Essstudie: Immer weniger Zeit zum Essen

Sebastian

Nestlé Studie: Immer mehr Menschen haben keine Zeit zum Essen. Konzern engagiert sich im Bereich der "gesunden Ernährung".

17.01.2011

Auf fast allen TV-Kanälen werden Kochshows zu den besten Sendezeiten ausgestrahlt, doch anscheinend ist das selbständige Kochen eine Ausnahme. Laut einer Studie des Lebensmittelkonzerns „Nestlé“ nehmen sich immer weniger Deutsche Zeit zum Essen. Doch die Nestlé Studie dürfte nicht ganz uneigennützig sein. Der Konzern will den Bereich der „gesunden Ernährung“ weiter ausbauen und hat eigens dafür ein wissenschaftliches Institut gegründet. Die Leitung dieses Institutes soll der frühere Forschungschef des US-Amerikanischen Biotechnologieunternehmens ViaCyte, Emmanuel Baetge übernehmen.

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Einer Mehrheit ist eine gesunde Ernährung wichtig
Die Ergebnisse der Nestlé Studie scheinen nicht neu. Während eine gesunde Ernährung eine immer größere Bedeutung einnehmen wird, sieht eine Vielzahl der Verbraucher nicht ein, für die Lebensmittel auch mehr zu bezahlen. 60 Prozent der Befragten sei es wichtig, dass die Tiere zuvor artgerecht gehalten wurden, nur etwa die Hälfte (33 Prozent) allerdings würde dafür auch mehr Geld ausgeben. Bei der Gentechnik seien die Angaben in etwa gleich. 62 Prozent betonten, dass sie keine genmanipulierten Erzeugnisse verspeisen wolle, nur etwa 27 Prozent wären auch dazu bereits dafür mehr Geld zu zahlen.

Berufsleben schuld an fehlenden Essstrukturen
Auch die viel beachteten Gründe scheinen nicht neu. Durch die sich immer schnelllebiger entwickelnde Gesellschaft gehen altbekannte Tagesstrukturen verloren. Seit 2009 ist der Anteil derjenigen gestiegen, die ständig oder teilweise unterschiedliche Tagesabläufe zu beklagen haben. Bei den 20- bis 29-Jährigen von 47 Prozent auf 52 Prozent, bei den Berufstätigen von 37 Prozent auf 41 Prozent. Der Beruf fördert im zunehmenden Maße die Ablösung einer gleichbleibenden Tagesstruktur. Jeder sechste Berufstätige arbeitet rund 50 Stunden oder mehr pro Woche. 17 Prozent der Befragten leisten regelmäßig Schichtdienste, etwa 10 Prozent sich selbstständig oder freiberuflich tätig.

Eine solche Entgleisung der Struktur hat natürlich auch Folgen auf die Ernährungsweisen. So zeigt sich, dass Menschen die einen ungeregelten Tagesablauf haben, auch unregelmäßige Nahrung zu sich nehmen. Statt dem Hungergefühl nachzugehen, verschieben viele ihre Nahrungsaufnahme auf ein freies Zeitfenster. Von den Studienteilnehmern mit einem relativ unregelmäßigen Tagesablauf essen 43 Prozent dann, wenn sich gerade eine passende Gelegenheit ergibt, 31 Prozent, wenn sie Hunger haben, und nur 20 Prozent zu festgelegten Tageszeiten. Viele greifen auch zwischendurch einfach zu einem „Snack“, um die Zeit zwischen den Mahlzeiten zu kompensieren.

Volkskrankheiten durch ungesunde Ernährung
Andere Studien verweisen in diesem Zusammenhang immer wieder auf den Zusammenhang des ungesunden Lebensstils in der westlichen Welt und dem massiven Anstieg von Erkrankungen wie Adipositas, Diabetes, Herzinfarkt und Krebs. All diese Krankheiten gelten mittlerweile als Volkskrankheiten, da die Erkrankungsrate von Jahr zu Jahr ansteigt.

"Gesunde Lebensmittel" der Lebensmittelindustrie
Lebensmittelkonzerne wie Nestlé haben diesen Trend längst erkannt. Zwar steigt insgesamt beim Verbraucher ein Interesse an einer gesunden Ernährung, die Lebensweisen durch berufliche Zwänge können die meisten dennoch nicht ablegen. So engagiert sich der Konzern seit einiger Zeit in Sachen „gesunder Ernährung“. Man propagiert eine „personalisierte Gesundheitsernährung“, damit man „effiziente und kostengünstige Wege“ findet, um akuten und chronischen Krankheiten des 21. Jahrhunderts vorzubeugen und sie zu behandeln“ (1). Eigens dafür gründete man eine neue Tochtergesellschaft namens „Nestle Health Science“. Die neu erfundenen Produkte sollen dazu beitragen, eine "gute Gesundheit und ein langes Leben" zu fördern, wie das Unternehmen im September 2010 mitteilte. Neue Erkenntnisse über das Altern, den Einfluss von Genen sowie Umweltfaktoren sollen bei der Konzipierung eine gewichtige Rolle spielen.

Das Konzept „funktionelle Lebensmittel“ ist nicht neu. So werben Lebensmittelhersteller beispielsweise damit, dass eine spezielle Margarine „Herz- und Kreislauf schützt“. Wissenschaftler des Leipziger Universitätsklinik rieten allerdings im letzten Jahr zur Vorsicht, da einige solche Produkte pflanzliche Ersatzstoffe enthalten. Diese Stoffe sollen tierische Fette ersetzen und den Cholesterin-Spiegel senken. Doch bei einigen Patienten, mit bestimmten genetischen Veranlagungen, werden diese Stoffe deutlich schlechter ausgeschieden. Hierdurch erhöht sich der Sterolspiegel im Körper und das Herzinfarktrisiko steigt an. Solche Phytosterole lassen sich in Margarine, Mayonnaise, Joghurts oder Sprüh-Sahne finden. (sb)