Boreout als Folge von Langeweile am Arbeitsplatz

Fabian Peters

Langeweile am Arbeitsplatz Hauptauslöser des Boreout-Syndroms

04.01.2012

Burnout ist als Folge zu hoher Belastung bei der Arbeit ein relativ bekanntes Phänomen. Ähnlich gravierend sind jedoch die psychischen Beeinträchtigungen durch eine dauerhafte Unterforderung während der beruflichen Tätigkeit, die unter dem Begriff Boreout-Syndrom zusammengefasst werden.

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Das Boreout-Syndrom beschreibt die psychischen Folgen einer dauerhaften Unterforderung bei der Arbeit. Durch die anhaltende Langweile treten ähnliche Symptome auf, wie bei konstant zu hohen beruflichen Belastungen, erklärte der Psychotherapeut Wolfgang Merkle aus Frankfurt gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Dem Experten zufolge ist der Unterschied zum Burnout lediglich, dass die Erschöpfung beim Boreout durch den Stress der Unterforderung und nicht durch die Überforderung verursacht wird.

Psychische Folgen des Boreout ähnlich dem Burnout-Syndrom
Das Phänomen des Boreout ist weit weniger bekannt, als die in den letzten Jahren verstärkt öffentlich diskutierte Thematik des Burnout, hat für die Betroffenen jedoch ähnlich gravierende psychische Folgen. Dem Wortstamm nach leitet sich Boreout vom englischen Wort „boredom“ (Langweile) ab, ist jedoch keinesfalls mit Faulheit gleichzusetzen. Im Gegenteil: Die Betroffenen sind eigentlich äußerst leistungsbereit, doch ihr Potenzial wird auf der Arbeit nicht ansatzweise abgerufen. Sie fühlen sich durch langweilige Bürotätigkeiten wie beispielsweise Aktenablage, E-Mails sortieren oder das stumpfe Ausfüllen von Dokumenten konstant unterfordert. Die Folge ist im schlimmsten Fall ein Boreout-Syndrom bei dem die Betroffenen mit ähnlichen psychischen Beeinträchtigungen zu kämpfen haben, wie beim Burnout, erklärte der Psychotherapeut Wolfgang Merkle. Dem Experten zufolge ist unsere Gesellschaft an dieser Stelle „gewissermaßen geteilt: Burnout haben die Erfolgreichen. Die bekommen das ganze Interesse“, während Menschen mit Boreout deutliche weniger Beachtung finden, „obwohl sie fast die gleichen Symptome haben.“

Körperliche und psychische Beeinträchtigungen durch Boreout
Als typische Anzeichen des Boreout-Syndroms beschreibt der Psychotherapeut eine anhaltende Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, chronische Müdigkeit, Schlafstörungen und die Unfähigkeit, das Leben zu genießen. Hinzu kommen körperliche Symptome wie Bauchschmerzen, Magenbeschwerden, Schwindel, Kopfschmerzen und Ohrensausen beziehungsweise Tinnitus. Die Betroffenen haben oftmals „zuerst so ein dumpfes Empfinden im Hintergrund, dass irgendetwas falsch läuft“, erklärte Wolfgang Merkle. Die fehlende berufliche Auslastung entstehe meist durch zu wenige und falsche Aufgaben, was für die Betroffenen auf Dauer eine Art Unterforderungsstress mit sich bringe. Als Beispiel nannte der Psychotherapeut einen exzellenten Schachspieler, der immer nur Mühle und Dame spielen dürfe. Die Diskrepanz zwischen den eigenen Fähigkeiten und den gestellten Anforderungen könne in Kombination mit fehlender Anerkennung Stress auslösen, der langfristig zu einer erheblichen psychischen Belastung wird, betonte Merkle.

Quantitative und qualitative Unterforderung Ursache des Boreout
Der Schweizer Unternehmensberater Peter Werder erläuterte gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“ beispielhaft eine typische Ereigniskette, die bei Berufstätigen zum Boreout führen kann. So erhoffen sich die Betroffen bei Antritt einer neuen beruflichen Tätigkeit aufgrund der Ausschreibung und des Bewerbungsgesprächs oftmals eine auslastende verantwortungsvolle Position, der Arbeitsalltag stellt sich jedoch deutlich anders dar. Zum Beispiel bewirbt sich jemand als Projektleiter mit internationaler Erfahrung, die Position umfasst jedoch nicht die Projektleitung, sondern lediglich eine Unterabteilung bei der nur selten internationale Erfahrung und Sprachkenntnisse gefordert sind, erklärte Werder. Für die Betroffenen sei dies eine quantitative und qualitative Unterforderung. Anfangs mögen sich die meisten Betroffenen noch mit der Situation arrangieren und möglicherweise die geringe Auslastung bei der Arbeit sogar genießen, doch auf Dauer ist „man ist eben unterfordert“, betonte der Unternehmensberater. „Die eigentliche Schwierigkeit ist, zu realisieren“, dass die geringen Anforderungen der Grund sind, „warum man am Abend müde ist“, erläuterte der Experte.

Beim Boreout sind laut Peter Werder eine qualitative und quantitative Unterforderung meist eng miteinander verbunden. Denn die quantitative Unterforderung versuchen die Betroffenen oftmals mit sogenannten Verhaltensstrategien zu überdecken. Das heißt die Boreout-Patienten verfallen in Aktionismus, mit dem sie versuchen ihr Nichtstun zu kaschieren, so die Aussage des Experten. Mitunter würden die Betroffenen den ganzen Tag im Büro verbringen und eine Überlastung simulieren, womit Boreout-Patienten ihr Problem praktisch ins Gegenteil umkehren, erläuterte der Unternehmensberater. So verfolgen viele Betroffene paradoxerweise eine Art Burnout-Strategie, betonte Werder. Die Boreout-Patienten seien keineswegs einfach nur faul, sonder wollen „ja arbeiten“ und leiden darunter, dass sie es nicht können“, erklärte der Experte. Auch der Psychotherapeut Wolfgang Merkle bestätigte, dass Boreout daher in der Regel eher die Leistungsbereiten treffe.

Maßnahmen ergreifen um Langeweile und Boreout zu vermeiden
Neben der allgemeinen Unterforderung kann laut Aussage des Experten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Jörg Feldmann, auch die dauerhafte Beschäftigung mit Teilaufgaben die Entstehung des Boreout-Syndroms verursachen. Denn für die Beschäftigten sei es aus psychologischer Sicht langfristig wichtig, auch mal ein Erfolgserlebnisse zu haben und Dinge abzuschließen, betonte Feldmann gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Wer seinen Arbeitsalltag als wenig auslastend empfindet und die Gefahr erkennt, an Boreout zu erkranken, sollte laut Aussage von Wolfgang Merkle möglichst früh Initiative ergreifen und seinen Arbeitgeber auf die bestehenden Probleme ansprechen. Hier könne zum Beispiel Teilzeitarbeit eine Lösung sein. Die Betroffenen sollten ihren Chef gegebenenfalls auch darauf hinweisen, dass die eigene Stelle eigentlich keine Vollzeit- sondern maximal eine 80-Prozent-Stelle sei, rät der Experte. Dies könne mitunter zwar weniger Gehalt bedeuten, doch die Betroffenen seien im Büro fortan wieder ausgelastet, und könnte die freie Zeit sinnvoller für andere Tätigkeiten nutzen, so Merkle.

Bei Anzeichen auf Boreout ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen
Zeigen sich bereits typische Anzeichen des Boreout und Erschöpfungsdepressionen, rät der Psychotherapeut den Betroffenen sich dringend ihrem Hausarzt anzuvertrauen und diesem die Symptome zu beschreiben. In den meisten Fällen folge anschließend eine Überweisung zum Facharzt für psychosomatische Medizin, der mitunter die Beschwerden bereits im Rahmen von „ein bis zwei Gesprächen pro Woche“ beheben kann, erläuterte Merkle. Doch auch mit Unterstützung eines Facharztes lässt sich das Boreout laut Aussage des Psychotherapeuten nicht immer beheben. Hier helfe nur noch die Kündigung des bestehenden Arbeitsverhältnisse, betonte Merkle. (fp)