Herzinfarkt-Patienten reagieren oft zu spät

Fabian Peters

Herzinfarkt-Patienten reagieren oft zu spät: Großes West-Ost-Gefälle bei der Sterblichkeitsrate von Herzinfarkt-Patienten

04.01.2011

Die Chancen einen Herzinfarkt zu überleben, haben sich in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren deutlich verbessert. Während 1990 noch elf von 10 000 Menschen an der Durchblutungsstörung des Herzmuskels starben, sind es heute nur noch sieben.

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Regionale Unterschiede bei der Überlebenschance nach einem Herzinfarkt
Nach dem Erleiden eines Herzinfarkts zählt jede Sekunde. Wer in der „goldenen ersten Stunde“ nach Schmerzbeginn medizinisch versorgt wird, habe hohe Überlebenschancen, erklärte Dr. med. Karl-Friedrich Appel, Kardiologe im Ambulanten Herzzentrum Kassel.Ob die Patienten überleben ist den Ergebnisse des aktuellen Herzberichts zufolge jedoch nicht zuletzt eine Frage des Wohnorts. Denn die medizinische Versorgung ist deutschlandweit äußerst unterschiedlich. So stehen einige Regionen nach Angaben des Autors der sektorenübergreifenden Versorgungsanalyse zur Kardiologie und Herzchirurgie in Deutschland, Dr. Ernst Bruckenberger, „im bundesweiten Vergleich (…) weniger gut da“. Dabei sei in Deutschland generell ein steiles West-Ost-Gefälle festzustellen, so der Ministerialrat a.D. am niedersächsischen Sozialministerium und Autor des Herzbericht 2009, Dr. Bruckenberger weiter. Östlich der Kreisgrenzen des Werra-Meißner-Kreises beginne eine Art „herzchirurgische Wüste“, mit deutlich höheren Sterblichkeitsraten bei einem Herzinfarkt. „Die Spannweite der Herzinfarkt-Sterberate zwischen den einzelnen Landkreisen ist beachtlich“, erklärte Dr. Bruckenberger. So liege beispielsweise in Eisenach die Sterblichkeitsrate mehr als doppelt so hoch wie im Werra-Meißner-Kreis. Aber auch Patienten, die in Waldhessen einen Herzinfarkt erleiden, haben dem aktuellen Herzbericht zufolge schlechtere Überlebenschancen als Herzinfarkt-Patienten in den Nachbarkreisen.

Schlechtes Abschneiden trotz guter medizinischer Infrastruktur
Zudem werden in dem Herzbericht einige Regionen mit besonders hohen Sterblichkeitsraten gelistet, die eigentlich über ein gute medizinische Infrastruktur zu Behandlung von Herzinfarkt-Patienten verfügen. Herzfeld-Rothenburg ist eines dieser Beispiele. 109 Kreisbewohner sind hier im Jahr 2008 an einem akutem Herzinfarkt verstorben, was einer um knapp acht Prozent erhöhten Sterblichkeitsrate gegenüber dem Bundesdurchschnitt entspricht. Trotz des Herz- und Kreislauf-Zentrums (HKZ) in Rotenburg und der Kardiologie im Klinikum Bad Hersfeld schneidet die Region verhältnismäßig schlecht ab. Bruckenberger zufolge ist dabei für die Überlebenschance der Patienten entscheidend, ob und wie schnell den Betroffenen mit Verdacht auf Herzinfarkt ein Katheter gelegt wird. Hierfür seien zwar prinzipiell „genug Messplätze (…) im Kreis vorhanden“, wie auch Dr. Christian Vallbracht, der Direktor der Kardiologie im HKZ bestätigte, doch gehe häufig viel Zeit verloren, da der nächstmögliche Herzkatheter-Messplatz angesteuert werde, selbst wenn dort zu diesem Zeitpunkt eine sofortige Katheter-Behandlung nicht möglich sei. Generell bilden die unbehandelten Herzinfarkt-Patienten jedoch das größte Problem, wie auch der Herzbericht klar zum Ausdruck bringt. „Durch das Zögern des Patienten werden zu viele Minuten verschenkt“, erklärte Dr. Christian Vallbracht.

Senkung der Sterblichkeitsraten durch Ausbau der Medizintechnik
Die maßgebliche Reduzierung der deutschlandweiten Sterblichkeitsrate bei Herzinfarkten ist im wesentlichen ein Verdienst des Ausbaus der Medizintechnik. So wurden in den vergangenen 20 Jahren in ganz Deutschland Kliniken zu herzchirurgischen Zentren aufgerüstet, um eine bessere Versorgung der Patienten zu erreichen. Dabei wurde zum Beispiel die Zahl der Katheter-Messplätze und die der damit durchgeführten Katheter-Untersuchungen deutschlandweit vervierfacht. Doch der Erfolg wird durch die überdurchschnittlich hohen Sterblichkeitsraten in einzelnen Region erheblich getrübt. Daher sollten „Überschreitungen des Bundeswerts (…) Anlass für gesundheitspolitische Maßnahmen“ in den betroffenen Regionen geben, betonte Bruckenberger. Der Herzbericht-Autor fordert bei festgestellten Überschreitungen die Schnelligkeit, Qualität und Organisation des Rettungsdienstes sowie die Entfernung zur nächsten kardiologischen Abteilung mit Katheter-Messplatz zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern. So sei das eindeutigen West-Ost-Gefälle in erster Linie auf die schlechtere medizinische Versorgung in den neuen Bundesländern zurückzuführen, die im Rahmen der von ihm geforderten Überprüfung erkannt und behoben werden könnten, erklärte Dr. Bruckenberger. Von einer „auch nur in etwa gleichmäßigen Versorgungslandschaft“ für die wesentlichen Herzkrankheiten könne bisher nicht gesprochen werden, obwohl die Behandlungsmöglichkeiten in Deutschland generell relativ gut seien, betonte der Autor des Herzberichts. (fp)