Patienten mit Parkinson profitieren von einem Hirnschrittmacher

Wie ein Hirnschrittmacher Verhaltensstörungen reduzieren soll

Spiel-, Sex-, Kauf- oder Fresssucht sind mögliche Verhaltensauffälligkeiten, die durch Parkinson-Medikamente ausgelöst werden können. Ein Hirnschrittmacher ermöglicht Patienten mit der neurologischen Krankheit eine bessere Kontrolle über ihre Impulse – im Vergleich zu Patienten, die sich nur auf eine medikamentöse Therapie verlassen. Dies geht aus einer umfangreichen Studie eines deutsch-französischen Forscherteams hervor. Bei der Therapie werden den Patienten dünne Elektroden ins Gehirn implantiert, die elektrische Impulse an die gewünschte Zielregion abgeben, um diese zu stimulieren.


Die Parkinson-Krankheit zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen mit mehr als vier Millionen Betroffenen weltweit. „Aufgrund des zunehmenden Altersdurchschnitts ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Betroffenen sich bis zum Jahr 2030 auf weltweit 8,7 Millionen verdoppelt“, erläutert der Neurologe Professor Dr. Lars Timmermann in einer Pressemitteilung der Philipps Universität Marburg, der an der Studie mitwirkte. Für die Studie schlossen sich Arbeitsgruppen aus 18 europäischen Universitäten zusammen. Die Ergebnisse wurden in der Märzausgabe des Fachjournals „Lancet Neurology“ publiziert.

Ein Hirnschrittmacher soll die Menge der eingenommen Medikamente reduzieren, die bei Parkinson-Patienten Verhaltensstörungen auslösen können. (Bild: rob3000/fotolia.com)

Parkinson-Medikamente können Verhaltensstörungen auslösen

Laut Timmermann sind die Symptome der Parkinson-Krankheit durch moderne Medikamente gut behandelbar. „Die Arzneimittel bewirkten indes oftmals schwerwiegende Verhaltensstörungen, gerade bei jungen Patienten“, so der Neurologe. Zu diesen Störungen zähle beispielsweise Spielsucht, zu viel Lust auf Sex, Fressattacken und krankhafter Kaufrausch.

Die Behandlung setzt direkt im Hirnkern an

Symptome der Parkinson-Krankheit wie Zittern, verlangsamte Bewegung oder Muskelsteifigkeit sind auf veränderte Aktivität der Nervenzellen in tiefliegenden Regionen des Gehirns zurückzuführen. Der Ansatz des Hirnschrittmachers ist daher, direkt an tiefen Hirnkernen anzusetzen und somit die Medikamentenverabreichung erheblich zu reduzieren. „Wir wollten herausfinden, ob die tiefe Hirnstimulation auch Verhaltensstörungen verringert“, erläutert Koautorin Carmen Schade-Brittinger, die das Koordinierungszentrum für Klinische Studien der Philipps-Universität Marburg leitet.

Hirnstimulation kann die Lebensqualität der Betroffenen verbessern

In der Studie wurden 251 Patientinnen und Patienten über einen Zeitraum von zwei Jahren beobachtet. Im Schnitt litten die Probanden bereits acht Jahre lang unter der Krankheit. Die ersten Ergebnisse gab es schon in einer früheren Studie des Teams, in der berichtet wurde, dass sich die Lebensqualität von Patienten mit Parkinson verbesserte, wenn sie zusätzlich zu Medikamenten frühzeitig Hirnstimulationen erhielten. In der aktuellen Studie widmeten sich die Wissenschaftler erneut dem Thema unter Verwendung neu entwickelter psychiatrischer Bewertungsmaßstäbe.

Die Ergebnisse sprechen für sich

Laut den Medizinern verringerten sich die Verhaltensstörungen der Patienten, ohne dass sie andere neurologische Auffälligkeiten wie beispielsweise Apathie, Depression oder Angst zeigten. „Unsere Befunde erlauben einen Kurswechsel in der Behandlung“, resümiert Timmermann. Bei der bisherigen Therapie galt das Auftreten von Verhaltensstörungen als Hindernis für chirurgische Eingriffe. Die aktuellen Studienergebnisse legen allerdings nahe, dass bei Kontrollverlust solche Eingriffe zur Tiefenstimulation sinnvoll sind.

Erfolg des Hirnschrittmachers ist abhängig vom Erfolg der Operation

„Der Erfolg einer Hirnschrittmacher-Behandlung ist immer abhängig von einer optimalen Operation“, erklärt Professor Dr. Christopher Nimsky, Leiter der Marburger Neurochirurgie, an der solche Eingriffe vorgenommen werden. Bislang wurden nur Patienten im Alter unter 61 Jahren in der Studie einbezogen. „Ob die Resultate auf alle Altersgruppen zu übertragen sind, ist in künftigen Studien zu überprüfen“, so Timmermann.

Über die Parkinson-Forschung

Die Parkinson-Krankheit gehört zu den sogenannte neurodegenerative Erkrankung, bei denen fehlerhafte Proteine im zentralen Nervensystem die Bewegung der Betroffenen beeinflussen. Diese sogenannte Lewy-Körper sind das typische Anzeichen der Krankheit. Erst kürzlich erschien eine weitere Studie zur Parkinson-Krankheit, der zufolge überschüssiges Kalzium zur Bildung von toxischen Clustern führt. Forscher der University of Cambridge fanden heraus, dass überschüssige Mengen des Minerals in Gehirnzellen zur Bildung von toxischen Clustern führen können, die an der Entstehung der Parkinson-Krankheit beteiligt sind. (vb)