Macht das Studium psychisch krank?

Fabian Peters

Deutliche Zunahme psychischer Probleme bei Studenten

01.07.2011

Studierende leiden immer häufiger unter psychischen Problemen, so eines der Ergebnisse des am Donnerstag vorgestellten Gesundheitsreports 2011 der Techniker Krankenkasse (TK). Der Vorstandvorsitzenden der TK, Prof. Dr. Norbert Klusen erklärte, die Ergebnisse des Gesundheitsreports legen „die Vermutung nahe, dass die jüngsten Reformen in der akademischen Ausbildung nicht spurlos an den jungen Menschen vorbeigehen“.

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Bei der Analyse der medizinischen Daten ihrer rund 3,5 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigten und arbeitslos gemeldeten Mitglieder hat die Techniker Krankenkasse unter den Studenten nicht nur eine deutliche Zunahme der „Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und Stoffwechselstörungen“ festgestellt, sondern darüber hinaus einen besorgniserregenden Anstieg der psychischen Belastungen registriert. Die Studierenden würden zunehmend unter Stress stehen und entsprechend häufiger psychische Störungen entwickeln, wodurch außerdem die Verschreibung der Medikamente deutlich zugenommen habe, so das Ergebnis des Gesundheitsreports 2011.

Verschreibung von Medikamenten insgesamt deutlich gestiegen
Insgesamt sei die Verschreibung von Medikamenten bei Studenten seit dem Jahr 2006 massiv gestiegen, berichtet die Techniker Krankenkasse im Gesundheitsreport 2011. Der diesjährige Gesundheitsreport befasse sich insbesondere mit der Gesundheit junger Erwerbspersonen und Studierender, erklärte der TK-Chef, Prof. Dr. Klusen bei Vorstellung des Reports. Im Rahmen des Gesundheitsreports wurden die Arzneimittelverordnungen, die Arbeitsunfähigkeitstage und Daten aus der ambulanten ärztlichen Versorgung zur Ermittlung des Gesundheitszustandes der TK-Versicherten herangezogen. Anschließend verglichen die Experten der TK die Ergebnisse der jungen Erwerbstätigen mit denen der Studenten, wobei unter anderem die Verordnungsraten der systemischen Hormonpräparate, Dermatika, Antiinfektiva zur systemischen Anwendung oder der Medikamente zur Behandlung des Muskel- und Skelettsystems gegenübergestellt wurden. Auch die Verschreibungen von Medikamenten zur Behandlung des Nervensystem wurden im Rahmen des Gesundheitsreports genauer unter die Lupe genommen. Dabei stellten die Experten der TK fest, dass die Verordnungen bei den Studenten zwar deutlich gestiegen sind (um knapp 25 Prozent zwischen 2006 und 2010), insgesamt jedoch immer noch weniger Medikamente verschrieben werden, als bei den gleichaltrigen Erwerbstätigen.

Anstieg der Verordnungen zur Behandlung des Nervensystems
Während die Verordnungsraten der Studierenden bei systemischen Hormonpräparaten, Dermatika, Antiinfektiva usw. bis heute deutlich unter den Verordnungsrate der gleichaltrigen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegen, bilden die Verschreibungen der Präparate zur Behandlung des Nervensystems eine besorgniserregende Ausnahme, berichtet die TK. Hier liegen die Verordnungsraten der Studenten signifikant höher als bei den gleichaltrigen Berufstätigen. „In den vier Jahren seit unserer letzten Auswertung ist das verordnete Volumen“ zur Behandlung des Nervensystems „um besorgniserregende 54 Prozent gestiegen“, betonte der Vorstandsvorsitzende der TK bei Vorstellung des Gesundheitsreports 2011. Über 20 Prozent der bei Studenten verschriebenen Arzneimittel dienen der Behandlung des Nervensystems, so die Aussage Gesundheitsreports. Insbesondere bei den Migränemitteln, den Antiepileptika, Analgetika (Schmerzmittel) und Antidepressiva sei ein massiver Anstieg der Verordnungen zu verzeichnen. Insgesamt bekommen mittlerweile „fünf Prozent der Studentinnen und drei Prozent der männlichen Hochschüler Medikamente gegen Depression“, erklärte Prof. Dr. Norbert Klusen. Auch das Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Hannover hat sich zu den aktuellen Ergebnissen des Gesundheitsreports 2011 geäußert und dabei vor allem den massiven Anstieg der Antidepressiva-Verschreibungen als besorgniserregend herausgestellt. Der ISEG-Gesundheitsforscher Thomas Grobe erklärte, dass vor allem bei den Studenten im Alter über 25 Jahren die Einnahme von Antidepressiva enorm ansteige. Heute würden über 40 Prozent mehr Hochschüler mit Antidepressiva behandelt als noch vor vier Jahren, so Grobe weiter.

Zunahme psychischer Erkrankungen durch die Reform der akademischen Ausbildung?
Zwar betonte der TK-Vorstandvorsitzende, dass die Vermutung nahe liege, die Zunahme der psychischen Erkrankungen könne in Verbindung mit der jüngsten Reform der akademischen Ausbildung stehen, doch einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen den Studienbedingungen und dem Gesundheitszustand der Studenten, stellte Klusen nicht her. Der für die Techniker Krankenkasse tätige Psychologe Heiko Schulz ging hier jedoch einen Schritt weiter und erklärte angesichts der Ergebnisse des Gesundheitsreports 2011, dass der sogenannten Bologna-Prozess, der zur europaweiten Einführung der Bachelor-Master-Studiengänge dient, krank mache. Studierende sollten sich daher Methoden zur Stressbewältigung und Entspannungsübungen aneignen, empfahl der Psychologe. Dabei sollten die Studenten auch lernen, mit ihren Prüfungsängsten umzugehen, so Schulz weiter.

Individuell unterschiedliche Verarbeitung der Belastungen des Studiensystems
Die Studentenwerke wollten einen Zusammenhang zwischen den Belastungen des Studium und der deutlichen Zunahme psychischer Behandlungen bei den Studenten indes nicht bestätigen. Zwar verzeichnete das Deutsche Studentenwerk in den Beratungsstellen der Hochschulen eine konstant hohe Nachfrage nach psychologischer Beratung, doch der Generalsekretär des Studentenwerks, Achim Meyer auf der Heyde, erklärte, dass hierfür nicht nicht nur die Neustrukturierung der akademischen Ausbildung verantwortlich gemacht werden könne. Auch wenn viele Bachelor-Studiengänge stofflich überfrachtet und die Prüfungsdichte bzw. der Leistungsdruck von Anfang an zu hoch sei, weil jede Prüfungsnote in die Examensnote einfließt, können nicht die Studienbedingungen alleine für die Erklärung der wachsenden psychischen Probleme der Studieren herangezogen werden, betonte Meyer auf der Heyde. Dem Generalsekretär des Studentenwerks zufolge spielen die gesellschaftlichen Erwartungen eine mindestens ebenso große Rolle. Selbst wenn die Erwarten kaum unerfüllbar sind, setzen sich die Studierenden selbst unter Druck, erklärte Meyer auf der Heyde. Dabei reagieren die Studenten nach Aussage des Experten individuell äußerst unterschiedlich in Bezug auf die Verarbeitung der Belastungen des Studiensystems.

Leistungsanforderungen im Studium extrem gestiegen
Dass die Studierenden heute deutlich häufiger wegen psychischer Probleme eine entsprechende Beratung suchen, ist dem Generalsekretär des Studentenwerks zufolge auch auf die generell erhöhte Bereitschaft, eine psychologische Beratung zu nutzen, zurückzuführen. Dies habe nicht unbedingt etwas mit der Belastung durch die Umstellung der Studiengängen zu tun. „Der Bachelor macht nicht krank“, betonte Meyer auf der Heyde. Dennoch nehmen den Angaben des Deutschen Studentenwerks zufolge jährlich mehr Studenten Kontakt zu einer der 42 Beratungsstellen auf und rund 23 000 Studenten lassen sich anschließend psychologisch beraten, erläuterte der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Dabei seien Lern- und Arbeitsstörungen, Leistungsprobleme, Arbeitsorganisation, Zeitmanagement und Prüfungsangst, am häufigsten Ursache für das Aufsuchen der Beratungsstellen. Der TK-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Klusen verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass die Leistungsansprüche an die Studenten in den letzten Jahren deutlich gestiegen seien. Die Studierenden solle ihr Studium am besten in Rekordzeit abschließen, gleichzeitig noch ein oder mehrere Auslandsaufenthalten absolvieren und Praxiserfahrung sammeln. „Wer es schafft, Beziehungen jenseits von Facebook zu pflegen, eine Familie zu gründen und seine Doktorarbeit selbst zu schreiben, hat unseren größten Respekt verdient“, betonte Prof. Dr. Norbert Klusen. Die Übrigen brauchen Unterstützung, so das Fazit des TK-Chefs. (fp)