihren Steuerungsfunktionen noch nicht. Es muss aber davon ausgegangen werden, dass bestimmte Bakterien dafür sorgen, dass aus der gleichen zugeführten Nahrung mehr Energie bereitgestellt und in den Körper aufgenommen wird als durch andere Bakterien. Die Zusammensetzung der Bakterien scheint eine Ursache dafür zu sein, warum Menschen Nahrung so unterschiedlich verdauen, warum einige schnell, andere langsam zu- und abnehmen können“, sagte Oberärztin Dr. Antje Steveling, Leiterin des Greifswalder Adipositaszentrums.

Die Erforschung des Einflusses der Darmbakterien auf das Körpergewicht und die Gesundheit soll an der Greifswalder Universitätsmedizin weiter intensiviert werden. „Dabei ist auch von Interesse, wie eine aktivierende und positive Zusammensetzung der Darmflora nach Auslaufen eines Diätprogrammes aufrechterhalten werden kann“, betonte Dr. Frost.

Vielfalt im Darm

Neben genetischen Faktoren kommt der Nahrung eine entscheidende Rolle bei der Zusammensetzung der Darmflora zu. Im Darm leben 38 Billionen Bakterien und diese sind maßgebend, ob wir gesund bleiben oder krank werden. Ein besonders artenreiches Darmmikrobiom, so nennt man die Gesamtheit der Mikroorganismen, hat gesundheitsfördernde Wirkungen und viele Erkrankungen gehen mit einer Abnahme der Artenvielfalt der Bakterien im Darm einher.

Rund 40.000 verschiedene Bakterien sind bekannt. Da Bakterien sehr viel kleiner sind als menschliche Körperzellen, kommen diese Bakterien zusammen auf ein Gewicht von nur etwa zwei Kilogramm. (ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Universitätsmedizin Greifswald: Sind die Darmbakterien die eigentlichen Manager beim Zu- und Abnehmen?, (Abruf: 19.08.2019), Universitätsmedizin Greifswald
  • PLOS ONE: A structured weight loss program increases gut microbiota phylogenetic diversity and reduces levels of Collinsella in obese type 2 diabetics: A pilot study, (Abruf: 19.08.2019), PLOS ONE

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.