Natürlichen Darmkrebs-Schutzmechanismus entschlüsselt: Wie uns das Immunsystem vor Tumoren schützt

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Schutzmechanismus entdeckt: Wie das Immunsystem vor Darmkrebs schützt

Immer wieder wird darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, seine Abwehrkräfte zu stärken. Ein gesundes Immunsystem kann Krankheitserreger abwehren und vor Krankheiten bewahren. Es kann sogar vor schwersten Erkrankungen wie Darmkrebs schützen.


Eine der häufigsten Krebstodesursachen

Gesundheitsexperten zufolge gehört Darmkrebs zu den häufigsten Krebstodesursachen in Deutschland. Viele Erkrankungen könnten jedoch verhindert werden, wenn mehr Menschen regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen würden. Die Darmspiegelung ist besonders wichtig, wenn es in der Familie schon zu Darmkrebsfällen gekommen ist. Zudem lässt sich das Darmkrebs-Risiko durch einen gesunden Lebensstil senken. Wichtig ist offenbar auch das angeborene Immunsystem.

Forscher haben herausgefunden, wie das angeborene Immunsystem den Körper vor Darmkrebs schützt. (Bild: Alex/fotolia.com)

Immunsystem sorgt nicht nur für die Abwehr von Krankheitserregern

Forscher der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben einen Schutzmechanismus entdeckt, mit dem der Körper seine Darm-Stammzellen vor der Entartung zu Tumoren bewahrt.

Laut einer Mitteilung der Klinik kommt dabei dem angeborenen Immunsystem eine Schlüsselrolle zu.

Diese Erkenntnisse machen deutlich, dass das Immunsystem weit über die reine Abwehr von Krankheitserregern hinaus für die gesunde Funktion des Körpers sorgt.

Veröffentlicht wurde die Studie im Fachmagazin „Nature“.

Veränderungen im Erbgut der Zellen

Wie es in der Mitteilung heißt, treffen im Darm zwei Welten aufeinander: Die körpereigenen Zellen der Darmwand einerseits und körperfremdes Material, wie Bakterien oder Nahrungsmittel und deren Abbauprodukte, andererseits.

Beide Welten – körpereigen und körperfremd – stehen in direktem Kontakt und tauschen fortwährend Informationen aus.

Für den Körper ist das wichtig: Viele der Umweltfaktoren, wie bestimmte Bakterienstämme oder essenzielle Nährstoffe, sind für ihn nützlich oder sogar überlebenswichtig.

Allerdings kann der Kontakt mit der Umwelt für den Organismus auch negative Folgen haben: Einige körperfremde Stoffe bewirken Veränderungen im Erbgut der Zellen, die die Darmwand auskleiden.

Wenn sich solche DNA-Schäden häufen, insbesondere in den Stammzellen der Darmwand, können diese sich zu einem Darmtumor entwickeln.

Entwicklung von Darmkrebs verhindern

Damit es gar nicht erst zur Tumorbildung kommt, kann eine geschädigte Zelle ihre DNA reparieren oder – bei zu umfangreicher Schädigung – „altruistischen Selbstmord“ (die sogenannte Apoptose) begehen.

Bisher wurde davon ausgegangen, dass die Stammzelle diesen Reparaturmechanismus selbständig in Gang setzt.

Doch die Studie unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Diefenbach, Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie der Charité, kommt zu einem anderen Schluss:

Das Immunsystem kann den DNA-Reparaturmechanismus in der geschädigten Stammzelle zusätzlich verstärken und so die Entwicklung von Darmkrebs verhindern.

Erbgutschädigende Umweltfaktoren erkennen

Das Team um Prof. Diefenbach konnte gemeinsam mit weiteren Forschungsgruppen im Mausmodell zeigen, dass Zellen des angeborenen Immunsystems in der Lage sind, erbgutschädigende Umweltfaktoren wie bestimmte Glukosinolate im Darm zu erkennen.

Glukosinolate sind Bestandteile von Pflanzen, die unter anderem in zahlreichen Kohl-Arten zu finden sind. Nehmen die Immunzellen nun schädigende Glukosinolate wahr, senden sie den Botenstoff Interleukin 22 aus.

Dieser bewirkt wiederum, dass die Stammzellen in der Darmwand etwaige Schäden ihrer DNA frühzeitiger entdecken und schneller reparieren können.

„Das Immunsystem agiert also wie ein Sensor für erbgutschädigende Bestandteile der Nahrung“, erklärt Prof. Diefenbach.

„Schalten wir diesen Sensor aus, beobachten wir eine deutlich erhöhte Zahl an Darmkrebsfällen“, so der BIH-Professor für Präszisionsmedizin mit dem Schwerpunkt Mikrobiomforschung und Leiter der Arbeitsgruppe Mukosale Immunologie am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin.

Komplexe Interaktion soll genauer untersucht werden

Für Prof. Diefenbach zeigen diese Erkenntnisse nicht nur einen bisher unbekannten Regelkreis auf, mit dem der Körper sich vor Darmkrebs schützt. Sie weisen außerdem darauf hin, dass die Aufgabe des Immunsystems weit mehr umfasst als die Abwehr von Krankheitserregern.

„Das Immunsystem überwacht vielmehr das gesunde Wachstum und die Funktion verschiedener Organe des Körpers“, sagt der Immunologen.

In Zukunft möchte er mit seinem Team die komplexe Interaktion zwischen Nahrungsbestandteilen, Darmbakterien, der Darmwand und dem Immunsystem noch genauer untersuchen.

„Hier könnte die Erklärung für die Vielzahl an entzündlichen Darmerkrankungen liegen“, fügt der Wissenschaftler hinzu. (ad)