Bei zu kurzem Schlaf Heißhunger auf Dickmacher

Astrid Goldmayer

Wenig Schlaf macht Heißhunger

14.06.2012

Wer zu wenig schläft, hat mehr Appetit auf Dickmacher. Das ergaben zwei Studien von US-Forschern, die jüngst im Rahmen der „SLEEP 2012”, der Jahrestagung der Associated Professional Sleep Societies, in Boston vorgestellt wurden. Demnach hängen Schlafmangel und Übergewicht häufig zusammen.

Zwischen Schlafmangel und Übergewicht besteht ein Zusammenhang
Menschen, die zu wenig schlafen, haben mehr Appetit auf ungesundes Essen. Durch den Schlafentzug werden bestimmte Belohnungszentren im Gehirn aktiviert, die für den Belohnungseffekt nach Kalorienbomben verlangen. Zudem werden übergeordnete Hirnfunktionen, die für vernunftgesteuerte Entscheidungen zuständig sind, beeinträchtigt. Bereiche, die mit dem Instinkt zusammenhängen, funktionieren jedoch weiterhin normal. Folglich können Entscheidungen mit dem Verstand – wie dem Verlangen nach ungesundem Essen zu widerstehen – nicht effektiv oder nur eingeschränkt getroffen werden. Erhält der Mensch ausreichend Schlaf, funktionieren die Hirnareale normal, so dass kein überdimensionales Verlangen nach ungesundem Essen entsteht. US-Forscher sind dem Zusammenhang zwischen Schlafmangel und Übergewicht mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) auf die Spur gekommen. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Individuen bei eingeschränktem Schlaf ungesunde Nahrungsmittel hochgradig auffällig und belohnend finden“, berichtet Marie-Pierre St-Onge vom Columbia University Medical Center. Daraus resultiere der verstärkte Konsum von diesen Lebensmitteln und der typische Heißhunger.

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Für ihre Untersuchung analysierten St-Onge und ihre Kollegen die Hirnaktivität von 25 Frauen und Männern, denen Bilder von gesunden und ungesunden Lebensmitteln gezeigt wurden. Die fMRI-Scans wurden aufgenommen, als die Probanden jeweils höchsten vier Stunden geschlafen hatten und nach fünf Nächten, in den sie bis zu neun Stunden geschlafen hatten. Die Forscher verglichen die Aufnahmen und stellten fest, dass dieselben Hirnareale, die beim Ansehen der Bilder mit ungesundem Essen aktiv waren, bei den Bildern mit gesunden Nahrungsmitteln nicht aktiv waren. Das sei jedoch ein auf Schlafmangel beschränktes neuronales Muster, betonte St-Onge. Die Ergebnisse würden darauf hinweisen, dass die Neigung, der Versuchung von ungesundem Essen zu widerstehen, bei Schlafmangel weniger ausgeprägt sei als nach ausreichend Schlaf.

Durch Schlafmangel werden Hirnareale für vernunftgesteuerte Entscheidungen beeinträchtigt
Über die zweite Studie berichtete Stephanie Greer vom Sleep and Neuroimaging Laboratory an der University of California in Berkeley bei der Jahrestagung: „Unser Ziel war es herauszufinden, ob bestimmte, an der Verarbeitung von Nahrungsreizen beteiligte Hirnregionen durch Schlafentzug beeinträchtigt werden.“ 23 gesunde Erwachsene wurden in zwei Sitzungen zu ihrer Lust auf unterschiedliche Lebensmittel befragt, während fMRI-Scans durchgeführt wurden. Während die Probanden vor einer der Sitzung ausreichend geschlafen hatten, erschienen sie zu der anderen, nachdem sie zu wenig Schlaf bekommen hatten.

Es stellte sich heraus, dass der Schlafentzug wesentlich auf die Aktivität des Frontallappens im Gehirn Einfluss nahm. Dieser Bereich ist maßgeblich an der Verhaltenskontrolle sowie komplexen Entscheidungen beteiligt. Die Hirnregionen, die mit grundlegenden Belohnungsreaktionen in Zusammenhang stehen, wurden dagegen nicht beeinflusst. Demnach könne Schlafmangel dazu führen, dass höhere Hirnfunktionen dem instinktgesteuerten Verlangen nicht mehr entgegenwirken können, so Greer. „Diese Ergebnisse beleuchten wie das Gehirn durch Schlafentzug beeinträchtigt wird, was zur Auswahl ungeeigneter Lebensmittel führt.“

Schlafmangel verlangsamt Stoffwechsel
Orfeu Buxton vom Brigham and Women’s Hospital in Boston und sein Team fanden jüngst heraus, dass Schlafmangel eine Unterfunktion der Bauchspeicheldrüse begünstigt. Menschen, die im Schichtdienst tätig sind oder häufig interkontinentale Flüge absolvieren müssen, haben demnach ein erhöhtes Risiko für Diabetes Typ II. Der Schlafmangel und eine Verschiebung des des Tag-Nacht-Rhythmuses führt laut Wissenschaftlern zu eine Störung der inneren Uhr. Dadurch könne die Bauchspeicheldrüse nur noch eine geringere Menge Insulin produzieren und sich der Zucker im Blut konzentrieren. Der erhöhte Blutzuckerspiegel könne wiederum Diabetes auslösen. Zudem stellten die Forscher fest, dass die Probanden einen verlangsamten Stoffwechsel im Ruhezustand aufwiesen, was die Entstehung von Übergewicht begünstigen kann. (ag)