Helicobacter pylori: „Böses“ oder „gutes“ Magenbakterium?

Infektionen mit Helicobacter pylori haben im menschlichen Organismus auch positive Effekte. (Bild: fotoliaxrender/fotolia.com)
Fabian Peters
Positive Effekte einer Infektion mit Helicobacter pylori festgestellt
Bislang wurde das Magenbakterium Helicobacter pylori vor allem mit der Entstehung von Krankheiten wie Magenschleimhutentzündungen, Magengeschwüren oder auch Magenkrebs in Zusammenhang gebracht, weshalb eine Besiedlung mit dem Bakterium von Medizinern in der Regel negativ bewertet wird. Doch Wissenschaftler der Karl-Franzens-Universität Graz, der Medizinischen Universität Graz und der New York University School of Medicine haben in einer aktuellen Studie festgestellt, dass Helicobacter pylori im menschlichen Organismus offenbar auch positive Effekte entfaltet.

„Das Bakterium Helicobacter pylori, das den Magen besiedeln kann, hat einen schlechten Ruf“, so die Mitteilung des Instituts für Molekulare Biowissenschaften an der Universität Graz. Es werde für die Entstehung von Gastritis, Magengeschwüren und in der Folge sogar für Krebs verantwortlich gemacht. Die aktuellen Untersuchungen der Wissenschaftler aus Graz und New York zeigen jedoch, dass das Bakterium keinesfalls nur negative Auswirkungen hat. Ihre überraschenden Ergebnisse haben die Forscher in dem renommierten Fachmagazin „Cell Reports“ veröffentlicht.

Infektionen mit Helicobacter pylori haben im menschlichen Organismus auch positive Effekte. (Bild: fotoliaxrender/fotolia.com)
Infektionen mit Helicobacter pylori haben im menschlichen Organismus auch positive Effekte. (Bild: fotoliaxrender/fotolia.com)

Komplexes Zusammenspiel von Bakterien kaum untersucht
Das Forscherteam um Dr. Sabine Kienesberger vom Institut für Molekulare Biowissenschaften der Universität Graz untersuchte in der aktuellen Studie die Auswirkungen einer Helicobacter-Infektion in Magen, Darm und Lunge über einen Zeitraum von sechs Monaten. Im Mausmodell beobachteten die Wissenschaftler, welche Folgen die Besiedlung mit dem Bakterium hat. Bislang ist wenig erforscht, welche Bakterien „gut“ und welche „böse“ sind, begründen die Wissenschaftler ihre Untersuchung. Grundsätzlich sei dies schwer zu unterscheiden, da wenig Informationen über das komplexe Zusammenspiel der Bakterien vorliegen, deren Masse insgesamt rund zwei Kilogramm unseres Körpergewichts ausmacht. Das gelte auch für das Magenbakterium Helicobacter pylori.

Wenig über positive Effekte von Helicobacter pylori bekannt
Viele negative Auswirkungen einer Helicobacter pylori-Infektion sind in der Fachliteratur ausführlich beschrieben, doch wurden auch mögliche positive Effekte festgestellt. „Wir wissen zum Beispiel, dass in Gesellschaften, in denen Helicobacter weiter verbreitet ist, Kinder seltener an Asthma erkranken“, berichtet die Erstautorin der aktuellen Studie, Dr. Sabine Kienesberger. Die Wissenschaftler haben sich daher in ihrer Untersuchung auch möglichen positiven Effekten der Helicobacter-Infektion gewidmet.

Stimulierung des Immunsystems
Das Forscherteam entdeckte mehrere interessante Zusammenhänge, die bislang unbekannt waren. So stellten Dr. Kienesberger und Kollegen fest, dass bei einer Infektion mit Helicobacter eine Anreicherung bestimmter T-Zellen in der Lunge eintritt. „Diese Zellen spielen eine wichtige Rolle im Immunsystem“, betont die Erstautorin der Studie. Die Wissenschaftler konnten zudem Veränderungen in der Zusammensetzung der Darmflora beobachten. „Diese können wiederum zu einer Stimulierung des Immunsystems führen“, so die Mitteilung des Instituts für Molekulare Biowissenschaften.

Verschiebungen im Hormonhaushalt
Des Weiteren haben sich laut Angaben der Forscher Verschiebungen im Hormonhaushalt infolge der Helicobacter-Infektion gezeigt. So sei beispielsweise die Konzentration des „Hunger-Hormons“ Ghrelin gestiegen. Dies rege bei Überproduktion den Appetit an. „Von Ghrelin ist bekannt, dass es ebenfalls Auswirkungen auf das Immunsystem hat“, so Dr. Kienesberger weiter. Den Wissenschaftlern zufolge ist es gelungen, die Helicobacter-Infektion und die entsprechenden Auswirkungen im Mausmodell als dynamischen Prozess über einen längeren Zeitraum zu beobachten, was eine Besonderheit der aktuellen Studie darstelle. Überraschend waren hierbei „die frühen und teilweise gegensätzlichen Auswirkungen auf die Lunge, obwohl erst zu späteren Zeitpunkten eine ansteigende Immunreaktion im Magen zu beobachten war“, betont Dr. Kienesberger. Mit der Studie werde eine fundierte Basis für die zielgerichtete Erforschung des komplexen Zusammenwirkens von Helicobacter, Mikrobiom und Immunsystem gelegt. (fp)

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