Heilende Nähe zur Mutter: Känguru-Methode nutzt Frühchen noch Jahrzehnte später

Alfred Domke
Körperkontakt statt Brutkasten: Känguru-Methode hilft Frühchen über Jahrzehnte
Jedes Jahr werden weltweit rund 15 Millionen Babys zu früh geboren. Meist kommen die Frühchen in ihren ersten Lebenswochen dann in einen Brutkasten. Eine Studie hat jetzt jedoch gezeigt, dass Frühgeborene, die viel Körperkontakt mit der Mutter haben, selbst Jahrzehnte später noch davon profitieren können.

Intensiver Körperkontakt wichtig für das Baby
Laut dem „Global Action Report on Preterm Birth 2012“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden weltweit jährlich etwa 15 Millionen Babys zu früh geboren. Von einer Frühgeburt wird gesprochen, wenn der Säugling vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt und damit weniger als 260 Tage im Mutterleib verbracht hat. Die sogenannten Frühchen wiegen nur zwischen 500 und 2.500 Gramm und werden in vielen Fällen in den ersten Lebenswochen im Brutkasten medizinisch betreut. Sie haben daher wesentlich weniger körperlichen Kontakt zu den Eltern. Eine neue Studie zeigt nun aber, wie wichtig der intensive Körperkontakt für die Kleinen ist.

Eine Studie hat gezeigt, dass Frühchen, die viel Körperkontakt mit der Mutter haben, noch Jahrzehnte später davon profitieren. Zudem schützt die sogenannte Känguru-Methode vor Krankheiten. (Bild: Tobilander/fotolia.com)
Eine Studie hat gezeigt, dass Frühchen, die viel Körperkontakt mit der Mutter haben, noch Jahrzehnte später davon profitieren. Zudem schützt die sogenannte Känguru-Methode vor Krankheiten. (Bild: Tobilander/fotolia.com)

Känguru-Methode kann Todesfälle vermeiden
Gesundheitsexperten zufolge steigt die Zahl der Frühgeburten weltweit. Für eine frühzeitige Geburt kommen eine Vielzahl von Gründen in Betracht. Häufige Ursachen sind Mehrlingsschwangerschaften, Infektionen und chronische Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck.

Darüber hinaus können beispielsweise Schwangerschaftskomplikationen, Rauchen oder psychosoziale Faktoren wie chronischer Stress ein Auslöser sein, in vielen Fällen lässt sich auch gar kein eindeutiger Grund finden.

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Über eine Million Frühchen weltweit sterben bereits in den ersten Lebensmonaten. Experten, wie etwa Mitarbeiter der Organisation „Save the Children“ weisen schon seit Jahren darauf hin, dass sich die Zahl der Todesfälle deutlich senken ließe, wenn Müttern gezeigt würde, wie sie ihre Kinder mit der sogenannten Känguru-Methode beim Tragen auf der Brust warm halten können. Es gibt aber noch weitere gute Gründe für diese Methode.

Kinder profitieren noch nach Jahrzehnten
Dass der direkte Hautkontakt gut für Frühchen ist, wurde nun erneut in einer wissenschaftlichen Untersuchung bestätigt. Die Langzeitstudie zur Känguru-Methode hat ergeben, dass frühgeborene Babys von intensivem Körperkontakt mit ihren Eltern auch noch Jahrzehnte später profitieren.

Bei der Studie, die mit Unterstützung kanadischer Forscher in Kolumbiens Hauptstadt Bogota durchgeführt wurde, wurden die untergewichtigen Frühchen von ihren Müttern viel auf nackter Haut getragen, gewärmt und gestillt, berichtet die Nachrichtenagentur dpa.

Familie wird im Umgang mit den Winzlingen geschult
Darüber hinaus wurde die gesamte Familie mit einbezogen und im Umgang mit den Winzlingen geschult. Kontrollgruppe waren Babys, die Helfer in ihren ersten Lebensmonaten auf herkömmliche Weise vor allem im Brutkasten betreuten.

18 bis 20 Jahre nach der Geburt wurden die Heranwachsenden wieder befragt und untersucht. Insgesamt wurden Daten von 264 zwischen 1993 und 1996 geborenen Frühchen mit weniger als 1.800 Gramm Geburtsgewicht berücksichtigt.

Weniger aggressiv und impulsiv
Wie die Wissenschaftler im Fachjournal „Pediatrics“ berichten, zeigten sich für die Känguru-Frühchen klare Vorteile. Den Angaben zufolge seien sie im Mittel weniger aggressiv, impulsiv und hyperaktiv wie solche, die ihre ersten Lebenswochen zumeist im Brutkasten verbrachten.

Zudem schreiben die Autoren um Nathalie Charpak von der Fundación Canguro in Bogota, dass die Sterberate der Känguru-Frühchen merklich niedriger war als bei der Kontrollgruppe im Brutkasten.

Des Weiteren wuchs ihr Gehirn, speziell in den für das Lernen wichtigen Bereichen, stärker. Insbesondere unter den sehr zarten Babys war der Intelligenzquotient 20 Jahre später etwas höher.

Die Forscher stellten weiterhin fest, dass die Kinder aus dem Känguru-Programm in der Schule besser abschnitten und seltener im Unterricht fehlten. Als junge Arbeitnehmer verdienten sie im Durchschnitt mehr.

Liebevollere Grundstimmung in der Familie
Von den Wissenschaftlern werden die positiven Folgen auch damit erklärt, dass die Eltern der Känguru-Gruppe dank der begleitenden Schulungen besser über die Bedürfnisse von Babys Bescheid wussten und dieses Wissen anhaltend umsetzten.

Vor allem bei ärmeren Familien mit geringem Bildungsgrad hatte dies eine Effekt: „Die alltäglichen Aktivitäten zuhause haben langfristig den größten direkten Einfluss auf ein Kind.“

Wie es heißt, habe sich das Programm auch auf die Familien insgesamt positiv ausgewirkt. So sei ihr Zusammenhalt besser und die Grundstimmung liebevoller gewesen. Darüber hinaus zeigte sich, dass Paare eher zusammengeblieben waren, wenn auch der Vater seinen frühgeborenen Nachwuchs im Tuch herumgetragen hatte.

Schutz vor schweren Krankheiten
Erwähnt werden muss jedoch, dass die Ergebnisse aufgrund der vergleichsweise kleinen Zahl berücksichtigter Teilnehmer noch mit Vorsicht zu bewerten sind. Doch auch in anderen Studien zeigten sich positive Effekte der Känguru-Methode.

So konnten kanadische Forscher der Université Laval nachweisen, dass 15-Jährige, die als Frühchen geboren wurden und durch die Känguru-Methode vermehrt Hautkontakt mit ihren Eltern hatten, „in bestimmten Bereichen vergleichbare Gehirnreaktionen beziehungsweise -funktionen aufwiesen wie zum Geburtstermin Geborene“, berichtete der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) schon vor Jahren.

Und laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann der Körperkontakt vor schweren Krankheiten schützen, sich positiv aufs Stillen auswirken und das Stresslevel der Mütter senken.

Tiefgreifende Effekte
„Wir sind fest überzeugt, dass diese effiziente, wissenschaftlich basierte Methode in allen Umgebungen angewendet werden kann – von solchen mit sehr beschränktem bis zu solchen mit uneingeschränktem Zugang zu Gesundheitseinrichtungen“, erläutert Charpak.

Gerade weil Technik zur Frühgeborenen-Betreuung mittlerweile in vielen Regionen der Welt verfügbar sei und es daher weniger schwere gesundheitliche Folgeschäden gebe, komme es darauf an, auf die kleinen Effekte zu achten.

„Kleine Auswirkungen wie geringfügige kognitive Defizite, eine schlechtere Feinmotorik, verminderte Hör- oder Sehfähigkeit und Konzentrationsstörungen können unentdeckt bleiben, haben aber tiefgreifende Effekte auf das Leben der Familien.“

Frühes inniges Beisammensein
Das „Känguruen“ ist auch in deutschen Frühgeborenenstationen verbreitet. „In Europa setzten die Behandelnden vor allem auf die psychologischen Vorteile, die sich aus dem engen Zusammensein zwischen Eltern und ihrem Kind ergeben. Ziel ist die Förderung des Eltern-Kind-Kontaktes und der Beziehung zum Kind. Denn die Känguru-Methode ermöglicht ein frühes inniges Beisammensein“, berichtet die Kinderklinik Datteln auf ihrer Webseite.

Neben den Babys profitieren auch die Eltern. Sie lernen, mit den zerbrechlich wirkenden Winzlingen umzugehen, Berührungsängste zu überwinden und eine Beziehung aufzubauen. In manchen Fällen fühlen sich Frühchen-Mütter insgeheim schuldig, weil sie ihr Baby nicht wie erhofft neun Monate austragen konnten. (ad)