DrEd: Erste Online-Arztpraxis in Deutschland

Fabian Peters

Umstrittenes Modell der Online-Arztpraxis nun auch in Deutschland

29.11.2011

Seit Sonntag ist auch in Deutschland die erste Online-Arztpraxis im Internet verfügbar, über die Patienten nicht nur eine Erstdiagnose zu bestimmten Erkrankungen erhalten, sondern auf eigenen Wunsch auch mit Rezepten und Medikamenten versorgt werden. Unmittelbar nach dem Start der neuen Online-Arztpraxis „DrEd“ meldeten sich bereits die ersten Kritiker und warnten vor den Risiken einer derartigen Ferndiagnose über das Internet.

Mehr zum Thema:

Die Online-Arztpraxis „DrEd“ hat ihren Geschäftssitz in London und wurde nach dem Vorbild des bereits seit längerem verfügbaren englischen Pioniers unter den Online-Arztpraxen entwickelt. Die von der Expert Health Ltd. gegründete Online-Arztpraxis „Dr. Thom“ war der Vorreiter auf diesem Gebiet und für die Initiatoren zudem eine gute Möglichkeit ihre eigenen Produkte zu vertreiben. Denn sowohl „Dr. Thom“ als auch die Apothekenkette, über die die entsprechenden Medikamente vertrieben werden, gehören, zur Celesio-Gruppe. Für den deutschen Markt haben David Meinertz und Amit Khutti gemeinsam mit den deutschen Ärzten Dr. Jasper Mordhorst und Sebastian Winckler nun die Online-Arztpraxis „DrEd“ins Leben gerufen.

Online-Arztpraxis bietet Sprechstunden zu verschiedenen Themenfeldern
Über die Online-Arztpraxis „DrEd“ können Interessierte ab sofort zu bestimmten Erkrankungen eine Erstdiagnose einholen und bei Bedarf auch mit den benötigten Medikamente versorgt werden. Dabei hat „DrEd“ keineswegs den Anspruch für jegliche gesundheitlichen Beschwerden eine ärztliche Unterstützung anzubieten, sondern beschränkt sich bewusst auf bestimmte Themenfelder. Dies sind zum Beispiel aus dem Bereich der Männergesundheit „männertypischen Beschwerden“ wie Impotenz, vorzeitiger Samenerguss oder Haarausfall, so die Aussage auf der Internetseite von „DrEd“. Weiter werden auf der Online-Arztpraxis im Bereich der Frauengesundheit Sprechstunden zu „frauenspezifische Themen“ wie der Pille und Blasenentzündung angeboten. Im Bereich der Sexualgesundheit bietet „DrEd“ eine Sprechstunden zu den sexuell übertragbaren Infektionen, bei der Sprechstunde zur Inneren Medizin bilden erhöhte Cholesterinwerte, Bluthochdruck und Asthma den Schwerpunkt und im Bereich der Allgemeinmedizin stehen die Raucher-Entwöhnung und Hautprobleme im Fokus der angebotenen Online-Sprechstunden. Auch zum Thema Reisemedizin bietet „DrEd“ Sprechstunden an, bei denen die ärztliche Versorgung reisetypischer Risiken und Beschwerden wie Malaria oder Reise-Durchfall im Mittelpunkt stehen.

Diagnose-Stellung mit Hilfe eines ausführlichen Fragekataloges
In den entsprechenden Kategorien der Online-Sprechstunden werden die Patienten zur Beantwortung eines umfassenden Fragenkataloges aufgefordert, wobei die Antworten in der jeweiligen Patientenakte der Nutzer festgehalten werden. Über diese mit Hilfe eines registrierten Zugangs einsehbare Patientenakte erfolgt auch die Diagnosestellung der Online-Ärzte, wobei den Patienten hier unter Umständen bereits erste Behandlungsempfehlungen gegeben werden können. Meist beruhen die empfohlenen therapeutischen Maßnahmen dabei auf der Verabreichung von Medikamenten, die den Patienten auf Wunsch über die Versandapotheke „apo-rot“ direkt zugesandt werden oder für die ein Rezept ausgestellt wird, damit sich die Betroffenen in der nächsten Apotheke mit den benötigten Präparaten versorgen können. Die Medikamente beziehungsweise Rezepte sind laut Aussage von „DrEd“ innerhalb von zwei bis drei Werktagen bei den Patienten, wobei den Betroffenen zeitgleich auch Hinweise zur Medikamenteneinnahme in ihrer „DrEd“ Online-Patientenakte an die Hand gegeben werden.

Massive Kritik an dem Modell der Online-Arztpraxen
Dass dieses völlig neue Angebot auf dem deutschen Gesundheitsmarkt nicht nur Anhänger finden würde, war den Initiatoren der Online-Arztpraxis bereits im Vorfeld bewusst, jedoch kein Grund das Geschäftsmodell noch einmal zu überdenken. So erklärte der Zuständige für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit bei „DrEd“, Jens Apermann, dass es keine Überraschung sei, wenn rechtliche Auseinandersetzungen mit den niedergelassenen Ärzten folgen. Zum Beispiel hatte der Arzt und Apotheker, Wolfgang Becker-Brüser, als Herausgeber des unabhängigen Informationsdienstes „Arznei-Telegramm“, das Modell der Online-Arztpraxen als „höchst problematisch“ bezeichnet. Dem Experten zufolge dienen derartige „Angebote häufig nur dazu, in einem lukrativen Bereich, der sogenannten Lifestylemedizin, Geld zu machen.“ Und Wolfgang Becker-Brüser ist bei weitem nicht der einzige Experte, der dem Modell der Online-Arztpraxen skeptisch gegenüber steht. So sieht auch Corinna Schäfer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin in dieser Form der Fern-Diagnose ein erhebliches Risiko. „Online Diagnosen abzufragen und dann Medikamente zu verschreiben, ist riskant“, betonte die Expertin des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin. Ihrer Ansicht nach, muss ein Arzt den Patienten gesehen haben, bevor ein Diagnose gestellt werden kann. Denn die Patienten transportieren „viele Informationen allein durch ihre Gegenwart, durch Aussehen, Geruch, Tonfall.“ Darüber hinaus müssen die behandelnden Ärzte im Rahmen der Diagnose-Stellung „die Möglichkeit haben, Patienten auch körperlich zu untersuchen und abzuhören", so Schäfer weiter.

Online-Arztpraxen umständlicher als ein Arztbesuch
Bei einer Online-Behandlung durch den Web-Arzt sind die Ansprüche der Expertin des Ärztlichen Zentrums für Qualität in der Medizin an eine adäquate medizinische Versorgung der Patienten jedoch nicht ansatzweise erfüllt. Zwar bestehe auch bei der Online-Arztpraxis die Möglichkeit von Selbsttests, die an ein Labor übermittelt und deren Ergebnisse anschließend von „DrED“ ausgewertet werden, und die Betroffenen haben zudem die Option Fotos ihrer Erkrankungen hochzuladen, doch diese Methoden können einen Arztbesuch nicht ersetzen und sind „umständlicher, als wenn ich zum Arzt um die Ecke gehe“, betonte Wolfgang Becker-Brüser. Nach Ansicht des Herausgebers vom „Arznei-Telegramm“ ist das Modell der Online-Arztpraxen daher „absurd“ und wenig hilfreich, zumal nach Ansicht von Becker-Brüser hier ohnehin weniger die Erkrankung der Nutzer sondern eher der Vertrieb von Lifestyle-Produkten im Vordergrund steht. (fp)