Kann die Einführung einer Reihenuntersuchung Schutz vor Depression bieten?

Alfred Domke

Nutzt ein Screening auf Depression beim Hausarzt?

Depressionen nehmen weltweit zu. Da die psychische Erkrankung umso besser behandelt werden kann, je früher sie diagnostiziert wird, wurden in manchen Ländern Projekte zur Früherkennung gestartet. Auch hierzulande wird überlegt, ob ein Screening beim Arzt sinnvoll sein könnte. Experten zweifeln den Nutzen an.


Immer mehr Menschen leiden an psychischen Erkrankungen

Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist die Anzahl der Menschen mit Depressionen weltweit deutlich gestiegen. Auch in Deutschland und der EU leiden immer mehr Menschen an der psychischen Krankheit. Dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zufolge wird bei knapp zwölf Prozent aller Erwachsenen in Deutschland im Laufe ihres Lebens eine Depression diagnostiziert. Wird die psychische Erkrankung frühzeitig erkannt, kann sie in der Regel besser behandelt werden. Daher gibt es die Überlegung, ob eine ärztliche Reihenuntersuchung auf Depressionen sinnvoll sein könnte.

Die Suche nach Depressionen mittels einer ärztlichen Reihenuntersuchung würde laut Experten Vor- und Nachteile mit sich bringen. (Bild: Africa Studio/fotolia.com)

Vor- oder Nachteile eines Screenings

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat untersucht, ob es für Teilnehmer eines Screenings Vor- oder Nachteile haben könnte, wenn beispielsweise Hausärzte regelhaft einen Test anhand eines Fragebogens anbieten, der Hinweise auf eine Depression geben kann.

Wie das Institut in einer Mitteilung schreibt, könnte ein Vorteil darin bestehen, dass die Diagnose frühzeitig gestellt und eine Therapie begonnen werden kann.

Der nun veröffentlichte Abschlussbericht bestätigt die vorläufigen Ergebnisse: Nutzen und Schaden sind demnach weiterhin unklar.

Damit fehlt weiterhin die wissenschaftliche Grundlage, um eine solche Reihenuntersuchung einzuführen.

Bessere Behandlungsmöglichkeiten bei früher Diagnose

Wie die Experten erklären, verläuft eine (unipolare) Depression meist in Episoden: Es kann Phasen mit wenigen oder keinen Beschwerden geben, gefolgt von Phasen, in denen die Symptome, vor allem Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit, erneut auftreten oder sich verstärken können.

Ein Nutzen des Screenings könnte zum Beispiel darin bestehen, dass die Erkrankung früher erkannt und dann auch besser behandelt werden kann.

So ließe sich etwa verhindern, dass sich die Betroffenen dauerhaft aus dem sozialen Leben zurückziehen oder arbeitsunfähig werden.

Wird eine Depression nicht rechtzeitig erkannt und konsequent behandelt, kann sie chronisch werden. Die Behandlung erfolgt traditionell mit Medikamenten (Antidepressiva) und Psychotherapie.

Einen Schaden könnte das Screening hingegen verursachen, wenn der Test ein sogenanntes falsch-positives Ergebnis ergibt, also eine Depression anzeigt, die Betroffenen aber gar nicht erkrankt sind.

Der Befund könnte sie emotional unnötig belasten. Womöglich haben sie unter den Nebenwirkungen von Medikamenten zu leiden, die sie gar nicht brauchen.

Nur wenige Länder haben die Reihenuntersuchung eingeführt

Für den Abschlussbericht standen den Wissenschaftlern dieselben Studien zur Verfügung wie für den Vorbericht: Aus den insgesamt sieben prospektiv geplanten Interventionsstudien ließen sich keine belastbaren Aussagen ableiten.

Denn entweder unterschieden sich die Ergebnisse zwischen Teilnehmern und Nicht-Teilnehmern des Screenings gar nicht oder die Unterschiede waren zu gering, um medizinisch relevant zu sein.

Bei den fünf aus Japan stammenden Studien sind die Ergebnisse ohnehin kaum auf den deutschen Versorgungskontext übertragbar.

Dass einige Gremien und Fachgesellschaften in den USA ein Screening auf Depressionen empfehlen, sieht Ressortleiter Stefan Sauerland nicht als Widerspruch:

„In kaum einem westlichen Land sucht man aktiv mittels Screening nach Depressionen, weil die Datenlage hierfür nicht ausreicht“, so der Experte.

Die Empfehlung in den USA beziehe sich zudem nicht auf das Screening allein, sondern auf eine Gesamtstrategie, die sicherstellt, dass alle Personen mit einem „positiven“ Testergebnis auch angemessen medizinisch versorgt werden können.

„Im Übrigen gibt es auch zu Nutzen und Schaden der zurzeit stark propagierten Screening-Apps bislang keine Evidenz“, sagte Sauerland. (ad)