Bundesärztekammer empfiehlt Placebo Einsatz

Sebastian

Jeder zweite Arzt in Deutschland verabreichte schon einmal ein Placebo. Die Bundesärztekammer empfiehlt Medizinern in einigen Fällen verstärkt auf Scheinpräparate zurückzugreifen.

02.03.2011

Jeder zweite Mediziner gibt offen zu, schon einmal einem Patienten ein wirkungsloses Mittel verschrieben zu haben. Das berichtet eine aktuelle Studie der Bundesärztekammer in Berlin. Dieser Umstand als solches ist allerdings kein Medizinskandal, weil Placebos tatsächlich eine heilende Wirkung entfalten können. Daher empfiehlt die Ärztekammer Medizinern, zukünftig verstärkt auf scheinbare Arzneien, vorgebliche therapeutische Behandlungsmethoden und wirkungslose Spritzen zurückzugreifen. In mehreren Studien konnte ein sogenannter Placebo-Effekt bereits erwiesen werden. Das positive daran, die Mittel sind zwar frei von medizinischen Inhaltsstoffen, dafür müssen aber auch keine gesundheitsschädliche Nebenwirkungen befürchtet werden. Zudem reduzieren sich die Ausgaben im Gesundheitssystem und trotzdem können positive Resultate erzielt werden.

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Studien beweisen Heilwirkungen von Scheinmitteln
„Ihr Einsatz ist von enormer Bedeutung für die ärztliche Praxis“, sagte Prof. Dr. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer (BÄK), bei der Vorstellung der jetzt in Buchform vorliegenden Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK „Placebo in der Medizin“. Denn Forscher können die Wirkungsweisen von Scheinarzneien sogar im Gehirn nachweisen. Eine Vielzahl von Studien legt nahe, dass vor allem die Aktivierung der Stirnlappen die Wirkungsweise des Effekts erklären kann. Prof. Dr. med. Robert Jütte, der auch Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung ist, betonte, dass Placebos nicht nur in der klinischen Forschung als Kontrollgruppe eine zentrale Rolle spielten, sondern auch in der effektiven Behandlung von Erkrankungen. Demnach sind die Mittel keine bloße Einbildung, da klinisch gesehen tatsächlich ein Effekt in Gang gesetzt wird. Bis heute haben Wissenschaftler keine nachvollziehbare Erklärung für diesen Effekt. Eine Vermutung ist, dass eine Wirkung von der Erwartungshaltung oder der Lernerfahrung des Patienten abhängt. Viele Menschen gehen von dem Umstand aus, „wenn ich eine Mittel einnehme, gehen auch die Schmerzen weg“. Oder sie haben bereits eine Positiverfahrung gemacht und der Organismus geht nunmehr von einem Heilungsprozess aus und setzt selbst immunisierende oder schmerzstillende Wirkungsweisen in Gang. Der Studienautor Jütte sagte, neuere Studien hätten sogar ermittelt, dass Scheinmedikamente noch bessere Heilungschancen entfalten, wenn der behandelnde Arzt die Mittel als „hochpreisig“ anpreist.

Placebo und ethischer Grundsatz
Nun bleibt allerdings die Frage, in welchen Patientenfällen der Einsatz eines Placebo den ethischen Grundsätzen einer ärztlichen Therapie entspricht. Ebene jene Frage will der Report „Placebo in der Medizin“ beantworten. Ein Verabreichung ist beispielsweise in dem Moment nicht möglich, wenn ein Arzt seinem Patienten ein tatsächlich wirksames Medikament vorenthält oder sich durch die Gabe des Scheinmittels der Gesundheitszustand des Erkrankten verschlechtert. Auch müsse ein Mediziner immer über mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufklären. Das gelte auch dann, wenn das Mittel eigentlich ein Scheinmedikament ist. Aber wirken die Scheinpräparate dennoch, wenn der Patient hiervon in Kenntnis hatte? Ja, meint Jütte. Weitere Studien hätten nach Angaben des Wissenschaftlers erwiesen, dass Placebos auch dann wirken, wenn der Betroffene davon weiß, dass in dem Mittel eigentlich kein Arzneimittelwirkstoff enthalten ist. Denn Placebos wirken auch ohne Täuschung.

Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Peter Scriba, erklärte im Vorwort der Publikation, dass die Studie beide Bereiche des Einsatzes von Placebo, Klinische Studien und therapeutische Praxis, gleichermaßen berücksichtige. Dabei werde nicht zuletzt auf die ethische Problematik, aber auch auf die weniger bekannten rechtlichen Rahmenbedingungen detailliert eingegangen. „Das gilt insbesondere in Hinblick auf eine Sondergruppe, die Nicht-Einwilligungsfähigen, zu denen in der Literatur über Placebo bislang wenig zu finden war“, betonte Scriba. Insgesamt sei der Einsatz von Placebos in der Medizin durchaus wünschenswert. Denn mit „dem Einsatz von Placebos lassen sich erwünschte Arzneimittelwirkungen maximieren, unerwünschte Wirkungen von Medikamenten verringern und Kosten im Gesundheitswesen sparen.“

88 Prozent der bayrischen Ärzte verwenden Scheinmedikation
Während der Vorstellung des neuen Reports in Berlin verwies der Autor auf eine Umfrage unter niedergelassenen Allgemeinmedizinern in Bayern. 88 Prozent der Hausärzte gaben an, ein Placebo bereits eingesetzt zu haben. Rund 72 Prozent der Schweizer Medizinkollegen sagten bei einer Umfrage, im Praxisalltag auf ein Placebo zurückzugreifen. Jütte schließt daraus, dass in Deutschland „über 50 Prozent der Ärzte sie in der therapeutischen Praxis nutzen“.

Was ist in Placebos enthalten?
Zum Einsatz kommen in der Praxis zumeist Vitaminpräparate oder Scheinakupunkturen. Andere Mediziner haben ein „Bündnis“ mit Apothekern geschlossen, die dann auf Rezept bunte Zuckerpillen ausgeben. Manchmal kommt es auch vor, dass der Arzt eine Spritze ohne Wirkstoffe setzt. In seltenen Fällen werden sogar sogenannte Scheinoperationen unternommen. Sprich, bei der Operation wird im eigentlichen Sinne kein medizinischer Eingriff vorgenommen.

Täuschung oder Heilung
Doch müssen Patienten nun den Verdacht erheben, sie werden von ihren Ärzten nicht ernst genommen oder nicht richtig behandelt? Was sich zunächst wie eine Täuschung anfühlt, hilft aber in vielen Fällen. Laut Prof. Jütte konnten Scheinarzneien z.B. bei Magengeschwüren in 59 Prozent der Fällen einen Heilungseffekt erringen. Auch bei psychischen Störungen konnten bereits sehr gute Ergebnisse beobachtet werden. So wirken Placebos teilweise ebenso gut, wie starke Psychopharmaka, die mitunter starke Nebenwirkungen aufweisen. Die Expertise „Placebo in der Medizin“ (ISBN 978-3-7691-3491-9), herausgegeben von der Bundesärztekammer auf Empfehlung ihres Wissenschaftlichen Beirats kann beim Deutschen Ärzte-Verlag erworben werden. (sb)