Die Hälfte der Alzheimer-Erkrankungen durch Herpes-Viren bedingt?

Alexander Stindt

Führt Herpes zu Alzheimer?

Forscher haben eine Verbindung zwischen Herpes-Viren und der Alzheimer-Erkrankung festgestellt. Scheinbar kann das Herpesvirus mit mindestens der Hälfte aller Alzheimer-Fälle in Verbindung gebracht werden. Wenn Menschen mit dem Herpes-Simplex-Virus (HSV) infiziert sind, kann dies offenbar das Risiko für eine Demenzerkrankung deutlich erhöhen.


Die Wissenschaftler der University of Manchester und der University of Oxford stellten bei ihrer aktuellen Untersuchung fest, dass eine Infektion mit Herpes das Risiko für die Entstehung von Demenz erhöhen könnte. Die Mediziner veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in dem englischsprachigen Fachblatt „Frontiers in Aging Neuroscience“.

Herpes im Bereich von Mund und Lippen wird durch das Herpes-simplex-Virus Typ 1 hervorgerufen. Dies steht offenbar auch im Zusammenhang mit Alzheimer-Erkrankungen. (Bild: Cherries/fotolia.com)

Welche Arten von Herpes gibt es?

Es gibt zwei Arten von Herpes-simplex-Viren. HSV1, auch bekannt als oraler Herpes, verursacht Lippenherpes und Bläschen um den Mund und im Gesicht. HSV2 ist im Allgemeinen für Herpes im Genitalbereich verantwortlich. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass das Risiko für die Entstehung von Demenz im Alter viel größer ist, wenn die Betroffenen mit HSV infiziert sind. Eine antivirale Behandlung könnte hier eine drastische Abnahme der HSV1-Fälle bewirken, welche ihrerseits zu Demenz führen, so die Studienautorin Professor Ruth Itzhaki von der University of Manchester.

Die ausgewerteten Daten stammten aus Taiwan

Die Daten für die Studie stammten aus Taiwan, da 99,9 Prozent der Menschen dort in der National Health Insurance Research Database erfasst wurden. Im Jahr 2017 und dem Jahr 2018 wurden insgesamt drei Studien publiziert, bei denen Daten aus Taiwan zur Untersuchung der Entwicklung der Altersdemenz genutzt wurden. Zusätzlich wurden auch die Daten zur Behandlung von Patienten mit ausgeprägten offensichtlichen Anzeichen einer Infektion mit HSV oder dem Varizella-Zoster-Virus(VZV) berücksichtigt. Es sollte betont werden, dass die Ergebnisse dieser Studien nur für schwere Infektionen von HSV1 oder VZV galten, erklären die Autoren der Studie.

APOE-?4-Gen spielt eine wichtige Rolle

Idealerweise würden die Mediziner gerne die Raten von Demenz bei Menschen untersuchen, die unter einer leichten HSV1-Infektion leiden, einschließlich Herpes labialis (Lippenbläschen) oder leichtem Herpes genitalis, aber solche Erkrankungen sind seltener dokumentiert. Herpes-Bläschen traten häufiger bei Menschen mit APOE-?4 auf, einer Genvariante, die das Risiko für das Alzheimer-Risiko erhöht. Die Wissenschaftler vermuten daher, dass bei Menschen, welche das APOE-?4-Gen in sich tragen, die Reaktivierung in HSV1-infizierten Gehirnzellen häufiger oder schädlicher ist, was dann zu Schäden führe, welche in der Entwicklung von Alzheimer gipfeln. Virale DNA sei sehr spezifisch in Plaques im Post-Mortem-Gehirngewebe von Alzheimer-Patienten vorhanden. Die Hauptproteine von sogenannten Plaques und Tangles reichern sich auch in HSV1-infizierten Zellkulturen an und antivirale Medikamente können dies verhindern.

Weitere Forschung ist nötig

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass Menschen mit einer Herpes-Virus-Infektion eher Demenz entwickeln, aber sie zeigen keine Ursache-Wirkung-Beziehung zwischen Herpes und Demenz, sagen die Experten der Alzheimer’s Society. Herpes bleibe ein heißes Thema bei der Demenzforschung, da die Infektion im Gehirn von Menschen mit Alzheimer im Vergleich zu gesunden Gehirnen häufiger auftritt. Weitere Forschung sei jetzt nötig, um herauszufinden, ob antivirale Medikamente das Risiko für Demenz senken können. (as)