Winterdepression

Jeanette Vinals Stein

Entstehung und Behandlung in der Naturheilkunde

Die Winterdepression, früher einfach „Wintertief“ genannt, ist inzwischen als eine Form von Depression anerkannt und wird in Fachkreisen auch als saisonal abhängige Depression (SAD) bezeichnet. Besonders zeigt sich die Winterdepression in der Zeit von November bis Februar. Ursächlich scheint vor allem der Lichtmangel zu sein, den diese Monate mit sich bringen. In der Naturheilkunde sieht man auch in einem gestörten Stoffwechsel einen wichtigen Entstehungsfaktor für die saisonale Depression. Aber auch die negative innere Einstellung zum Winter kann eine Rolle spielen.

Inhaltsverzeichnis:
Winterdepression
Synonyme
Symptome bei Winterdepression
Ursachen für Winterdepression
Winterdepression durch angesammelte Körperschlacke
Behandlungsmöglichkeiten aus der Naturheilkunde
Johanniskraut gegen Winterdepression
Licht, Luft, Farben und Bewegung
Zum Weiterlesen

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Synonyme

Herbstdepression; Winter Blues; November Blues; Wintertief; Lichtmangeldepression; saisonale Depression; saisonal abhängige Depression (SAD); saisonal affektive Störung, Depressionen im Winter.

Viele Menschen zeigen im Winter vermehrt depressive Stimmungslagen

Symptome bei Winterdepression

Immer mehr Menschen fürchten sich vor der dunklen Jahreszeit, die bei ca. jedem vierten Deutschen mit deutlich getrübter Stimmung und bei bis zu fünf Prozent der Bundesbürger mit ausgeprägten depressiven Symptomen einhergeht. Vor allem Frauen scheinen davon betroffen zu sein.

Es handelt sich bei den Beschwerden einerseits um typisch depressive Symptome, die beim Wintertief allerdings weniger stark ausgeprägt sind. Dazu gehören Niedergeschlagenheit, Interesselosigkeit, Leeregefühl, Hoffnungs- und Freudlosigkeit, die sich nicht unbedingt von äußeren Umständen ableiten lassen und kognitiv nicht ausreichend korrigiert werden können. Ängste, Sorgen, Grübeln, Reizbarkeit und Aggressivität können sich ebenso zeigen wie eingeschränkte Aufmerksamkeit, Merkfähigkeits- und Konzentrationsstörungen. Auf körperlicher Ebene kommen Kopfschmerzen, Kloß im Hals, Atemstörungen, Herzenge und Herzschmerzen, Muskelverspannungen und Verdauungsbeschwerden häufig vor.

Abweichend von dem Bild des depressiven Syndroms geht die Winterdepression allerdings nicht mit den üblichen Ein- und Durchschlafstörungen, sondern mit einem auffallend erhöhten Schlafbedürfnis einher, wobei auch längere Schlafphasen nicht erholsam sind und die Betroffenen sich müde und erschöpft fühlen. Auch Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust kommen weniger vor, dafür aber ein gesteigertes Essbedürfnis mit Verlangen nach Kohlenhydraten (Heißhunger auf Süßes) und Gewichtszunahme.

Ursachen für Winterdepression

Allgemein wird für die Entstehung einer Winterdepression in erster Linie der Lichtmangel in der Zeit von November bis Februar verantwortlich gemacht, der sich auf den Gehirnstoffwechsel auswirken soll. Die Zirbeldrüse, die sich oberhalb des Mittelhirns befindet, ist sensibel für Hell-Dunkel-Reize und reagiert dabei mit der Ausschüttung des Hormons Melatonin. Ein erhöhter Melatoninspiegel wirkt sich u.a. einschränkend auf die Aufmerksamkeit aus und beeinflusst die Ausschüttung weiterer Hormone. Es findet sich darüber hinaus ein Ungleichgewicht im Haushalt der Neurotransmitter. Dabei soll ein Mangel des „Wohlfühlhormons“ Serotonin eine besondere Rolle spielen. Die genauen Zusammenhänge gelten jedoch bisher als wissenschaftlich nicht ausreichend erforscht.

Ein wenig beachteter Aspekt ist die negative Einstellung und damit verbundene Erwartung an die kalte Winterzeit. Vielfach wird die vergehende Leichtigkeit des Sommers mit vermehrter Geselligkeit, Veranstaltungen und Freizeitmöglichkeiten als schmerzlicher Verlust betrauert und die Chancen dieser introvertierten Zeit nicht genutzt. So kann zum Beispiel Erlebtes und (vielleicht) Neues sich in der Zeit des vorübergehenden Rückzugs „setzen“, innerlich sortiert und integriert werden.

Winterdepression durch angesammelte Körperschlacke

In der traditionellen indischen Heilkunde, dem Aryurveda, wird die Entstehung von Depressionen, Ängsten, Antriebsarmut und Erschöpfung aber auch Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen und Verdauungsprobleme einer Ansammlung von Giftstoffen im Körper zugeschrieben. Diese, als „Ama“ bezeichneten Schlacken können sowohl körperlicher als auch psychischer Natur sein. Auf körperlicher Ebene entstehen sie danach aus unverdauten Nahrungsbestandteilen und nicht ausgeschiedenen Abfallprodukten des Stoffwechsels. Psychisch entsteht „Ama“ durch negative Gefühle, die festgehalten werden.

Auch in der westlichen Naturheilkunde vermutet man neben dem Lichtmangel ein Übermaß an Stoffwechselschlacken als Auslöser von Depression. Diese entsteht u.a. durch Übersäuerung, die in eine gestörte Feindurchblutung des Gewebes mit Sauerstoffmangel mündet. Dadurch können Abfallprodukte nicht ausreichend abtransportiert und aus dem Körper ausgeschieden werden. Darüber hinaus werden Vitamin- und Enzymmangel vermutet, die aus dem gestörten Stoffwechsel entstehen oder ihn mitbedingen. Genau wie im Fall chronischer Müdigkeit und Erschöpfung geht man hier nicht zuletzt von einer Überlastung der Leber als „Entgiftungszentrale“ aus.

Behandlungsmöglichkeiten aus der Naturheilkunde

Ist eine Neigung zur Winterdepression bereits bekannt, kann eine zunächst professionell begleitete Heilfastenkur im Herbst mit anschließender Umstellung auf säurearme und vitalstoffreiche Kost den Beschwerden wirksam vorbeugen. In der Naturheilpraxis werden unterstützend nach individueller Diagnostik Maßnahmen zur Entsäuerung und Entgiftung ergriffen sowie die Ernährungsumstellung begleitet. Manchmal kann auch eine Sauerstoffbehandlung hilfreich sein.

Zur Optimierung der Serotoninproduktion stehen Arzneimittel mit der Aminosäure L-Tryptophan zur Verfügung, das für die Bildung des Neurotransmitters notwendig ist. Ein ähnlicher Wirkmechanismus soll durch die regelmäßige Einnahme getrockneter und gemahlener Pflanzenrohkost am Morgen in Gang gesetzt werden. Ausgleichend und entspannend auf den gesamten Organismus wirken sich Yoga, Atemtherapie und Meditation aus, die einzeln und in Gruppen angeboten werden.

Johanniskraut gegen Winterdepression

Johanniskraut gilt als „Sonnenfänger“ gegen Winterdepression. Gegen depressive Verstimmung ist ein Kraut gewachsen: Arzneimittel der ersten Wahl sollte stets Johanniskraut sein. Sein Wirkstoffkomplex ist schon lange für eine antidepressive Wirkung bekannt und inzwischen sogar wissenschaftlich anerkannt. Bereits Paracelsus kannte die heilende Wirkung auf Psyche und Nervensystem, wenn er im 16. Jahrhundert Johanniskraut als eine Universalpflanze beschrieb, die auch gegen „eingebildete Stimmen, Wahnsinn und Aberwitz“ einzusetzen sei.

Der Johannistag (Sommersonnenwende) ist der Tag mit dem höchsten Sonnenstand und zugleich der Zeitpunkt, an dem die Heilpflanze traditionell gesammelt wurde. Als Sonnenfänger und – lieferant soll das Johanniskraut damit das höchste Maß an Licht in sich aufgenommen haben. Die wissenschaftliche Entsprechung dieser Beobachtungen und Erfahrungen stellte vor allem den Inhaltsstoff Hypericin in den Mittelpunkt. Hypericin macht uns lichtsensibler, was sich sowohl ausgleichend auf die Melatoninbildung in der Zirbeldrüse als auch auf den Serotoninhaushalt im Gehirn auswirkt. Dennoch ist anzunehmen, dass erst das Zusammenspiel der verschiedenen Wirkstoffe in der Heilpflanze das volle Wirkspektrum des Johanniskraut entfalten.

Licht, Luft, Farben und Bewegung

Immer wieder werden Lichttherapien empfohlen, um die winterlichen Depressionen zu vertreiben. Dabei ist es wahrscheinlich effektiver, täglich einen ausgedehnten Spaziergang von ca. einer Stunde zu unternehmen, um ausreichend Tageslicht für die Bildung wichtiger Hormone aufzunehmen. So sind z.B. laut Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits zehn Minuten Tageslicht bei bedecktem Himmel täglich ausreichend, um das Hormon Calciferol (Vitamin D) in der benötigten Menge zu produzieren.

Bewegung und frische Luft regen weiterhin körperliche Funktionen an und klären den Geist. Dabei wirken besonders Spaziergänge in der Natur entspannend und stimmungsaufhellend.

Auch Farben wirken sich –ähnlich wie natürliches Licht- positiv auf die Stimmung aus. Deshalb ist es empfehlenswert, sich im Winter mit leuchtenden warmen Farben zu umgeben, sei es in der Wohnung, beim Kochen oder bei der Kleiderwahl.
Diese und andere Maßnahmen aus der Naturheilkunde können ebenso wie zahlreiche Hausmittel gegen Winterdepressionen durch die dunkle Jahreszeit helfen oder dem Wintertief sogar vorbeugen. (jvs)

Bildnachweis: sokaeiko  / pixelio.de

Zum Weiterlesen

Lad/Frawley: Die Aryurweda Pflanzenheilkunde, Winpferd 200016351a2cc0b08c03g/Hoffmann: Nahrung für deine Seele, Ariane Verlag 1994
Johanniskraut- Eurobooks Ratgeber, Geneva 1998