Abrechnungsbetrug an der Schweriner Helios-Klinik?

Fabian Peters

Abrechnungsbetrug an der Schweriner Helios-Klinik? Krankenkassen stellen Strafanzeige aufgrund von Unstimmigkeiten bei der Abrechnung von Behandlungen im Bereich der plastischen Chirurgie.

20.01.2011

Drei Krankenkassen haben bei der Schweriner Staatsanwaltschaft Anzeige gegen einen Arzt der Helios-Klinik wegen Abrechnungsbetrug gestellt. Die Klinik räumte „Unstimmigkeiten zu Abrechnungsfragen der Plastischen Chirurgie“ ein.

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Nachdem der Medizinischen Dienst und mehreren Krankenkassen in Mecklenburg-Vorpommern Unstimmigkeiten bei der Abrechnung verschiedener Behandlungen im Bereich der plastischen Chirurgie der Helios-Klinik festgestellt hatten, haben drei Krankenkassen Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Schwerin erstattet. Wie die Staatsanwaltschaft am Dienstag mitteilte, werden momentan mehrere Anzeigen geprüft. Die Leitung der Helios-Klinik zog nach den ersten Vorwürfen des Abrechnungsbetrugs bereits im Mai 2010 Konsequenzen. So werden die Ärzte in der Plastischen Chirurgie seither intensiver als zuvor bei der Codierung ihrer Fälle unterstützt und alle Einzelfälle in der Abteilung des Medizincontrolling intern geprüft. Darüber hinaus erfolgen täglich Kontrollen und jährlich werden zentrale Schulungen zur Codierung angeboten, so die Aussage in der Stellungnahme der Helios-Klinik.

Krankenkassen erstatten Anzeige wegen Abrechnungsbetrug
Sowohl die Barmer GEK, als auch die Techniker Krankenkasse (TK) und die AOK haben bei der Staatsanwaltschaft Schwerin Anzeige wegen Abrechnungsbetruges gestellt. Nachdem offenbar der Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) als erstes auf die fragwürdige Praxis in der Helios-Klinik stieß, zog die AOK ihre interne Rechnungskontrolle, die sogenannte Task Force, hinzu und stellte bei der Überprüfung der Belege mehrere Unstimmigkeiten fest. Die AOK erstattet daraufhin Anzeige wegen Abrechnungsbetruges. Die Barmer GEK hat der Staatsanwaltschaft ihrerseits bislang zehn Fälle übergeben und 30 weitere Fälle sind nach Mitteilung des Unternehmens in Vorbereitung. Auch die TK hat bei der Prüfung von 60 Prozent der rund 3.500 Behandlungsfälle ihrer Versicherten in der Helios-Klinik im Jahre 2010 in 28 Fällen Auffälligkeiten festgestellt und zwei davon zur Anzeige gebracht. Außerdem stellte die TK fest, dass im Jahr 2010 an der Helios-Klinik im Vergleich zum Vorjahr rund 20 Prozent mehr Versicherte behandelt wurden, was für die Krankenkasse eine Kostensteigerung von 17 Prozent bedeutete.

Brustkrebs-OP abgerechnet obwohl kein Brustkrebs vorlag
Nach Angaben des Senders „NDR 1 Radio MV“ haben die Krankenkassen festgestellt, dass zum Beispiel eine Brustkrebs-Operation abgerechnet wurde, obwohl die Patientin nicht unter Brustkrebs litt. Auch seien in einem weiteren Fall die Behandlungskosten für eine akute Verbrennung abgerechnet worden, wobei der Patient jedoch erst 40 Jahre nach der Verbrennung die Klinik aufsuchte, um seine Narben behandeln zu lassen. Allein durch diesen einen Fall sei der Versicherung einen Schaden von rund 30.000 Euro entstanden. Wie hoch der entstandene Schaden insgesamt sein könnte, ist nach Aussage der Krankenkassen bislang kaum abzuschätzen. Insgesamt stellen Falschabrechnungen der Ärzte und Krankenhäuser jedoch ein wachsendes Problem dar, wie auch die Zahlen der TK zu den jährlichen Rückforderung aufgrund von Abrechnungsauffälligkeiten bestätigen. Diese sind nach Angaben der TK in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Während die TK 2005 bundesweit noch 22 Millionen Euro Rückforderungen an die Leistungserbringer stellte, waren es 2010 mehr als 84 Millionen Euro.

Komplexes Codierungsverfahren oft Ursache für Abrechnungsfehler
Dabei ist jedoch eher selten absichtlicher Abrechnungsbetrug zu unterstellen, sondern ein Großteil den Abrechnungsfehler wird schlichtweg durch das enorm komplexe Codierungsverfahren der Krankheiten bzw. der entsprechenden medizinischen Leistungen bedingt. Allerdings hat auch die Zahl der mutwillig gefälschten Abrechnungen nach Einschätzung der Krankenkassen in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Nicht zuletzt aufgrund des gestiegenen Wettbewerbsdrucks im Gesundheitswesen lassen sich immer wieder Ärzte zu Tricksereien bei der Codierung verleiten, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Den aktuellen Vorwürfen zufolge hat auch der nun angezeigt Arzt diese Möglichkeit genutzt, um dem seit der Privatisierung im Jahr 2005 deutlich gestiegenen finanziellen Druck der Helios-Klinik zu begegnen. Zu möglichen personellen Konsequenzen wollte sich die Klinikleitung allerdings vorerst nicht äußern, betonte jedoch, dass die Vorwürfe mit den betroffenen Krankenkassen erörtert wurden. Klinik und Krankenkassen hätten sich auf das weitere Vorgehen verständigt, bestätigte auch die AOK. Im Vergleich zum Vorjahr ist ein deutlicher Anstieg von falschen Abrechnungen im Gesundheitswesen zu beobachten. (fp)