In Deutschland steigt die Anzahl Opioid-Abhängiger

Alexander Stindt

Wird es auch in Deutschland bald tausende Opioid-Abhängige geben?

In den USA gibt es zur Zeit eine wahre Opioid-Epidemie. Die Experten sind der Meinung, dass die Langzeitanwendung von Opioid-Analgetika der Auslöser für diesen Zustand ist. Das Problem besteht aber nicht nur in den USA, auch in Deutschland werden die Obergrenzen der Behandlung häufig nicht eingehalten.

Die Wissenschaftler der Universität Saarbrücken stellten bei ihrer Untersuchung fest, dass auch in Deutschland viel zu häufig zu hohe Mengen von Opioiden über eine längere Zeit eingenommen werden. Dies kann einen Substanzmissbrauch fördern. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der Fachzeitschrift „Pain“ veröffentlicht.

Immer mehr Menschen in Deutschland nehmen Opioide ein. Problematisch wird eine solche Behandlung, wenn die Medikamente zu lange oder in einer zu hohen Dosierung eingenommen werden. (Bild: denisismagilov/fotolia.com)

Welche Dosis sollte bei einer Langzeitanwendung nicht überschritten werden?

Gerade bei einer Langzeitanwendung von Opioid-Analgetika gegen nicht-tumorbedingte Schmerzen (LONTS) muss unbedingt darauf geachtet werden, dass eine tägliche Dosis von 120 mg oralem Morphinäquivalent (MEQ) nur in äußersten Ausnahmen überschritten werden sollte. Eine Leitlinie über die richtige Anwendung von Opioiden rät dazu, dass vorher unbedingt Alternativen und die sogenannte Indiziertheit der Opioide überprüft werden sollte.

In Deutschland wird bei jedem zehnten LONTS-Patienten die empfohlene Tagesdosis überschritten

Die Empfehlung wurde aufgrund der Daten aus einer Studie von mehr als vier Millionen GKV-Patienten erstellt. Diese hatte ergeben, dass die Einnahme von höheren Tagesdosen zu vermehrten Komplikationen führt. Nicht nur in den USA, auch in Deutschland wird die empfohlene Tagesdosis häufig überschritten. Experten haben hierzulande festgestellt, dass in Deutschland die Tagesdosis bei etwa jedem zehnten LONTS-Patienten überschritten wird. Solche Überdosen können dann zu einem erhöhten Risiko für riskante Auswirkungen und für einen sogenannten Substanzmissbrauch führen.

Mediziner analysieren die Daten von mehr als vier Millionen Patienten

Die Wissenschaftler haben für ihre Untersuchung die Daten von mehr als vier Millionen GKV-Patienten analysiert. Diese Daten wurden bereits im Jahr 2014 erhoben. Von den Teilnehmern hatten 0,8 Prozent eine sogenannte LONTS (mindestens drei aufeinander folgende Quartale) erhalten. Eine durchschnittliche Tagesdosis betrug dabei 48 mg MEQ (orales Morphinäquivalent), aber jeder zehnte Patient erhielt eine viel höhere Dosierung. Die Forscher stellten fest, dass jeder zehnte Patient mehr als 120 mg MEQ am Tag bekam. In dieser Gruppe mit zu hoher Dosierung betrug die Dosis im Mittel 211 mg MEQ/d. Bei den Probanden aus der Gruppe, welche nach aktuellen Leitlinien behandelt wurden, lag die Dosierung durchschnittlich bei 30 mg MEQ/d, erläutern die Experten.

Welche Menschen erhalten besonders häufig hochdosierte Opioide?

Eine Therapie mit hochdosierten Opioiden wurde besonders häufig bei 40 bis 59 Jahre alten Menschen verschrieben. Außerdem erhielten Männer häufiger eine solche hochdosierte Opioidtherapie sowie Patienten mit chronischen Schmerzerkrankungen, Bandscheibenschäden, Osteoporose, somatoformen Störungen und Depressionen.

Viele Behandlungen halten sich nicht an die Leitlinien

Die Leitlinie zur Behandlung empfiehlt, dass Schmerzen bei Patienten mit psychiatrischen Komorbiditäten nicht mit Opioiden behandelt werden sollten. Aber ausgerechnet solche Patienten erhalten in den USA und in Europa häufig eine Behandlung mit hochdosierten Opioiden. Leider haben genau diese Menschen das höchste Risiko für die negativen Folgen der Behandlung.

Häufig erhalten Betroffene zusätzlich auch noch andere Medikamente

Eine sogenannte Hochdosistherapie ist zudem häufiger mit riskanten Medikamentenverordnungen verbunden, erklären die Forscher. Betroffene LONTS-Patienten erhielten häufiger gleichzeitig auch einen Tranquilizer (14,3 Prozent), verglichen mit Patienten, welche nach den Empfehlungen der Leitlinie behandelt wurden (11 Prozent). Ebenso war der Einsatz von Antidepressiva bei nicht Leitlinien konform behandelten Menschen häufiger (53,1 Prozent gegenüber 38,2 Prozent).

Hohe Dosen von Opioiden fördern den Missbrauch

Die Verordnungen zum Einsatz von Opioiden stammten bei einer Hochdosierung öfter von mehr als drei verschiedenen Ärzten (8,5 Prozent gegenüber 6,3 Prozent bei normal dosierten Behandlungen). Bei Menschen, welche hohe Dosen von Opioiden einnahmen, gab es außerdem mehr Indizien für den Missbrauch oder die Abhängigkeit von den verwendeten Opioiden. Solche Menschen wurden wesentlich häufiger wegen psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder auch Intoxikationen durch Opioide und weitere Substanzen in einem Krankenhaus behandelt (2,9 Prozent gegenüber 1,6 Prozent bei nach den Leitlinien behandelten Patienten). Eine hoch dosierte Therapie führte außerdem zu erhöhten Gesundheitsausgaben.

Empfohlene maximale Mengen von Opioiden sollten unbedingt eingehalten werden

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die Leitlinien-Empfehlungen von maximal 120 mg MEQ/d bei LONTS eingehalten werden sollten. Es ist zu beachten, dass Menschen mit chronischen Schmerzen und begleitenden psychiatrischen Erkrankungen besonders vorsichtig beim Umgang mit Opioiden sein müssen. (as)