Elektrische Reize gegen Kopfschmerzen

Sebastian

Elektrische Reize können möglicherweise Schmerzen bei Cluster-Kopfschmerzen und Migräne-Attacken lindern. Die Therapie setzt auf elektrische Reize, die die Nerven stimulieren sollen.

23.07.2012

Die typischen Migräne-Kopfschmerzen treten anfallartig und pulsierend auf und betreffen meistens Frauen. Einige Patientinnen durchleiden die Schmerzen Stunden- oder gar Tagelang. Bei Männern sind die Migräne-Schmerzen meistens hinter dem Auge lokalisiert. Sie werden oft als stechend und sehr stark beschrieben. Eine neue Kopfschmerztherapie soll den Patienten ohne Zufuhr von Medikamenten Schmerzlindernd helfen. Elektrische Reize auf den Hirnhauptnerv sollen die Schmerzen lindern, wie die Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) berichtet.

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Elektrischen Reize wirken auf den Hinterhauptsnerv ein
Cluster-Kopfschmerzen können bis 180 Minuten durchgehend anhalten und bis zu acht mal pro Tag auftreten. Nicht selten leiden die Betroffenen über Wochen und Monate über wiederkehrende Migräne-Kopfschmerzen. Nach Angaben von Prof. Dr. Andreas Straube, Mediziner und Kopfschmerzexperte am Universitätsklinikum Großhadern in München, leiden mehr als 100.000 Menschen in Deutschland „mehrfach täglich unter diesen schwersten, einseitigen, um das Auge lokalisierten Schmerz“. Manchmal können selbst starke Schmerztabletten nicht helfen. Eine neue Behandlungsform für diese spezielle Schmerzindikation ist die Strom-Therapie. „Es gibt eine neue Therapie, bei der bis zu zwei kleine Elektroden direkt unter der Haut am Nacken eingepflanzt werden“, erklärt Straube. Der minimal invasive Eingriff wird entweder mit Hilfe einer Vollnarkose oder lokaler Betäubung durchgeführt. Die elektrischen Reize sollen danach direkt auf den Hinterhauptsnerv, auf den sogenannte großen Okzipitalnerv, einwirken.

Studien haben laut Professor Straube ergeben, dass bei rund 70 Prozent der Probanden mit chronischen Cluster-Kopfschmerzen eine Schmerzminderung mittels der Okzipitalen Nervenstimulation (ONS) Therapie eintrat. Bei Migräne-Patienten zeigte sich eine „deutliche Verbesserung der Symptome“ in rund 40 Prozent der Fällen.

Krankenkassen übernehmen prinzipiell die Kosten
Nach Angaben des Mediziners existieren in Deutschland bis zu neun spezialisierte Zentren, die den Eingriff durchführen. Ein Zentrum ist beispielsweise das renommierte Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Bei entsprechender Indikation übernehmen in der Regel die gesetzlichen Krankenkassen die Behandlungskosten.

Der Behandlungseffekt tritt jedoch nicht unmittelbar nach dem Eingriff ein. „Es kann aber vier bis sechs Wochen dauern, bis der Therapieeffekt einsetzt“, sagt Straube. Habe die Therapie angeschlagen, wird dem Patienten ein Mini-Stromgenerator im Fettgewebe oberhalb des Schlüsselbeins oder alternativ auch unterhalb des Rippenbogens oder in der Gesäßregion implantiert. Mit Hilfe einer Art „Fernbedienung“ in Größe einer Scheckkarte können Betroffene die Elektroden ein und wieder ausschalten. Beginnt eine Schmerzattacke, können Betroffene die Stromimpulse mit dem Gerät anstellen.

Die meisten Implantate werden mit einer Batterie betrieben und halten zwischen drei und fünf Jahren. „Auch noch nach fünf Jahren war ein Großteil der Clusterkopfschmerz-Patienten schmerzfrei“, betonte Straube. Bei Migräne-Patienten stünden jedoch noch klinische Langzeitstudien aus.

Wirkungsweisen noch unklar
Unklar ist noch, wie das Verfahren tatsächlich wirkt. „Wahrscheinlich unterbinden die elektrischen Reize die Weiterleitung der Schmerzsignale im Hirnstamm beziehungsweise aktivieren das hirneigene schmerzunterdrückende System“, vermutet Straube. Insgesamt sei „das Verfahren reversibel, sicher und die Risiken überschaubar“, so der Kopfschmerz-Spezialist. „Schlägt die Stimulation nicht an, werden die Elektroden einfach wieder entfernt und auch die möglichen Komplikationen sind nicht lebensgefährlich“, sagt Straube. Von dem Eingriff bleiben kaum sichtbare Zeichen zurück, nur ein kleiner Hautschnitt sei erkennbar.
Ein Studienbericht im Fachmagazin „Current Opinion in Neurology“ berichtete über die Resultate der Anwendungstestungen. An der Studie nahmen insgesamt 58 Menschen mit chronischen Clusterkopfschmerzen und 200 Probanden mit wiederkehrenden Migräne-Attacken teil. Im Ergebnis zeigte sich, dass 72 Prozent der Cluster-Kopfschmerz-Patienten eine Minderung der Schmerzhäufigkeit erlebten. 50 Prozent gaben an, eine spürbare Schmerzlinderung zu bemerken. In der Gruppe der Migräne-Betroffenen gaben 40 Prozent der Teilnehmer an, sie würden eine Verbesserung ihrer Symptome spüren. Die Ergebnisse müssen jedoch mit weiteren klinischen Studien gesichert werden. Zudem müssen auch noch Zusammenhänge weiter erforscht werden. (sb)