Parodontitis: Zusammenhang zwischen Zahnfehlstellungen und Zahnfleischerkrankungen?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zahnfehlstellungen und Zahnfleischerkrankungen?

In einer neuen Studie konnte der seit langem vermutete Zusammenhang zwischen Zahn- bzw. Kieferfehlstellungen und dem Auftreten von Zahnfleischerkrankungen detaillierter untersucht werden. Die Ergebnisse waren teilweise überraschend.


Zahnfleischerkrankungen können gefährlich werden

Parodontalerkrankungen können gefährlich werden. Sie können nicht nur zu Zahnverlust führen, sondern laut wissenschaftlichen Untersuchungen auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt erhöhen und Typ-2-Diabetes sowie womöglich auch Alzheimer auslösen. Greifswalder Zahnmediziner konnten nun den seit langem vermuteten Zusammenhang zwischen Zahn- bzw. Kieferfehlstellungen und dem Auftreten von Zahnfleischerkrankungen wie Zahnfleischrückgang und vertieften Zahnfleischtaschen detaillierter untersuchen.

Deutsche Forscher haben den lange vermuteten Zusammenhang zwischen Zahnfehlstellungen und Zahnfleischerkrankungen genauer untersucht. (Bild: Michael Tieck/fotolia.com)

Jeder zweite Deutsche leidet unter Parodontitis

Wie die Universitätsmedizin Greifswald in einer Mitteilung schreibt, handelt es sich bei der Parodontitis um eine durch bakteriellen Zahnbelag verursachte Entzündung des Zahnfleisches, die im weiteren Verlauf zur Zerstörung des Zahnhalteapparates und zum Zahnverlust führt.

Mehr als jeder zweite Erwachsene in Deutschland leidet unter der „Volkskrankheit“ Parodontitis, die nachweislich auch weiterführende gesundheitliche Auswirkungen zur Folge haben kann.

Wissenschaftler des Zentrums für Zahn- Mund- und Kieferheilkunde der Universitätsmedizin Greifswald konnten nun mit Hilfe des Datenmaterials der Gesundheitsstudie „Study of Health in Pomerania“ (SHIP) den lange vermuteten Zusammenhang zwischen solchen Parodontalerkrankungen und Zahnfehlstellungen genauer untersuchen.

In die Analyse wurden zahnmedizinische und soziodemographische Daten von 1.202 Probanden im Alter von 20 bis 39 Jahren einbezogen. Die Studienergebnisse wurden im Fachblatt „Journal of clinical periodontology” veröffentlicht.

Einmalige Datenauswertung

„Die komplexe Datenauswertung aus der Greifswalder Gesundheitsstudie SHIP für jeden einzelnen Zahn ist in dieser Form einmalig“, sagte Prof. Dr. Olaf Bernhardt von der Greifswalder Poliklinik für Zahnerhaltung, Parodontologie und Endodontologie.

„Sie wurde auf Zahn-, Kiefer- und Probandenebene vorgenommen und vermittelt so einen direkten Zusammenhang des Zahnfleischzustandes im Kontext mit der jeweiligen Fehlstellung eines Zahnes.“

Den Angaben zufolge haben bisherige Publikationen lediglich die allgemeinen Erkrankungsgrade erfasst oder die Zahn- und Kieferebene ignoriert.

Teilentwarnung bei Zahnengstand

Die Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem eine Rückverlagerung des Unterkiefers, ein tiefer Biss und eine vergrößerte Frontzahnstufe (Vorbiss) hauptsächlich mit einem Zahnfleischrückgang verbunden waren.

Doch der ursprüngliche Verdacht, dass Zahnengstand durch verstärkte Plaqueablagerungen zu Zahnfleischentzündungen und damit zu vertieften Zahnfleischtaschen führt, bestätigte sich nur teilweise.

Lediglich hochgradiger Engstand der Frontzähne war mit vertieften Zahnfleischtaschen verbunden.

Ansonsten war ein erhöhtes Risiko für vertiefte Zahnfleischtaschen insbesondere dann zu verzeichnen, wenn die Zahnfehlstellung potenziell zu einer direkten traumatischen Schädigung des Zahnes oder des betreffenden Zahnfleischbereiches führen kann, wie es im Frontzahnbereich bei Kreuzbiss und tiefem Biss mit Zahnfleischkontakt der Fall war.

Rauchen begünstigt Parodontitis

„Die Forschungsergebnisse zeigen einerseits, dass die Datenlage zu kieferorthopädischen Behandlungen vertieft werden muss, weil bisherige Studien sich in unzureichender Weise entweder auf die Patienten- oder Zahnebene beschränkten“, so Bernhardt.

„Die Risikofaktoren für Parodontalerkrankungen sind sehr vielschichtig.“

In einem jüngst vom Bundesgesundheitsministerium beauftragten IGES-Gutachten, das heftige kontroverse Diskussionen ausgelöst hat, wurde der patientenrelevante Nutzen kieferorthopädischer Leistungen zum Teil angezweifelt.

„Andererseits kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass Zahnfehlstellungen moderate bis große Effekte auf den Zahnhalteapparat aufweisen“, fasste Bernhardt die Ergebnisse zusammen.

„Der gesamte Effekt der Zahnfehlstellungen auf das Zahnfleisch könnte durchaus die Hälfte des Effekts durch das Rauchen ausmachen, wie die Ergebnisse dieser bevölkerungsrepräsentativen Studie nahelegen.“

Regelmäßiger Tabakkonsum gilt als eine der häufigsten Ursachen für Parodontitis.

Begünstigt wird die Erkrankung auch durch mangelnde Mundhygiene, genetische Faktoren, übermäßigen Alkoholkonsum, Fehlernährung und Stress.

Zudem ist bekannt, dass Diabetiker ein hohes Parodontitis-Risiko haben. (ad)