Hypnotherapie – Anwendung und Wirkung

Nur wenige Methoden der Heilkunde üben so viel Faszination aus wie die Hypno- oder Hypnosetherapie. Zwischen der Angst, dem oder der Hypnotisierenden willenlos ausgeliefert zu sein, und der Hoffnung, nach einem tiefen Schlaf ohne jede Erinnerung, dafür aber problem- und schmerzfrei zu erwachen, besteht bis heute eine Reihe weiterer Vorurteile. Selbst die (eingeschränkte) Anerkennung der Hypnotherapie als wissenschaftliche Methode in der Psychotherapie hat nicht dazu geführt, diese vollständig aufzulösen. Dabei kann die Therapie in Hypnose wertvolle Arbeit bei seelischen und körperlichen Beschwerden leisten und dazu beitragen, die Dauer anderer Therapieverfahren zu verkürzen.


Hypnosetherapie als Naturheilverfahren

Obwohl die moderne Hypnosetherapie als Heilmethode heute besonders im psychotherapeutischen Kontext Verbreitung findet, kann sie auch ohne weiteres als Naturheilverfahren eingestuft werden. Denn sie erfüllt den Anspruch, körpereigene Abwehrkräfte freizusetzen und Funktionsabläufe physischer und psychischer Art zu regulieren, indem selbstorganisatorische Prozesse angestoßen werden.

Weil außerdem Hypnose in ihrer Wirkweise auf die künstliche Trennung von Körper und Psyche verzichtet, indem sie an der Schnittstelle dieser Ebenen zu wirken scheint, finden sich von jeher zahlreiche Praktikerinnen und Praktiker aus dem Bereich der Naturheilkunde, die ihr therapeutisches Spektrum um Hypnosetechniken erweitern. Schließlich wurzelt die therapeutische Hypnose in schamanischen Zeremonien zahlreicher Naturvölker, die dazu dienten, Krankheiten körperlicher und geistig-seelischer Natur zu heilen.

Hypnose
Hypnose wird heute häufig mit psychotherapeutischem Hintergrund eingesetzt. (Bild: DOC RABE Media/fotolia.com)

Hypnose als Bewusstseinszustand

Der Bewusstseinszustand, den wir heute Hypnose nennen und der zu Heilzwecken genutzt wird, ist bereits seit Menschengedenken bekannt. Das lässt darauf schließen, dass es sich um ein natürliches Phänomen handelt und uns Menschen die Fähigkeit angeboren ist, diesen Bewusstseinszustand zu erreichen. Zunächst einmal ist er als ein Zustand fokussierter Aufmerksamkeit zu verstehen, in dem ablenkende Reize jeder Art ausgeblendet werden können. Dazu zählen beispielsweise Geräusche, Sorgen oder Schmerzen. Was aber genau macht diesen Zustand noch aus und woran erkennen wir ihn?

Denkprozesse in Hypnose

Es gibt eine Reihe hypnotischer Phänomene, die den tranceartigen Zustand in Hypnose vom alltäglichen Wachbewusstsein unterscheiden. Dazu gehört beispielsweise das Nachlassen logisch-analytischer Denkprozesse zugunsten einer bild- und symbolhaften Verarbeitung von Informationen, ähnlich wie das auch beim Träumen geschieht. Bekannt sind außerdem eine gesteigerte Erinnerungsfähigkeit in Hypnose (Hyperamnesie), die bis in die früheste Kindheit zurückreichen kann, aber auch die Unfähigkeit, das eben beendete Hypnoseerleben zu erinnern (Amnesie).

Obwohl nach dem Gott des Schlafes benannt, ist Hypnose eher als ein entspannter Wachzustand zu verstehen, bei dem bestimmte Hirnareale veränderte Aktivität aufweisen. Der Geist ist wach, der Trancezustand kann jederzeit eigenständig beendet werden, sodass wir nicht willenlos ausgeliefert sind. Das gilt zumindest für die bei der Hypnotherapie angewandte Form der Hypnose, die klar von der sogenannten „Show-Hypnose“ abgegrenzt werden muss (siehe Video). Auch werden hier keine gehüteten Geheimnisse unwillentlich ausgeplaudert, wie vielfach befürchtet. Wohl aber besteht eine erhöhte Suggestibilität; das bedeutet, dass man sich leichter auf Anregungen von außen einlassen kann. Durch eine verzerrte Zeitwahrnehmung kann uns die Dauer der Hypnose überraschend kurz oder lang vorkommen.

Körperempfindungen und -veränderungen in Hypnose

Es kommt während der Hypnose zu einem veränderten Körpererleben. Typischerweise beginnen die Augenlider zunächst zu flattern; dabei können Bewegungen der Augäpfel sichtbar werden. Hypnotisierte fühlen sich leichter, schwerer oder steif; manchmal kommt es zu unwillkürlichen Bewegungen der Extremitäten. Es kann sich ein Gefühl von Kühle im Bereich des Körpers einstellen, während das Gesicht vielleicht warm bleibt. Schmerz- und Angsterleben sind reduziert, Gefühle von Kribbeln und Prickeln an verschiedenen Körperteilen stellen sich von selber ein oder lassen sich durch Suggestionen leicht hervorrufen.

Messbare Veränderungen zeigen sich im Hypnosezustand in allen Bereichen, die der Steuerung des vegetativen Nervensystems unterliegen. Das ist der Teil des menschlichen Nervensystems, den wir nicht durch unseren bewussten Willen steuern können. Er beeinflusst zum Beispiel Herzschlag und Verdauung. Im Hypnosezustand sinkt der Blutdruck, das Herz schlägt langsamer, die Atemzüge werden ruhiger und tiefer. Weiterhin entspannt die Muskulatur und es werden weniger Stresshormone von der Nebennierenrinde ausgeschüttet.

Therapie in Hypnose

Vom Zustand der Hypnose ist die Hypnosetherapie zu unterscheiden, die in vielfältiger Weise die erhöhte Beeinflussbarkeit und weitere hypnotische Phänomene zur Heilung verschiedenster Beschwerden nutzt.

Weniger populär ist heute die klassische Hypnose mit „zudeckenden“, direkten Suggestionen, die Veränderungen in der Regel nicht dauerhaft hervorzurufen vermögen. Der alleinige Auftrag: „Du wirst von jetzt an nicht mehr rauchen“, übersieht die Tatsache, dass das Rauchen womöglich eine wichtige Funktion besitzt, die erst durch tiefgreifendere Veränderungen verstanden, verändert oder aufgelöst werden kann.

Diese Form von Hypnose arbeitet zudem mit der Autorität und „besonderen“ Fähigkeit des Hypnosetherapeuten oder der Hypnosetherapeutin. Heute bevorzugen viele Therapierende eine gleichberechtigte Beziehung zu Klientinnen und Klienten, in der beide auf Augenhöhe und gemeinsam daran arbeiten, die Heilung herbeiführen.

Im Gegensatz zur klassischen Hypnose ist man in der systemisch orientierten Hypnotherapie nach Milton Erickson bemüht, Heilungswiderstände zu umgehen. Dazu nutzt man sehr individuell die Denk- und Sprachmuster, Glaubenssätze und Verhaltensweisen des Klienten oder der Klientin in „hypnotischer Kommunikation“, um Veränderungsprozesse auf tieferen Ebenen in Gang zu setzen. Geschichten, Metaphern, Visualisierungen und gezielte Formulierungen werden dabei mitunter so indirekt eingesetzt, dass sie nicht einmal von der oder dem Hypnotisierten bemerkt werden.

Weniger strategisch, dafür ebenso ressourcenorientiert und individuell ausgerichtet, ist die Selbstorganisatorische Hypnose, die in Deutschland insbesondere von Dr. Götz Renartz entwickelt und verbreitet wird. „Ressourcenorientiert“ bedeutet, dass dabei auf die individuellen Stärken und Fähigkeiten eines Menschen zurückgegriffen und daran angeknüpft wird.

Bei dieser Form von Hypnosetherapie geht man davon aus, dass ein Mensch sich seinem eigenen Wesen nach entwickeln muss, um dauerhaft gesund zu bleiben. Äußere Einflüsse, die diese Entwicklung hemmen, zum Beispiel durch selbst oder von außen verhängte Verbote, werden aufgedeckt oder symbolisiert und verändert. In Hypnose werden archetypische „Helfer“ oder „Helferinnen“ visualisiert, die der Patientin oder dem Patienten bei der Aufarbeitung mehr oder weniger traumatischer Ereignisse und dem Auffinden optimaler Lösungswege zur Seite stehen. Das können weise Figuren, innere Heilerinnen und Heiler oder Beschützerinnen und Beschützer sein, die in verschiedenen Bildern vor dem inneren Auge auftauchen.

In der Hypnoanalyse, einer Weiterentwicklung der Psychoanalyse, werden ebenfalls tiefere Probleme aufgedeckt und aufgelöst, wobei in Hypnose nach psychoanalytischen Grundlagen gearbeitet wird.

Wirkung und Einsatz von Hypnose

Hypnose wird von Therapeuten und Therapeutinnen aus Medizin, Naturheilkunde, Psychotherapie, in Beratung und Coachings eingesetzt. Bei den Ergebnissen wird zwischen der allgemeinen Wirkung und der spezifischen Wirkung unterschieden.

Allgemeine Wirkung

Der Zustand der Hypnose wirkt sich allein durch die Beeinflussung des vegetativen Nervensystems bei regelmäßiger Anwendung günstig auf Bluthochdruck, Schlafstörungen, das Reizdarmsyndrom, eine Reizblase und jede weitere nervös bedingte Störung aus. Auch Angst und chronische Rückenschmerzen können bereits ausschließlich durch die allgemeine Wirkung der Hypnose positiv beeinflusst werden. Im Zustand innerer Entspannung kann diese Wirkung ganz gezielt durch Suggestionen verstärkt werden. Bei Neigung zu innerer Unruhe und Stress-Empfinden wirkt sich die regelmäßige Anwendung von Selbsthypnose ausgleichend aus.

Spezifische Wirkung

Durch Erinnerungen vergangener Erfahrungen und Fähigkeiten kann das Selbstwertgefühl nachhaltig gestärkt werden. Neue Sichtweisen und veränderte Denkmuster helfen dabei, ungünstige Verhaltensweisen oder Symptome aufzugeben. Angstbesetzte oder Leistung erfordernde Situationen wie Prüfungen oder sportliche Wettkämpfe können auf der „inneren Bühne“ erprobt und vorbereitet werden. Wie beim tatsächlichen Üben lernt das Gehirn auch bei Imaginationen um, wenn sie mit allen Sinnen „erlebt“ werden, sodass neue Verknüpfungen im neuronalen Netzwerk entstehen können. In Medizin und Psychosomatik können Organe direkt visualisiert und „verarztet“ oder im inneren Dialog nach Hintergründen gefragt werden. Die bekanntesten und beliebtesten Anwendungen von Hypnose sind sicherlich in der Gewichtsreduktion, der Raucherentwöhnung sowie der Schmerz- und Angstreduktion beim Zahnarzt zu finden.(jvs, kh)

Zum Weiterlesen:
Literatur: Dirk Revenstorf, Burkhard Peter (Hrsg.): Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin, Springer