Wie alltägliche Chemikalien unsere Fruchtbarkeit mindern

Volker Blasek

Studie: Spermienqualität sinkt zunehmend durch Alltagschemikalien

Versteckt in Lebensmitteln, Plastik, Textilien und Kosmetika könnte die Ursache für zunehmende Fruchtbarkeitsstörungen liegen, von denen Paare in der westlichen Welt immer häufiger betroffen sind. Ein deutsch-dänisches Forscherteam fand kürzlich heraus, dass bestimmte Chemikalien, die alltäglich zum Einsatz kommen, unsere Hormone beeinflussen und so mitverantwortlich für die allgemein verminderte Fruchtbarkeit sind. Insbesondere die Kombination mehrerer Chemikalien sei besonders schadhaft, da sich die Einzelwirkungen nicht nur addieren sondern sich gegenseitig auch noch verstärken.


Chemikalien werden fast überall in der Produktion von Nahrung, Kleidung und in Pflegeprodukten verwendet. Dabei kommen häufig sogenannte endokrine Disruptoren zum Einsatz. Forschende des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) der Universität Münster identifizierten einen fruchtbarkeitssenkenden „Cocktail-Effekt“, der durch alltägliche Chemikalie hervorgerufen wird. Ausgelöst wird dieser Effekt durch bestimmte Chemikalien, die die Wirkung weiblicher Hormone imitieren und so das Schwimmverhalten von Spermien beeinträchtigen. Die Studienergebnisse sind kürzlich in dem Fachjournal „human reproduction“ erschienen.

Endokrine Disruptoren sind Chemikalien, die häufig in alltäglichen Produkten wie Nahrung, Verpackungen, Kleidung und in Pflegeartikeln vorkommen. Diese Alltagschemikalien werden schon seit längerem kontrovers unter Experten diskutiert. Eine neue Studie belegt nun, dass sich diese Chemikalien gegenseitig verstärken und schon kleinste Mengen die männliche Fruchtbarkeit beeinflussen können. (Bild: Christoph Burgstedt/fotolia.com)

Chemikalien beeinflussen die Spermien

Wie die Forschenden berichten, nehmen wir täglich kleinste Mengen bestimmter Chemikalien auf. Darunter befindet sich eine Gruppe, die als endokrine Disruptoren bezeichnet wird. Den Forschern zufolge können diese Chemikalien bereits in sehr geringer Konzentration die Spermien beeinflussen. Endokrine Disruptoren stehen schon länger unter Verdacht, negativ auf die Fortpflanzungsfähigkeit zu wirken. Das Team um Professor Timo Strünker und Professor Niels Erik Skakkebæk konnte diesen Effekt nun genauer entschlüsseln.

Der Cocktail-Effekt von Alltagschemikalien

„Kombiniert man die Chemikalien, addieren sich die Einzelwirkungen nicht nur, sondern sie verstärken sich gegenseitig beträchtlich“, resümiert Studienleiter Dr. Christoph Brenker die Ergebnisse in einer Pressemitteilung. In der Pharmakologie heiße dieses Phänomen „Synergismus“.

Eins plus eins gleich drei

„Eins plus eins macht dann nicht zwei, sondern drei“, erklären die Forschenden. Dieser Effekt würde sich bei den Spermien besonders deutlich zeigen. Das Zusammenspiel, also die Synergie der verschiedenen endokrinen Disruptoren würden weibliche Hormone perfekt imitieren und so Einfluss auf die Spermien nehmen, erklärt Brenker. Unter anderem würde die Schwimmfähigkeit der Spermien gestört werden.

Kontroverse Debatte über Alltagschemikalien

Bereits im Jahr 2002 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem Bericht auf die schädlichen Wirkungen von endokrinen Disruptoren aufmerksam gemacht. Neben den negativem Einfluss auf die Fruchtbarkeit stehen die Chemikalien auch unter Verdacht Krebs zu verursachen. Dennoch werden sie weiterhin in unzähligen Produkten verwendet. Regelmäßig wird unter Experten und in der Öffentlichkeit kontrovers darüber diskutiert, ob man die Verwendung hormonell wirksamer Chemikalien in Alltagsprodukten eingeschränken sollte.

Einzelne Grenzwerte lassen die Wechselwirkungen außer Acht

Bislang gibt es nur Grenzwerte für jede einzelne Chemikalie. Angesichts der neuen Erkenntnisse, dass sich die einzelnen Komponenten in Wechselwirkungen gegenseitig verstärken, wird das Gefahrenpotenzial nach Ansicht der Forschenden unterschätzt. Das Team um Dr. Brenker konnte diesen synergistischen Cocktail-Effekt nicht nur bei Spermien, sondern auch schon in Zellen und Geweben beobachten. Gesundheitliche Folgen, die daraus resultieren, sind ungewiss. (vb)