Impfungen sind kein Risikofaktor für Multiple Sklerose

Medizinische Fachkraft bereitet eine Impfung vor

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Kein Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Auftreten von MS

Schon seit Jahren wird immer wieder behauptet, dass Impfungen die Gefahr erhöhen, an Multipler Sklerose (MS) zu erkranken. Laut einer neuen Studie deutscher Forscher scheint dieser Zusammenhang allerdings unwahrscheinlich.


Impfungen als Risikofaktor für MS?

Gesundheitsexperten zufolge geht man heute davon aus, dass die Multiple Sklerose (MS) eine neurologische Autoimmunerkrankung ist, bei der das Immunsystem das Gehirn und Rückenmark attackiert. Die Krankheit tritt vermehrt bei jungen Menschen bis zum 40. Lebensjahr auf. Als Risikofaktoren werden unter anderem auch Impfungen diskutiert. Doch laut einer neuen Studie scheint dieser Zusammenhang unwahrscheinlich.

Medizinische Fachkraft bereitet eine Impfung vor
Zwar werden Impfungen immer wieder als Risikofaktoren für die Multiple Sklerose (MS) diskutiert. Doch laut einer neuen Studie scheint dieser Zusammenhang unwahrscheinlich. (Bild: REDPIXEL/fotolia.com)

Geringere Impfraten bei MS-Patienten

Im Rahmen einer Studie der Technischen Universität München (TUM) haben Forschende einen Datensatz der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) von über 200.000 Personen ausgewertet, darunter mehr als 12.000 MS-Erkrankte.

Das Team um Prof. Bernhard Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik am TUM-Universitätsklinikum rechts der Isar untersuchte dabei das Impfverhalten der Bevölkerung im Zusammenhang mit MS.

Laut einer Mitteilung der TUM zeigte sich dabei, dass sich MS-Erkrankte fünf Jahre vor der Diagnose statistisch seltener impfen ließen als Vergleichsgruppen.

Den Autoren zufolge scheint ein Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Auftreten von MS somit unwahrscheinlich.

Die Studienergebnisse wurden im Fachjournal „Neurology“ veröffentlicht.

Auf zusätzliche Belastungen für das Immunsystem verzichten

Die Wissenschaftler stellten fest, dass Personen fünf Jahre vor einer MS-Diagnose weniger Impfungen bekommen hatten, als Vergleichsgruppen, die keine MS entwickelten.

Den Angaben zufolge galt dies für die untersuchten Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken, Mumps, Masern, Röteln und Windpocken, das Humane Papilloma Virus (HPV), Hepatitis A und B, FSME und Grippe.

Bei den drei Letztgenannten fiel der Effekt demnach besonders deutlich aus: hier ließ sich die Kontrollgruppe deutlich öfter impfen als die späteren MS-Patientinnen und -Patienten.

„Die Ursachen kennen wir noch nicht. Vielleicht nehmen Menschen lange vor ihrer Diagnose die Krankheit wahr und verzichten deshalb auf zusätzliche Belastungen für das Immunsystem. Solche Effekte zeigen sich auch in unseren Daten“, erklärte Alexander Hapfelmeier, Erstautor der Studie.

„Oder die Impfung hat einen protektiven Effekt und hält das Immunsystem von Attacken gegen das Nervensystem ab“, so der Experte.

„Letztlich können wir aufgrund der großen Datenmenge klar sagen, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine MS-Erkrankung oder das Auftreten eines ersten MS-Schubs durch Impfungen unmittelbar erhöht.“

Effekt nicht bei anderen chronischen Erkrankungen sichtbar

Die Forschenden wollten zudem ausschließen, dass die Ergebnisse ein grundsätzlicher Effekt von chronischen Krankheiten sein könnten.

Deshalb werteten sie zusätzlich die Daten von zwei weiteren Patientengruppen aus: Menschen mit der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn und mit der chronischen Hautkrankheit Schuppenflechte.

Auch bei diesen Krankheiten waren die Impfungen fünf Jahre vor ihrer Diagnose erfasst worden.

Allerdings ließen sich diese Patientinnen und Patienten ähnlich oft impfen wie die gesunde Kontrollgruppe.

„Die Ergebnisse sind nicht allein auf eine chronische Krankheit zurückzuführen, sondern ein MS-spezifisches Verhalten“, so Bernhard Hemmer.

Er ergänzte: „Auch aus anderen Studien wissen wir, dass MS-Erkrankte lange vor Diagnose in ihrem Verhalten und ihrer Krankengeschichte auffällig sind. Sie leiden zum Beispiel häufiger an psychischen Erkrankungen und bekommen seltener Kinder.“

Und weiter: „All das macht deutlich, dass die MS lange vor den neurologischen Symptomen da ist. Wir müssen geeignete Marker finden, um sie früher zu diagnostizieren. Das sehen wir als eine unserer wichtigsten Aufgaben.“

Bereits frühere Untersuchungen haben den Verdacht entkräftet

Schon frühere wissenschaftliche Untersuchungen haben sich mit dem möglichen Zusammenhang Impfungen und MS beschäftigt.

Dabei stellten unter anderem Wissenschaftler aus Dänemark fest, dass die HPV-Impfung nicht Multiple Sklerose verursacht.

Und schon Ende der 1990er Jahre veröffentlichten Forscher von der Neurologischen Klinik der Berliner Charité Untersuchungsergebnisse, die den Verdacht entkräfteten, dass MS durch die Hepatitis-B-Impfung ausgelöst wird.

Unheilbar

Die Krankheit ist unheilbar. Verbunden mit dem schleichenden Verlauf, unvorhersehbaren Schüben und der Perspektive, irgendwann im Rollstuhl zu sitzen, ist die Diagnose MS für Betroffene eine Hiobsbotschaft.(ad)

Autor:
Alfred Domke
Quellen:
  • Technische Universität München (TUM): Impfungen kein Risikofaktor für Multiple Sklerose, (Abruf: 03.08.2019), Technische Universität München (TUM)
  • Neurology: A large case-control study on vaccination as risk factor for multiple sclerosis, (Abruf: 03.08.2019), Neurology