Herzneurose (Herzangst)

Susanne Waschke

Die Herzneurose, auch Cardiophobie, Herzphobie, Da-Costa-Syndrom oder Effort-Syndrom genannt, zählt zu den hypochondrischen Störungen. Dabei steht die Angst vor einer unerkannten Herzerkrankung im Vordergrund. Eine organische Herzerkrankung liegt in der Regel nicht vor. Häufig ist die Herzneurose mit panikartigen Angstattacken verbunden. Die Betroffenen, als Herzhypochonder oder Herzneurotiker bezeichnet, machen sich ständig Sorgen über ihre Herzfunktion und kontrollieren beispielsweise mehr als einmal pro Tag ihren Puls oder Blutdruck. Bevor eine Herzneurose diagnostiziert wird, haben die Betroffenen vielmals einen langen Leidensweg bereits hinter sich.

Inhaltsverzeichnis

Symptome
Entstehungsmechanismus und Vorkommen
Verhalten bei Herzneurose
Aus der Herzangst wird die Angst vor der Angst
Diagnose
Therapie
Unterstützende Behandlung der Naturheilkunde

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Symptome der Herzneurose

Die mit der Herzneurose verbundenen Symptome umfassen alle vegetativen, subjektiv überbewerteten Begleiterscheinungen der Angst. Dazu gehören zum Beispiel Schweißausbrüche, die sich oft über den ganzen Körper ausbreiten. Hinzu kommen Herzrasen (Tachycardie), Stiche in der Herzgegend, Schmerzen im linken Arm, ein allgemeines Beklemmungsgefühl im Brustkorb, akuter Bluthochdruck und stark erhöhter Puls. Begleitet werden diese „Herzsymptome“ mit Übelkeit, Schwindel und Atembeschwerden bis hin zur Hyperventilation. Im Gegensatz zum Herzinfarkt können die Betroffenen in vielen Fällen genau den Schmerz des Herzens lokalisieren.

Atmenlose Frau sitzt erschöpft auf dem Bürgersteig
Herzneurosen können zu plötzlichem Schwächegefühl und ernsthaften Kreislaufbeschwerden führen. Bild: www.fotolia.com © Robert Kneschke

Im Beisein eines Arztes klingen die Symptome meist relativ schnell ab. Ein Anfall bei der Herzneurose dauert circa fünfzehn Minuten bis zu zwei Stunden. Die Betroffenen können genau den Herz- und den Pulsschlag spüren und konzentrieren sich massiv darauf. Durch die damit verbundene Angst beeinflussen sie die Herzfrequenz, das heißt, die Symptomatik nimmt zu, der berühmte Teufelskreis beginnt. Die Patienten steigern sich so sehr in die Symptomatik hinein, dass ein solcher Anfall in der Notfallpraxis oder im Krankenhaus enden kann.

Zwischen den akuten Angstattacken plagt die meisten dann die Angst vor der Angst (Phobophobie). Dies schränkt das tägliche Leben derart ein, dass die Betroffenen jeden Schritt planen. Sie bewegen sich am liebsten in der Nähe von Arztpraxen oder Krankenhäusern, Autofahrten werden diesbezüglich geplant und nächtliche Unternehmungen mitunter gar nicht getätigt. Die Gedanken kreisen ständig um das Herz, die Selbstbeobachtung bezüglich irgendwelcher herzspezifischer Symptome und die Angst herzkrank zu sein, versetzt den Körper in eine ständige Alarmbereitschaft. Viele Betroffene sorgen sich so um ihr körperliches Wohlbefinden, dass sie sich überhaupt nichts mehr zutrauen, um sich bloß keiner Gefahr auszusetzen. Sie schonen sich konstant und vermeiden jegliche körperliche Belastung, die sich eventuell negativ auf ihre Herzfunktion auswirken könnte. Damit bringen sie sich immer mehr ins soziale Abseits. Sie gehen nicht mehr unter die Leute und bleiben aus Sorge um ihre Gesundheit, nur noch in ihren eigenen vier Wänden.

Herzneurotiker können schon durch die kleinste Kleinigkeit, zum Beispiel durch eine harmlose Erkältung oder einen lauten Knall in Angst und Schrecken versetzt werden, womit der Angstkreislauf beginnt.

Entstehungsmechanismus und Vorkommen

Die Herzneurose trifft bevorzugt das männliche Geschlecht und tritt vor allem im dritten und vierten Lebensjahrzehnt auf. Auslöser sind meist reale Erlebnisse des Verlassenwerdens, zum Beispiel der Tod eines nahen Angehörigen, Trennung von dem geliebten Partner, aber auch Fälle von Herztod oder Herzerkrankungen im Bekanntenkreis oder Familienumfeld. Irgendwann tritt der erste Anfall ein, wonach sich Betroffene dann verstärkt auf ihre Herzfunktion konzentrieren. Sie verfallen in eine Schonhaltung, die sie immer mehr sozial ausgrenzt. Dadurch entstehen häufig weitere Phobien, wie zum Beispiel die Agora- oder Klaustrophobie (Agoraphobie = Angst vor großen Plätzen; Klaustrophobie = Angst vor Enge). Auch Menschen, die bereits aufgrund von übermäßigem Stress, Zufuhr von Drogen wie Kokain, Alkohol oder Cannabis eine Herzattacke erlitten und notfallmedizinisch behandelt werden mussten, können aufgrund der traumatischen Erfahrung im Nachgang eine Herzangst entwickeln.

Verhalten bei Herzneurose

Die von Herzneurose geplagten Menschen sind voller Angst vor einem Herzstillstand oder Herztod. Deshalb kontrollieren sie ständig Puls und Blutdruck. Bei Herzstolpern bekommen sie sofort Panik. Sie fragen sich selbst fortwährend nach ihrem momentanen Zustand. Beispiele dafür sind „Schlägt meine Herz auch richtig? Ist nicht mein Puls zu schnell? Oh, hab ich da nicht einen Stechen in der Brust verspürt?“ Heraus aus dieser Angst werden Aktivitäten abgebrochen oder gar nicht begonnen. Körperliche Belastung wird vermieden. Einsame Gegenden werden mit dem Auto umfahren und wichtige Telefonnummern von Ärzten und/oder Krankenhäusern ständig mitgeführt. Berichte über Herzerkrankungen werden entweder massivst konsumiert oder aber vollständig gemieden. Oft fühlen sich die Betroffenen nicht ernst genommen. Sie sind nach eigener Einschätzung wirklich krank und suchen immer wieder Internisten, Kardiologen oder Neurologen auf, um endlich Hilfe zu bekommen. Im Beisein der Mediziner geht es den meisten Patienten gleich viel besser, da sie sich dort sicher fühlen. Wurden keine organischen Störungen festgestellt, geht es den meisten Patienten für eine gewisse Zeit wieder besser. Doch schon nach ein paar Tagen oder Wochen quält die Frage, ob der Arzt nicht einen Herzfehler oder eine Herzerkrankung übersehen hat. Schon bald wird ein erneuter Arzttermin vereinbart.

Patienten mit Herzangst versuchen oft Dinge und Situationen zu umgehen, die Angst auslösen könnten. Alle Orte, die sie mit Angst in Verbindung bringen, werden gemieden. So wird aber das Weggehen, das Verlassen des Hauses, mit der Zeit immer schwieriger. Viele betroffene Patienten vereinsamen. Dadurch lässt auch die körperliche Kondition nach, weshalb verschiedene Aktivitäten als anstrengend erlebt werden. Diese Anstrengung führt erneut zu der Frage, ob dies ein Symptom einer schweren Herzkrankheit ist.

Aus der Herzangst wird die Angst vor der Angst

Die Herzneurose versetzt die Patienten in einen dauernden Spannungs- und Alarmzustand. Daraus kann die Angst vor der Angst, die Phobophobie, entstehen. Dies ist den Betroffen häufig gar nicht bewusst. Schon die kleinsten Kleinigkeiten, wie ein lautes Geräusch, können eine Angstattacke auslösen. Aus der massiven Angst wird Panik. Durch Panik verstärken sich die Symptome. So kann aus Herzangst eine Panikattacke entstehen, Panikattacken können wiederum eine Herzangst auslösen.

Diagnose der Herzneurose

Patienten mit bestehender Herzangst müssen gründlich untersucht und mögliche Herzerkrankungen ausgeschlossen werden. Patienten mit einer bestehenden Herzkrankheit können ebenso eine Herzneurose entwickeln, wie ein Herzneurotiker irgendwann eine Herzerkrankung bekommen kann. Als Untersuchungsmethoden dienen die Kontrolle von Blutdruck und Puls, das EKG (Elektrokardiogramm), die Echokardiographie (Ultraschalluntersuchung des Herzens) und eine umfangreiche Blutuntersuchung. Häufig wird ein Psychiater oder Psychologe hinzugezogen. Untersuchungen haben ergeben, dass bis zu 20 Prozent der aufsuchenden Patienten einer kardiologischen Fachpraxis, Herzneurotiker sind. Bis die Diagnose Herzphobie gestellt wurde, können Monaten oder Jahre vergehen. Bis dahin haben eine Reihe von Betroffenen sogar invasive Diagnoseverfahren wie die nicht ungefährliche Herzkatheteruntersuchung bereits hinter sich. Viele Ärzte diagnostizieren Funktionelle Herzbeschwerden, in vielen Fällen, um dem Patienten eine Diagnose an die Hand zu geben. Denn viele Betroffene erleben ihr Leiden als sehr real mit tatsächlichen Schmerzen.

Therapie der Herzneurose

Meist fühlen sich die Patienten nach den ausführlichen Untersuchungen und dem Gespräch mit dem Arzt eine Zeit lang beruhigt. Jedoch treten nach einer Weile wieder Zweifel auf, die Angst bricht aus und der Teufelskreis beginnt von neuem. Der Patient wird dann weitere Untersuchungen fordern. Daher befinden sich Herzneurotiker besonders häufig in Facharztpraxen.

Die Behandlung einer Herzneurose erfordert eine Psychotherapie. Hierbei sollte das Selbstvertrauen gestärkt und der Blick auf sich selbst verändert werden. Den Patienten wird empfohlen, sich nicht ständig zu schonen, sondern zum Beispiel in einer geeigneten Gruppe Sport zu betreiben.

Am Anfang der Therapie bekommt der Patient, wenn nötig, Psychopharmaka, um den schweren Angstattacken zu Leibe zu rücken. Gezieltes Entspannungstraining, wie zum Beispiel autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation, gehört ebenso zur Therapie einer Herzneurose. Geduld ist hier wichtig, da die Herzneurose eine Langzeiterkrankung darstellt. In in einigen schweren Fällen kann stationäre Aufnahme sinnvoll erscheinen. Vor allem dann, wenn ambulante Verhaltens- oder Psychotherapien nicht fruchteten. Insgesamt sind die Erfolgsaussichten gut, wenn der Patient sich auf die Therapie einlassen kann.

Unterstützende Behandlung der Naturheilkunde

Eine Herzneurose ist eine Erkrankung, die in erfahrene medizinische Hände gehört. Jedoch kann eine begleitende naturheilkundliche Behandlung die Therapie zusätzlich unterstützen.

Die Herzneurose wird meist durch traumatische Situationen im Leben ausgelöst. Die mit der Erkrankung einhergehende nervöse Übererregbarkeit und die instabile Stimmungslage können durch geeignete naturheilkundliche Behandlungsformen positiv beeinflusst werden. Ab- und Ausleitungsverfahren gehören hier in das Behandlungsspektrum der Naturheilpraxis. Schröpfmassagen mit passenden ätherischen Ölen wirken entspannend, durchblutungsfördernd und allgemein energetisierend. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der Herzneurose keine organische Ursache zugrunde liegt.

Die Patienten befinden sich in ständiger Alarmbereitschaft, was natürlich zu massiven Verspannungen und Myogelosen (tastbare, schmerzhafte Muskelverhärtung) führen kann. Um die Muskelverhärtungen zu lösen, wird in der Naturheilkunde häufig das sogenannte Baunscheidtieren angewandt. Dabei wird die Haut leicht angeritzt und anschließend ein sogenanntes Baunscheidtieröl aufgetragen, das die Durchblutung und den Lymphfluss anregen soll.

Eine ausführliche Anamnese, die generell jeder naturheilkundlichen Behandlung zugrunde liegen sollte, ist für eine Konstitutionsbehandlung mit der Homöopathie besonders wichtig. Hier wird ganz individuell das passende Mittel für den Patienten ermittelt. Beispiele dafür sind Coffea, Cimicifuga, Gelsemium, Ignatia und Nux vomica.

Bei Herzrasen, Herzklopfen, Zusammenschnüren des Herzens und Unruhezuständen kommen auch Komplexmittel zum Einsatz. Diese enthalten Substanzen, wie Crataegus (Weißdorn), ein Wirkstoff, der bei Herzklopfen und Herzunruhe gegeben wird. Cactus (Königin der Nacht), das bei krampfartigen Herzschmerzen oder Zusammenschnüren des Herzens hilft, ist häufig in den Mischungen enthalten. Auch Gelsemium (gelber Jasmin), das vor allem bei Herzklopfen oder dem Gefühl, das Herz würde stehen bleiben, zum Einsatz kommt oder auch Ignatia (Ignatiusbohne), das Mittel gegen Herzschmerzen, sind in einigen Komplexmitteln enthalten. Sedativ (beruhigend) wirkende Pflanzen sind Baldrian, Johanniskraut, Melisse, Passionsblume und der Hopfen. Treten bei den Patienten Übelkeit und andere Magen-Darm-Störungen auf, werden zum Beispiel Kümmel, Fenchel, Koriander, Ingwer und Pfefferminze verabreicht.

An Herzneurose leiden ängstliche Patienten. Um etwas gegen die ständigen Ängste zu tun, werden verschiedene Bachblütenmischungen angewandt. Diese können begleitend zur Psychotherapie gute Dienste leisten. Die Bach´schen Angstblüten sind Aspen, Mimulus und Rock Rose. Um das gesamte Vegetativum der Betroffenen zu stabilisieren, runden zuhause durchgeführte, tägliche Wechselduschen, Trockenbürstungen und Kneipp´sche Fußbäder die Behandlung ab. (sw)