Demenz: Ein wachsendes gesellschaftliches Problem

Fabian Peters

Demenz wird zu einem wachsenden gesellschaftlichen Problem

29.08.2011

Mehr als eine Millionen Menschen leiden in Deutschland unter der neurodegenerativen Erkrankung Demenz – Tendenz stark steigend. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl der pflegebedürftigen Demenz-Patienten voraussichtlich verdoppelt, so die Aussage im Demenz-Report 2011 des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Damit verbunden sind erhebliche Herausforderungen an das Gesundheitssystem und die Angehörigen der Betroffenen.

Mehr zum Thema:

Auf dem Thementage „Versorgung von Menschen mit Demenz“ am 28. September werden die Experten daher unter anderem aktuelle Betreuungskonzepte vorstellen und diskutieren. Sollte in den nächsten Jahren kein Durchbruch bei der Behandlung von Demenz gelingen, wird diese zu einer ganz „normalen Begleiterscheinung des Alters“, so die Darstellung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Den Experten zufolge steigt die Anzahl der Betroffenen im Zuge des demografischen Wandels dramatisch. Gleichzeitig schwinden die Pflegemöglichkeiten in der Familie, da immer weniger junge Menschen zur Verfügung stehen, um die älteren Betroffenen zu Hause zu versorgen, warnt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft.

2,6 Millionen Demenz-Patienten im Jahr 2050
Dem Demenz-Report 2011 zufolge leiden derzeit bereits rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland unter Demenz, zwei Drittel von ihnen unter Alzheimer. Bis 2030 wird sich Anzahl der pflegebedürftigen Demenz-Patienten voraussichtlich auf zwei Millionen erhöhen, bis 2050 sogar auf 2,6 Millionen, so die Aussage des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Während die Zahl „der pflegebedürftigen Patienten mit Demenz wächst, verringern sich die Pflegemöglichkeiten innerhalb der Familien, und professionelles Pflegepersonal kann dies nicht auffangen“, erklärte die Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Sabine Jansen, im Vorfeld des Thementages „Versorgung von Menschen mit Demenz“. Vor allem in den Regionen, die aufgrund von Abwanderungsverlusten schon heute mit einen erheblichen Rückgang der Bevölkerung und einer deutliche Überalterung zu kämpfen haben, könnte die wachsende Anzahl von Demenz-Patienten nach Einschätzung von Sabine Jansen in den kommenden Jahren zu einem ernsthaften gesellschaftlichen Problem werden. Zu diesen durch Abwanderung geprägten strukturschwachen Regionen zählen laut Aussage der Experten unter anderem weite Teile Mecklenburg-Vorpommerns, Randgebiete Brandenburgs sowie einige periphere Regionen in Sachsen-Anhalt und Sachsen. Der durchschnittlich Anteil der Demenz-Patienten an der Bevölkerung reicht hier bis zu 2.190 Personen je 100.000 Einwohner wohingegen deutschlandweit im Durchschnitt lediglich rund 1.600 Erkrankungen je 100.000 Einwohner auftreten, betonte die Expertin.

Pflege durch Familienangehörige
Bei Alzheimer, als häufigste Form der Demenz-Erkrankungen, bilden sich Eiweißablagerungen im Gehirn der Betroffenen, stören so die Reizübertragung zwischen den Gehirnzellen und verursachen auf Dauer ein Absterben der Hirnzellen und einen vollständigen Gedächtnisverlust der Patienten. Dabei geht den Betroffenen nicht nur erlerntes Wissen, sondern mit Fortschreiten der Erkrankung auch ihre Persönlichkeit verloren. Da die Alzheimer-Patienten zusehends die zeitliche und räumliche Orientierung verlieren, sind sie rund um die Uhr auf intensive Pflege angewiesen. Rund zwei Drittel der Betroffenen werden laut Aussage der Deutschen Alzheimer Gesellschaft von Familienangehörigen zu Hause gepflegt. Der Sozialverband VDK plädierte daher bereits Anfang des Jahres dafür, Demenzkranke stärker in die Pflegeversicherung einzubeziehen, denn „häusliche Pflege ist ein gutes Beispiel für gelebte Generationssolidarität“, so die Präsidentin des Sozialverbands, Ulrike Mascher. Für die Angehörigen stellt die Pflege der Demenz-Patienten laut Aussage der Expertin oftmals eine enorme Belastung dar, doch eine Unterbringung sämtlicher Betroffener in entsprechenden Pflegeeinrichtungen ist aus Kapazitätsgründen kaum zu bewerkstelligen.

Daher wird die Pflege durch Familienangehörige auch in Zukunft bei der Versorgung der Demenz-Patienten eine wesentliche Rolle spielen, erklärte Sabine Jansen. Doch im Zuge des demographischen Wandels steigt nicht nur die Zahl der Erkrankten, sondern parallel sinkt auch die Zahl der Personen, die eine Pflege der Demenz-Patienten übernehmen könnten. Außerdem werde in den strukturschwachen Regionen auch das für eine professionelle Versorgung der Patienten benötigte Pflegepersonal, schon heute immer knapper, so die Expertin weiter. Damit Demenzkranke „so lange wie möglich in ihren Wohnungen bleiben und am sozialen Leben teilnehmen können, brauchen wir neue Konzepte“, forderte daher die Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Diese neuen Ansätze zu Pflege von Alzheimer- und Demenz-Patienten sollen im Mittelpunkt der Thementages „Versorgung von Menschen mit Demenz“ stehen.

Neue Wege in der Versorgung von Demenz-Patienten
Als Beispiel für eine zukunftsfähige Gestaltung der Pflege von Demenz-Patienten nannte Sabine Jansen unter anderem eine spezielle Vorbereitung der Krankenhäuser auf die wachsende Anzahl der Betroffenen. Als positives Beispiel verwies die Expertin auf den „Freistaat Bayern“, wo „in Zusammenarbeit mit den Alzheimer Gesellschaften an sieben Standorten unter anderem Krankenhausmitarbeiter in einem Modellprojekt geschult“ werden. Vergleichbare Initiativen gebe es zum Beispiel auch in Niedersachsen. Außerdem sind neue Ansätze gefordert, um ein besseres Zusammenspiel von professioneller Pflege und ehrenamtlicher Betreuung zu erreichen, so Jansen weiter. Hierfür bestehen „erste Ansätze, von der Kurzschulung von Laienhelfern bis zur ehrenamtlichen Arbeit, in der würdevollen Sterbebegleitung“, die weiter ausgebaut werden sollten, erläuterte die Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Als positives Beispiel sei zum Beispiel das 2011 etablierte Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein, in dem mit finanzieller Unterstützung der Landesregierung vorhandene Angebote und der fachliche Austausch gebündelt werden, zu erwähnen. Auch das „Mehrgenerationenhaus Norden in Niedersachsen“ ist laut Aussage der Expertin eines der positiven Beispiel für die Versorgung der Demenz-Patienten. So werden hier an speziellen Begegnungstagen der Bewohner von Altenheimen und Kindertagesstätten auch die Demenz-Patienten einbezogen. Im Rahmen des Thementages werde in Leipzig außerdem die Arbeit weiterer Mehrgenerationenhäuser vorgestellt, die ihre Tagesangebote wie Yoga-Kurse oder Tanzgruppen zunehmend für Demenz-Patienten öffnen, berichtete die Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

Doch die Einrichtung entsprechender Pflegemöglichkeiten ist nur die eine Seite der Medaille, um die Versorgung der Demenz-Patienten in Zukunft zu sichern, erklärte Knut Bräunlich, Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Sachsen und Geschäftsführer der Sozialservice gGmbH der Stadt Rochlitz gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“. Für Knut Bräunlich ist die Behebung der Unterschiede bei den in Ost- und Westdeutschland gezahlten Pflegesätzen eine wesentliche Voraussetzung, um eine angemessene Versorgung der Patienten zu gewährleisten. „Zwischen stationären Einrichtungen in Sachsen und Baden-Württemberg betragen diese (Unterschiede) zum Beispiel bis zu 800 Euro monatlich pro Pflegestufe und Fall“, betonte der Fachmann. Auf diese Weise werden die Rahmenbedingungen in den ohnehin schon strukturschwachen Regionen weiter verschlechtert, so der Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Sachsen. Die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Ulrike Mascher, forderte generell mehr finanzielle Unterstützung, um eine angemessene Versorgung der Demenzkranken zu gewährleisten. Eine moderate Anhebung der Beiträge zur gesetzlichen Pflegeversicherung bei paritätischer Beteiligung der Arbeitgeber sei verkraftbar, „wenn dadurch notwendige Leistungsverbesserungen zuverlässig für längere Zeit solidarisch finanziert werden“, erklärte Ulrike Mascher. (fp)